22.04.2010

Canisius-Rektor Mertes zum Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch "Große Chance für die Kirche"

Mit einem Brief an ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs hat dessen Rektor, Pater Klaus Mertes, eine bundesweite Debatte über sexuellen Missbrauch ausgelöst. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Mittwoch in Berlin äußerte sich Mertes über seine Erwartungen an den Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch, der am Freitag zum ersten Mal zusammenkommt.

KNA: Herr Pater Mertes, was erhoffen Sie sich vom Runden Tisch? Mertes: Ich erhoffe mir zweierlei: zum einen Anregungen und Überlegungen zum Stichwort Prävention; zum anderen größere Klarheit beim Thema Entschädigung, der - so formuliere ich es lieber - Anerkennung des zugefügten Leidens auf einer finanziellen Ebene. Eine gemeinsame Lösung zu finden, wäre sehr wünschenswert - zusammen mit den anderen Orden, Kirchen, mit allen anderen - auch staatlichen - Trägern von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, in denen Missbrauch geschehen kann. Für uns wäre es zum Beispiel eine große Hilfe, wenn es eine bundesweit einheitliche Klärung etwa für mögliche Pauschalbeträge gäbe. KNA: Ein strittiges Thema beim Umgang mit Missbrauchsfällen ist die Anzeigepflicht. Wie stehen Sie dazu? Mertes: Unstrittig ist, dass es bei bestimmten Straftaten eine solche Anzeigepflicht gibt und dass die Kirche ihrerseits keine parallelen Strafverfahren einrichten will in der Absicht, staatliche Strafverfahren zu ersetzen. Gegenüber einer generellen Anzeigepflicht bin ich aber skeptisch, wie die Opferverbände, mit denen ich Kontakt habe, übrigens auch. Die Staatsanwaltschaft ist keine Opferschutzorganisation. Im Interesse des Opferschutzes müsste deshalb geschaut werden, was Anzeigepflichten für die Opfer und ihre Möglichkeiten zu sprechen bedeuten. KNA: Unabhängig vom Runden Tisch geht die innerkirchliche Debatte über den Umgang mit Missbrauchsfällen weiter. Sind die Voraussetzungen für die von vielen Bischöfe geforderte Reinigung der Kirche da? Mertes: Ich glaube, dass die Meldungen der Opfer für die Kirche eine ganz große Chance sind, aus einer kritischen Perspektive auf sich selbst zu schauen. Das ermöglicht eine Selbstprüfung und da, wo es notwendig ist, auch eine Selbsterneuerung. KNA: Es gibt auch viele Priester, die jetzt eine sterile Seelsorge befürchten. Ist diese Furcht berechtigt? Mertes: Das Allerwichtigste ist, sich in der Seelsorge nicht von Ängsten um sich selbst abhängig zu machen. Wenn ein Kind zu mir kommt, sich mir anvertraut, sich mir schluchzend in die Arme wirft, dann darf ich es in meinen Armen weinen lassen. Missbrauch hat auch mit mangelnder Souveränität zu tun. Machtmissbrauch ist ein extrem unsouveränes Verhalten. Umgekehrt aber kann ich Vertrauen annehmen, wenn ich das, was ich dabei lebe, zugleich auch immer offen legen kann. KNA: Welche praktischen Konsequenzen hat Ihre Schule für die Präventionsarbeit aus der Aufarbeitung bislang gezogen? Mertes: Eine Institution alleine ist mit Prävention und Aufarbeitung von Missbrauch überfordert. Deswegen sind Kooperationen wichtig. Wir sind gerade dabei, Kontakte zu Opferschutzverbänden wie Tauwetter und Wildwasser zu knüpfen. Darüber hinaus sind die Beschwerdeverfahren noch einmal zu durchdenken. Die Förderung regelmäßiger Reflexion über Nähe- und Distanzverhalten im Lehrberuf scheint mir ebenfalls ein Schlüsselthema zu sein. Interview: Birgit Wilke

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