Gräber auf einem Friedhof
Gräber auf einem Friedhof
Trauernde möchten individuell begleitet werden
Individueller Grabstein mit Boxhandschuhen

26.10.2019

Experten fordern neue Bestattungsformen Damit Friedhöfe nicht sterben

Wie sieht die Zukunft des Friedhofs aus? Welche neuen Bestattungsformen werden gewünscht? Und kann aus dem vermeintlichen Ort der Trauer auch eine Begegnungsstätte werden? Experten diskutieren darüber in Köln.

"Schön, dass Sie dabei sind, wenn die Zukunft der Friedhöfe beginnt." Diese Botschaft begrüßt die Besucher des Kongresses "Heilsame Abschiede. Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität" am Freitag in Köln. Es soll also im Maternushaus über die Zukunft des Ortes gesprochen werden, der wie kein zweiter die Vergänglichkeit symbolisiert.

"Das ist schon merkwürdig für ein solches Event", sagt auch der Soziologe und Zukunftsforscher Matthias Horx, der die Tagung moderiert.

Horx findet vor den rund 300 Gästen, die beruflich mit Friedhofsplanung und Trauerarbeit befasst sind, kritische Worte: Das Trauern werde in der Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt. Davon seien besonders die Friedhöfe als Ort des Trauerns betroffen.

Eine Diskussion über deren Zukunft hält er deswegen für unbedingt nötig. "Die traditionelle Begräbniskultur ist in die Krise geraten, weil sie auf den Wertewandel der Gesellschaft keine treffende Antwort findet."

Individualisierung der Bestattung

Worin genau dieser Wertewandel besteht, macht der Passauer Soziologe Thorsten Benkel deutlich: "Es geht um die Individualisierung der Bestattung." Benkel, der sich noch als "Traueramateur" bezeichnet, hatte nach eigenen Angaben für seine Forschung rund 11.000 Friedhöfe in Deutschland besucht und dort Beispiele für individuell gestaltete Grabsteine gesammelt.

Diese variierten zum Teil stark: Neben dem noch als klassisch geltenden Foto auf dem Grabstein fanden sich auch solche mit durchaus provokanten Zitaten ("Hier liegen meine Gebeine, ich wünscht mir es wären Deine"), dem Emblem des Lieblingsvereins oder Stelen in Form einer Videospielfigur.

Benkel schlussfolgert aus seinen Beobachtungen, dass es einen weit verbreiteten Wunsch gebe, sein Grab oder das eines Angehörigen einzigartig zu gestalten. Hier liege allerdings das Problem von Friedhöfen: "Mit diesen Wünschen kann die momentane Bestattungskultur in Deutschland nicht mithalten."

Daher spricht er sich für eine Liberalisierung der Friedhofspflicht aus, wie sie in den Niederlanden und in der Schweiz zu finden sei. Das Argument, dass eine solche Lockerung der Regeln den Friedhöfen eventuell noch mehr schaden könne, wehrt er ab. "Dort, wo mehr möglich ist, blühen die Friedhöfe."

Zwei klare Regeln

Ein praktisches Beispiel für eine solche Individualisierung stellt der Bestattungsunternehmer David Roth aus Bergisch Gladbach vor. Der von ihm betriebene private Friedhof biete Hinterbliebenen eine weitaus größere Vielfalt bei der Grabgestaltung und beim Trauern, als es sonst in Deutschland möglich sei.

Klare Regeln gebe es nur zwei: Die Gräber dürften nicht anonym sein, und die Hinterlassenschaften von Tieren müssten selbst entsorgt werden. "Ansonsten wollen wir möglichst wenig Verbote aussprechen, sondern vielmehr Anregungen zur Grabgestaltung bieten."

Roth betont, wie wichtig das Gespräch mit den Angehörigen sei. "Wir wollen den Menschen Zeit und Raum geben, um uns zu sagen, was ihnen wirklich wichtig ist." So könne es auch zu auf den ersten Blick skurril wirkenden Situationen kommen: "Einmal wurde ich gefragt, ob man auf dem Friedhof auch grillen darf", erinnert sich Roth.

Für ihn sei die Anfrage sehr gut nachvollziehbar gewesen und nicht etwa "pietätlos" - ein Ausdruck, den er ohnehin nicht gerne höre. "Für uns soll der Friedhof ein lebendiger Ort der Gemeinschaft und des Austauschs sein." Um diese Vision zu fördern, veranstalte sein Haus einmal im Jahr ein Sommerfest mit Livemusik auf dem Friedhofsgelände. "Dabei sitzen die Menschen auch problemlos mitten zwischen den Gräbern."

Projekte wie der private Friedhof in Bergisch Gladbach sind in Deutschland jedoch auf Grund der Gesetzlage kaum möglich. Dabei seien sie für die Zukunft der Friedhofsbetriebe unerlässlich: Aus einer repräsentativen Umfrage der Verbraucherinitiative Aeternitas im Oktober geht hervor, dass bereits jeder zweite Bundesbürger ein Begräbnis außerhalb der Friedhöfe in Betracht ziehe. Insofern können die Ergebnisse der Konferenz einen wichtigen Anstoß geben - damit der Ort der Verstorbenen nicht selbst bald stirbt.

Johannes Senk
(KNA)

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