Kinderschutzexpertin sieht weltweite Bewegung bei Missbrauch
Symbolbild Missbrauch
Annette Jantzen
Annette Jantzen

05.03.2021

BDKJ über Diskussionsreihe im Bistum Aachen "Aufarbeitung im Nahbereich tut weh"

Nach der Veröffentlichung des Aachener Missbrauchsgutachtens im November gibt es im Bistum nun Konsequenzen mit einer Reihe öffentlicher Diskussionen. Kritisch begleitet wird das Thema vom BDKJ Diözesanverband.

DOMRADIO.DE: Was ist im Bistum Aachen seit der Veröffentlichung des Gutachtens passiert in Sachen weiterer Aufarbeitung sexualisierter Gewalt?

Dr. Annette Jantzen (Geistliche Verbandsleitung des BDKJ Aachen): Unser Bischof hat angekündigt, dass er eine Runde von unabhängigen Expertinnen und Experten, Beraterinnen und Beratern zusammenbringen will, die aus diesem Gutachten die nächsten Schritte ableiten wird. Soweit ich weiß, wird das in Kürze geschehen.

DOMRADIO.DE: Das Gutachten steht öffentlich im Netz, jeder kann es auf der Internetseite der Kanzlei Westphal Spilker Wastl herunterladen. Seitdem sind einige Monate vergangen, konnten Sie sich eine Meinung bilden?

Jantzen: Es war ja so, dass die Fälle die dort rekonstruiert worden sind und in anonymisierter Form wiedergegeben wurden, alle nicht neu waren. Das war auch nachdem man die MHG-Studie gelesen hat nicht neu. Das was neu ist bei uns: Jetzt hat sexualisierte Gewalt genau in unserem Bistum Namen und Gesicht bekommen. Und das geht natürlich in Bereiche rein wo es wehtut, weil es Menschen sind, die man gekannt hat, mit denen man zusammengearbeitet hat, die wir geschätzt haben. Und wo wir jetzt in das Bild dieser Menschen integrieren mussten, dass es da diese dunklen Flecken gibt, die diese dunkle Seite an sich haben und die so gehandelt haben wie es in diesem Gutachten jetzt nachzulesen ist.

DOMRADIO.DE: Entschuldigt hat sich bisher noch niemand, auch vom emeritierten Bischof Mussinghoff hört man nichts. Wäre es jetzt nicht auch an der Zeit, dass da jemand Verantwortung übernimmt?

Jantzen: Ich denke schon. Ich würde es jedem Bischof, der in der Zeit bis die MHG-Studie erschienen ist, Bischof war, eigentlich auch wünschen. Ich glaube, es gibt niemanden, der in unserer Kirche Personalverantwortung getragen hat, die oder der sich davon freisprechen kann. Eigentlich wäre das der richtige Weg diese Monströsitäten anzuerkennen auch da wo sie als scheinbare Verwaltungsakte dahergekommen sind, entweder als Eintrag in der Personalakte oder eben als kein Eintrag in der Personalakte.

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf das, was Sie jetzt vorhaben in Ihrer Veranstaltungsreihe. Die erste Veranstaltung, das erste Podium zum Gutachten heißt „Kirche und Sexualität – Eine gestörte Beziehung“ Was sind die Kernpunkte dieser gestörten Beziehung?

Jantzen: Ich denke, dass die kirchliche Sexuallehre in sich auch schon eine Form von geistlichem Machtmissbrauch in sich trägt. Indem sie für Menschen, die nicht dem kirchlich erwünschten Bild entsprechen, dass Sexualität nur zwischen Mann und Frau und nur in der Ehe ihren Platz hat, definiert, was ihre Sexualität in ihrem Leben zu bedeuten haben soll. Diese Definitionsmacht der Kirche über die Sexualität der Gläubigen, die geht nicht mehr auf. Wir müssen zu einer Lehre kommen, die den Menschen selber in seiner Personalität auch anerkennt und eben anerkennt, dass niemand für jemanden anders definieren kann wie er oder sie zu fühlen hat.

DOMRADIO.DE: Inwieweit ist die aktuelle Bistumsleitung denn in die Veranstaltungsreihe miteingebunden?

Jantzen: Bischof Dieser wird genau bei der Veranstaltung, die Sie gerade schon genannt haben "Kirche und Sexualität – Eine gestörte Beziehung" am 19. März zu Gast sein, gemeinsam mit Birgit Mock. Wir haben da sehr bewusst die beiden Leiterinnen und Leiter des Synodalforums Kirche und Sexualität eingeladen. Auch der Generalvikar wird in einer anderen Veranstaltung der Reihe zu Gast sein und zwar in der wo es um Klerikalismus geht "Erkennen und überwinden."

DOMRADIO.DE: Klerikalismus ist ein gutes Stichwort .Wenn wir von Missbrauch sprechen, sprechen wir auch immer von systemischen Ursachen. Klerikalismus wird da diagnostiziert, Männerbünde, hierarchische Strukturen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich da in absehbarer Zeit etwas bewegen kann in der katholischen Kirche?

Jantzen: Sie sagten gerade hierarchische Strukturen. Ich glaube, es sind auch oft unklare Strukturen. Das sieht von außen aus, wie ein monolithischer Block und von außen denkt man, es ist klar wer da das Sagen hat, aber innen in der Organisation gibt es ganz viel ungeklärte Machtausübung. Ich denke, dass sich das bei uns im Bistum jetzt auch dank dieses Gutachtens und dank der vielen Diskussionen, die wir jetzt im innerkirchlichen und außerkirchlichen Bereich führen, ändern wird. Da ist auch ein Aufbruch zu spüren. Das ist zum Beispiel daran zu sehen, dass die Hauptabteilungsleitung für das pastorale und das nichtpastorale Personal jetzt nicht mehr bei einem Priester liegt, sondern bei einer Frau.

DOMRADIO.DE: Jetzt diskutieren Sie eben weiter in Ihrer Podiumsveranstaltung. Was versprechen Sie sich von dieser Diskussion oder was erhoffen und wünschen Sie sich?

Jantzen: Ganz realistisch würde ich mir erhoffen, dass das noch mal Anstöße gibt, die dann auch im Synodalen Weg noch mal ihre Kraft entfalten können und für unser Bistum erhoffe ich mir, dass bei uns daraus auch neue Leitlinien der Pastoral erwachsen können oder auch eine neue Kultur des "Miteinander-Worte-Findens" wachsen kann. Denn die Studie hier über unser Bistum hat ja auch gezeigt, wie viel Sprachlosigkeit es gegeben hat in Bezug auf sexualisierte Gewalt. Auch, dass Reden über Sexualität bei uns, der lehramtlichen Klarheit zum Trotz, immer noch ein großes Tabu ist.

Das Gespräch führte Hilde Regeniter.

(DR)

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