12.07.2010

Auszug aus dem Bericht Sondergutachten von Andrea Fischer zu Missbrauch bei Jesuiten

Die frühere Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer hat dem Jesuitenorden ein Sondergutachten über die Missbrauchsfälle in dessen Einrichtungen vorgelegt. Die Katholische Nachrichten-Agentur veröffentlicht Auszüge aus dem am Montag veröffentlichten 20-seitigen Bericht.

(...) Am 27. Mai 2010 hat die Beauftragte für Fälle von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch Ordensleute, Frau Rechtsanwältig Ursula Raue, in München ihren Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens der Öffentlichkeit vorgestellt. Zwei Wochen vorher, am 13. Mai 2010, hatte der Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten, P. Stefan Dartmann, der Verfasserin des hier vorliegenden Berichts den Auftrag erteilt, in der Form eines Sondergutachtens noch einmal gesondert die Verantwortung des Ordens und der Ordensoberen in den beiden größten Missbrauchsskandalen zu untersuchen, die im Januar 2010 bekannt geworden sind. Die Aufgabe dieses Gutachtens war formuliert worden als Untersuchung des konkreten Verhaltens vor allem von zwei der bekannt gewordenen Täter und das Verhalten des Jesuiten-Ordens ihnen und den Opfern gegenüber, sowie der Umgang des Ordens mit den Opfern. Diese starke Begrenzung war vor allem dem Umstand geschuldet, dass der Bericht in möglichst kurzer Zeit erstellt werden sollte. (...) Opfer Im Bericht der Missbrauchsbeauftragten vom Mai 2010 ist von 205 Meldungen die Rede, die den Jesuiten-Orden betreffen. Pater Anton wurde 41mal im Zusammenhang mit Berlin genannt, drei weitere Meldungen kamen aus Göttingen. Pater Bertram betreffen 26 Vorwürfe aus seiner Zeit am Canisius-Kolleg, sechs Vorwürfe aus seiner Zeit an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg sowie 17 Vorwürfe, die seine Zeit in St. Blasien betreffen. Damit sind 49 Fälle bei der Missbrauchsbeauftragten angemeldet. Pater Bertram selber spricht in seinem Laisierungs-Antrag von "etlichen hundert Fällen", in denen er Kinder und Jugendliche geschlagen hat. Pater Christian wird von zwölf Meldungen beschuldigt, etliche Betroffene geben an, von mehr Fällen zu wissen. (...) Von Seiten der Opfer wurde berichtet, dass sie von weiteren Betroffenen wissen, die von sich aus darauf verzichtet haben, sich bei der Missbrauchsbeauftragten des Ordens zu melden. Darüber hinaus ist es möglich, aus der Struktur der Missbrauchstätigkeiten von Pater Anton und Pater Bertram (und den von ihm selber gemachten Aussagen) darauf zu schließen, dass die Zahl der Betroffenen deutlich höher gewesen sein dürfte als es in den Meldungen zum Ausdruck kam. (...) Die Mehrheit der Opfer, die geantwortet haben auf den Fragebogen, erwarten Hilfe bei therapeutischer Betreuung. Dazu sind inzwischen die Opfer angeschrieben und befragt worden, wessen sie genau bedürfen. Bei allem Verständnis dafür, dass der Orden Grundlagen braucht für die Beurteilung der Angemessenheit der Forderungen, ist bislang eher der Eindruck entstanden, dass die erbetenen Auskünfte in übermäßig formaler Weise erbeten wurden und eine übermäßige Vielzahl von Informationen erbracht werden müssen. Es stünde dem Orden sicher gut an, sich hier großmütig zu zeigen. Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, dass es eine pauschale Entschädigung der Betroffenen geben sollte. Dazu verweist der Jesuitenorden bislang auf die notwendige Verständigung am Runden Tisch der Bundesregierung. Nach Gesprächen mit vielen Betroffenen ist dazu zu sagen, dass der Orden hier die Möglichkeit hat, mit einer entsprechenden Initiative seinen ernsthaften Willen zur Sühne den Opfern erkennbar und spürbar zu machen. Angesichts der Tatsache, dass keine Möglichkeit zu einer strafrechtlichen Verfolgung mehr besteht, ist eine solche symbolische Geste der "tätigen Reue" von großer Bedeutung für die Opfer. Entschuldigungen wirken auf die Opfer schal, wenn sie keine Konsequenzen haben. (...) Der Jesuitenorden hat mit seinem ernsthaften Bemühen um Aufklärung und Verstehen der Fehler bislang in vieler Hinsicht beispielhaft gehandelt. Eine eigene