Kreuz in einer Sakristei
Kreuz in einer Sakristei

23.11.2019

Missbrauchsfälle bringen Kirchenobere in Erklärungsnot Gemeinden bekunden Empörung über die Versetzungspraxis

Ein Missbrauchsfall bringt Gemeinden in Aufruhr und Bischöfe in Erklärungsnot: Trotz Verurteilungen konnte ein Priester in drei Bistümern als Seelsorger arbeiten.

Das Kirchenvolk schäumt. Wie kann ein Priester, der zweimal wegen Missbrauchs verurteilt wurde, in drei Bistümern über Jahrzehnte als Seelsorger arbeiten? Der Fall des inzwischen 85-jährigen Geistlichen löst an der Kirchenbasis blankes Entsetzen aus. Generalvikare und Bischöfe reisen in betroffene Gemeinden, um das Unerklärliche zu erklären. Münsters Oberhirte Felix Genn wählte am Freitag zudem die ungewöhnliche Form eines offenen Briefes, um Systemfehler zu benennen und eigene Fehler einzugestehen.

Der Fall war Mitte November bekannt geworden. Der Geistliche aus dem Erzbistum Köln war 1972 wegen "fortgesetzter Unzucht mit Kindern und Abhängigen" zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Bereits ein Jahr später konnte er wieder in der Seelsorge tätig werden - im Bistum Münster. Dort wurde er wieder auffällig und erhielt 1988 eine Bewährungsstrafe. Daraufhin setzte ihn sein Heimatbistum in einem Kölner Altenheim ein. Im Ruhestand konnte er von 2002 bis 2015 ungehindert in der Pfarrseelsorge in Bochum-Wattenscheid mitarbeiten.

"Ich kann auch nur kopfschüttelnd davorstehen", so Generalvikar Klaus Winterkamp

Der Fall sorgt auch in Westerkappeln für Unruhe, eine der rund zehn Seelsorgestationen in der Laufbahn des Priesters. Bei einem Informationsabend am Donnerstagabend stellt sich der Münsteraner Generalvikar Klaus Winterkamp bohrenden Fragen. "Ich kann auch nur kopfschüttelnd davorstehen", sagte er laut Portal kirche-und-leben.de. Die Entscheidung des damaligen Bischofs Heinrich Tenhumberg (1915-1979) und seines Personalreferenten, den zuvor inhaftierten Priester ins Bistum Münster zu holen, sei "vollkommen verantwortungslos" gewesen. Die beiden hätten von der Vorgeschichte gewusst; ihr Verhalten sei nicht zu erklären.

Bohrenden Fragen sieht sich auch Essens Generalvikar Klaus Pfeffer ausgesetzt, der sich am Donnerstag mit den Gremien der Pfarrei Sankt Gertrud in Bochum-Wattenscheid trifft. Dabei bittet er um Entschuldigung dafür, dass die Menschen in der betroffenen Gemeinde Sankt Joseph jahrelang von der Vergangenheit des Priesters nichts wussten. Der sei als 65-Jähriger auf eigenen Wunsch in den Ruhestand nach Bochum gewechselt.

Pfeffer nennt keine Namen

Nachdem Gemeindemitglieder das Ruhrbistum über die Verurteilungen berichtet hatten, bestätigte das erst daraufhin eingeschaltete Erzbistum Köln die Vorgeschichte. Eine psychologische Beurteilung durch den langjährigen Therapeuten des Geistlichen ergab, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgehe. Der Seelsorgeeinsatz sei aus heutiger Perspektive aber "ein verheerender Fehler" gewesen, so Pfeffer. Zugleich zeigt er sich besorgt: Hoffentlich ist es zu keinem weiteren Missbrauch gekommen.

Im Gegensatz zu Winterkamp nennt Pfeffer keine Namen der damals Verantwortlichen. Die Sache war kompliziert: Der Wechsel ins Bistum Essen geschah, nachdem Ruhrbischof Hubert Luthe 2002 in den Ruhestand getreten war und der damalige Weihbischof Franz Grave und als sein Stellvertreter der langjährige Generalvikar Dieter Schümmelfeder übergangsweise die Diözese leiteten. Luthes Nachfolger Felix Genn, der von 2003 bis 2009 dem Bistum vorstand und dann nach Münster wechselte, bekennt sich in dem Fall zu seiner grundsätzlichen Verantwortung als Bischof. Zugleich betont er aber, erst Anfang Mai 2019 davon erfahren zu haben. Dem Essener "Apparat" von damals hält er vor, ihn nicht informiert zu haben. "Ich bin verärgert darüber", so Genn.

Genn entschuldigte sich

In einem anderen Fall, von dem das Bistum 2010 erfuhr, räumt Genn persönliche Fehler ein. Ein in den 1980er Jahren in Kevelaer tätiger Kaplan missbrauchte über einen längeren Zeitraum in der Beichte ein Mädchen. Genn entschuldigte sich dafür, dass er dem später nach Wadersloh-Bad Waldliesborn gewechselten Geistlichen nicht deutlich genug untersagt habe, öffentlich Gottesdienste zu feiern. Zudem hätte er die Verantwortlichen in der Pfarrei umfassend informieren müssen.

Ob solche Entschuldigungen angenommen werden? Genn wird es erfahren, wenn er nächste Woche die Pfarrei in Wadersloh besucht. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck wird am Sonntag in Bochum-Wattenscheid erwartet.

Andreas Otto
(KNA)

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