Der Schatten eines Pilgers mit einem Stock auf dem Jakobsweg
Der Schatten eines Pilgers mit einem Stock auf dem Jakobsweg

06.02.2019

Ehrenamtliche Pilgerherbergsleiter auf dem spanischen Jakobsweg "Für mich ist das stationäres Pilgern"

Auf dem Jakobsweg durch Nordspanien fungiert eine Herberge stets als Mikrokosmos des Pilgerwesens. Der Paderborner Freundeskreis der Jakobuspilger schult ehrenamtliche Herbergsleiter für diese Aufgabe.

Sie machen Frühstück, sind Seelentröster und müssen gleichzeitig zusehen, dass genügend Klopapier da ist. Die Rede ist von Pilgerherbergsleitern - spanisch: "Hospitaleros". Bei ihnen verknüpfen sich praktische Aufgaben und psychologisches Fingerspitzengefühl. Der Freundeskreis der Jakobuspilger Paderborn bereitet seit knapp zehn Jahren alljährlich vor dem Saisonstart Freiwillige aus Deutschland auf die komplexen Tätigkeiten in der von ihm unterhaltenen 26-Betten-Herberge in Pamplona vor: mit einem zweiwöchigen Spanischkurs vor Ort und grundlegenden Lektionen. Hier lernt man, wie man Pilger empfängt, was sie brauchen, wie der Ablauf in der Herberge, wo medizinische Hilfe zu finden ist.

Damit bekommen sie das Rüstzeug für ihre Einsätze zwischen Anfang März und Ende Oktober, jeweils als Zweierteam, drei Wochen lang.

Seitenwechsel vollziehen

Jeder weiß, dass die Arbeitstage in der Herberge "Casa Paderborn" lang und strapaziös sein können, "manchmal von morgens um fünf bis abends um elf", sagt Marianne Pohl, 74, die das Programm mit koordiniert hat. Voraussetzung, sich für den Paderborner Freundeskreis als "Hospitalero" einzubringen, ist, bereits selbst gepilgert zu sein. "Einen Seitenwechsel vollziehen", nennt das Peter Brieger, 69, pensionierter Diplom-Sozialpädagoge und einer der angehenden Herbergsleiter.

"Einmal habe ich meine tiefen Gedanken mit einem Hund geteilt, wie mit einem Freund", bekennt Dieter Jeworutzki, 79; er weihte den Vierbeiner bei einer Rast auf seiner Pilgerschaft in die Befindlichkeiten ein. "Bei mir war es ein Schmetterling", erinnert sich Rosi Büttemeyer, 67, ehemalige Buchhalterin aus Grevenbroich.

Pilger wissen, dass sie unterwegs auch sich selbst auf sonderbarste Weise kennenlernen, Grenzerfahrungen machen und der Tränenfluss irgendwann unaufhaltbar ist. Umso schöner ist es, nach absolviertem Tagespensum irgendwo anzukommen und ein Stück Geborgenheit zu spüren: in einer Pilgerherberge.

Kursabsolventin Maria Dierich, 66, pensionierte Grundschulleiterin aus Paderborn, weiß ganz genau, "wie hilfreich und aufbauend das ist, da freundlich empfangen zu werden". Achim van Remmerden, 63, Kriminalbeamter im Ruhestand, spricht das aus, was alle so oder ähnlich empfinden: "Was ich an Hilfe von Hospitaleros empfangen habe, will ich nun zurückgeben."

Schlüsselerlebnis gab den Anstoß

Für die gelernte Hebamme Marita Jeworutzki, 67, gab ein Schlüsselerlebnis den Anstoß. Über Nacht in einer Herberge ging es ihr schlecht. Es war ihr, als würde sich ihre Seele übergeben. Am Morgen konnte sie unmöglich aufbrechen. Sie erinnert sich: "Da legte mir der Hospitalero ein Polster auf eine Bank und eine Enya-CD ein, brachte eine Wolldecke. Er war nah und für mich da, ohne sich aufzudrängen. Das war ganz wertvoll." Nun hofft sie, bei Bedarf Pilgern ähnlich beistehen zu können. Wobei sie und ihr Mann Dieter bereits vier Wochen in einer Herberge in Astorga bei der Pilgerbetreuung mitgeholfen haben. Zum Tagesablauf gehörte, Geschirr zu spülen, zu putzen, den Müll wegzubringen, an der Rezeption Pilger zu empfangen, sie zu den Betten zu geleiten. Einmal linderten sie die Beschwerden eines körperlich Angeschlagenen mit Fußbädern aus Salzwasser und Essig.

Tina Kron, 55, aus Gelsenkirchen, hat schon als Pilgerin in der "Casa Paderborn" in Pamplona übernachtet und fühlte sich nach einem gravierenden Tief von den "Hospitaleros" derart aufgefangen, dass sie danach nichts mehr bremsen konnte. Und warum sie am Ende ihrer Pilgertage in Richtung Santiago de Compostela vor der Quartiernahme stets eine Kirche aufsuchte, obwohl sie, wie sie sagt, "mit der Institution Kirche gebrochen" hat, kann sie sich bis heute nicht erklären. "Aber es hat mir immer viel Kraft gegeben", reflektiert sie.

Zuhören können

"Wenn man nicht zuhören kann, ist man hier nicht richtig", umreißt Marianne Pohl die Basisanforderung für die Ehrenamtler. Der Frankfurter Arno F. Kehrer der in der Diakonie arbeitet, möchte bei seinem Einsatz in der Herberge "Pilgern Raum geben - auch Schutzraum". Und der 57-Jährige fügt an: "Für mich ist das stationäres Pilgern. Die Begegnungen, wie ich sie sonst auf dem Weg habe, habe ich hier."

"Diese Vorbereitung ist ausgesprochen hilfreich", resümiert Marianne Pohl auch aus eigener Erfahrung. Immerhin hat sie selber bereits einige Einsätze als Freiwillige gestemmt. Und im Notfall hat sie auch schon mitgeholfen, Rückflüge für Erkrankte zu arrangieren. Das sei zum Glück allerdings die Ausnahme.

Andreas Drouve
(KNA)

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