Initiative zur Entschädigung - unabhängig vom Verhalten anderer Institutionen - hätte eine starke Wirkung auf die Opfer. Desiderata Ungeklärt sind einige Fälle, in denen sich ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs später das Leben genommen haben. Die Frage, ob dabei Missbrauchserfahrungen eine Rolle gespielt haben, steht im Raum. (...) Umgang der Jesuiten mit den Opfern Es war eine Initiative von einem jesuitischen Mitbruder, Rektor Pater Mertes, die Vorwürfe in die Öffentlichkeit zu bringen. Altschüler-Jahrgänge aus den betreffenden Jahren wurden angeschrieben, informiert und darum gebeten, sich zu melden, falls sie betroffen sind. (...) Ein Treffen der Opfer, zu dem die Missbrauchsbeauftragte eingeladen hatte, führte zu Unzufriedenheit bei etlichen Teilnehmern. Der Zusammenschluss vieler Opfer, der sich als Eckiger Tisch bezeichnet, hat daraufhin zu einem solchen in Berlin eingeladen. Zu diesem Gespräch (...) waren die damals verantwortlichen und auch die heutigen in Führungsverantwortung stehenden in die Vorgänge verwickelten Jesuitenpatres eingeladen, fünf nahmen die Einladung an, darunter ein Pater, der damals in leitender Stellung war. (...) Bei diesem Treffen wurde ebenfalls angesprochen, dass Pater Bertram in Hamburg viele Schüler in Laufgruppen betreute, die nicht unbedingt Schüler von St. Ansgar waren. Der Jesuitenorden ist derzeit dabei, eine aktuelle Adressenliste zu recherchieren. Ein Anschreiben sollte möglichst bald erfolgen. Von der Missbrauchsbeauftragten wurde die Haltung der Opfer zu Dokumentation, Entschädigung und Entschuldigung durch eine schriftliche Befragung genauer erfasst. 40 Prozent der angeschriebenen Opfer haben geantwortet auf diesen Fragebogen. (...) Von den Antwortenden haben wiederum rund 40 Prozent eine Entschuldigung für wichtig erachtet. Der Orden hat diejenigen angeschrieben, die eine persönliche Entschuldigung wollen. Der Orden insgesamt hat sich zwar bislang in Person seines Provinzials geäußert, er hat Verantwortung übernommen und sich entschuldigt. Aus Sicht der Opfer ist aber vermutlich entscheidender, dass sich die damals Verantwortlichen zu ihren Verfehlungen äußern. Drei solcher persönlicher Erklärungen (...) sind ab 13.7.10 auf der Hompage der Jesuiten öffentlich einsehbar und sollen den Opfern zugesandt werden. Weitere Erklärungen sind nach Aussagen des Provinzials in Arbeit. Es wäre auch sicher wünschenswert, es bliebe nicht bei diesen Stellungnahmen. Die Opfer, die durchweg ein großes Interesse daran haben, dass es nicht erneut zu entsprechenden Vorfällen kommen wird, erwarten eine Erklärung des Jesuitenordens, sowohl auf der Ebene der Provinz als auch auf der Ebene der römischen Ordensleitung, was er für Lehren aus dem Wissen um die damals begangenen Fehler zieht. Abschließende Anmerkungen Für die Erstellung dieses Berichts waren sämtliche Mitglieder des Jesuitenordens zu Gesprächen bereit, der Orden hat seine Akten zur Verfügung gestellt und war auch auf Nachfragen immer zu weiterer Auskunft und Unterstützung bereit. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Orden ein aufrichtiges Interesse daran zeigt, dass die Aufklärung erfolgt und dass keine Ergebnisse verschwiegen werden, mögen sie auch noch so unangenehm sein. Der Jesuitenorden hat in den hier diskutierten Fällen sexuellen Missbrauchs als pädagogische Institution und als moralische Autorität versagt. (...) Zumindest die Verantwortlichen hatten hinreichend Informationen, dass sie hätten handeln können und müssen. Zu keiner Zeit wurde an die Kinder und Jugendlichen gedacht und Sorge getragen, ihnen zu helfen. Die Konsequenzen des Nicht-Handelns waren: - Es wurde nicht nachgeforscht, in welchem Ausmaß sexueller Missbrauch durch die benannten Patres erfolgte. - Die Versetzungen haben zwar Aufmerksamkeit am jeweiligen Einsatzort verhindert, sie haben aber nicht verhindert, dass die Täter auch weiterhin Gelegenheit hatten, Jugendliche zu missbrauchen. - Die - auch zur Tatzeit bereits strafbaren - Handlungen wurden nicht verfolgt, heute ist eine Verfolgung durch die Verjährung nicht mehr möglich. (...) - Es wurden keine Vorkehrungen getroffen, dass Wiederholungen - auch durch andere Täter - nicht mehr möglich waren. Die Verantwortlichen zeigen glaubhaft Reue und stellen sich ihrer Verantwortung - das kann dennoch ihre Fehler nicht ungeschehen machen. Aber sie können versuchen, daraus Lehren zu ziehen für ihre künftige Arbeit. Die Ausbildung jesuitischer Lehrer gehört überprüft (...), damit künftig die Macht und das Vertrauen (...) nicht wieder missbraucht werden können. (...) Es ist sicherzustellen, dass das gesamte Lehrpersonal ausgebildet wird, wie sie mit Klagen von Kindern über Missbrauchserlebnisse umgehen, so dass sie mit der notwendigen Entschiedenheit und Sensibilität handeln. Dazu gehört auch die Information über die Rechtslage, damit den Lehrern bewusst ist, wann sie sich an die Staatsanwaltschaft wenden müssen. (...) Im Laufe der Untersuchung sind zum Jesuitenorden und seiner Arbeits- und Lebenswiese einige Fragen aufgeworfen worden: - Es entspricht dem jesuitischen Prinzip, dass die einzelnen Provinzen sich selbst verwalten. Dennoch: Die Erkenntnisse über die Missbräuche und die folgende Untersuchung wurden von der deutschen Provinz mit Entschiedenheit verfolgt. (...) Es hat den Anschein, als würde die Untersuchung in Chile und Spanien nicht mit entsprechender Entschiedenheit und Gründlichkeit durchgeführt. Warum gibt es kein einheitliches Vorgehen bei den jesuitischen Provinzen mit einem entsprechenden internationalen Bericht? Das Wissen um die Taten von Pater Bertram war spätestens seit dem Laisierungsantrag in der Generalskurie der Jesuiten in Rom bekannt. Es gibt keine Äußerung seitens des damaligen Generaloberen zu seinem Wissen und seinem Versäumnis, damals keine Untersuchung und ggfs. Strafverfolgung eingeleitet zu haben. (...) Damit sollte seitens der Jesuiten eine Erklärung über den Umgang mit solchen Unterlagen verbunden sein, insbesondere dazu, wie damit umgegangen wird, wenn Auskünfte über Verbrechen in diesen Unterlagen enthalten sind. Die Frage scheint nicht nur im Orden, sondern in der katholischen Kirche überhaupt eine zu klärende zu sein. Diese Forderung ist dringlich, weil das Schweigen der Kirche dazu beigetragen hat, dass die Vergehen nicht verfolgt wurden. (...) Einige der in den 70er und 80er Jahren verantwortlichen Oberen haben bislang schriftliche Stellungnahmen zu ihrer Verantwortung erstellt, aber nicht alle. Zudem sind sie bislang nicht veröffentlicht worden, geschweige denn haben sich ihre Verfasser - bis auf eine Ausnahme - der persönlichen Auseinandersetzung mit den Opfern gestellt. Welche Konsequenzen ziehen die Jesuiten aus ihren Erkenntnissen der letzten Monate? Dies betrifft ihren Umgang untereinander, ihre pädagogische Arbeit mit Jugendlichen, ihre Offenheit für kritische Überprüfung, ihr Selbstbild. Bei Befragungen in den jeweiligen Kollegien wurde immer wieder geäußert, dass selbst bei Wissen (...) dieses vielleicht nicht für weitere Aktivitäten genutzt worden wäre, weil es einen deutlichen Unterschied zwischen Jesuiten und Nicht-Jesuiten in den Kollegien gab, der letztere daran gehindert hätte, Kritik zu äußern. (...) Es ist zu klären, ob heute noch Strukturen an den Kollegien bestehen, die eine offene Diskussion von Fehlern erschweren. (...) Die Einsetzung des Runden Tischs der Bundesregierung hat dazu geführt, dass in diesem Zusammenhang über Prinzipien und Verfahren für Organisation und Durchführung von Entschädigung gesprochen werden soll. Mit Verweis auf diese Verpflichtung ist der Jesuitenorden dem Anspruch von Opfern auf Entschädigung begegnet. Es ist derzeit nicht absehbar, wann der Runde Tisch eine entsprechende Vereinbarung treffen wird. Angesichts der Tatsache, dass mit dem Bericht der Missbrauchsbeauftragten ein unbestrittenes Dokument über die Vorfälle vorliegt und auch angesichts der Tatsache, dass aus dem Dokument und aus Gesprächen bekannt ist, dass und wie die Opfer geschädigt worden sind, sollte der Jesuitenorden nicht länger auf die Ergebnisse des Runden Tisches warten und nach einem eigenen Weg suchen für Entschädigungsverfahren.

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