Weihnachten auch Trauer zulassen
Trauer zulassen
Schwester Theresita Maria Müller SMMP
Schwester Theresita Maria Müller SMMP

18.11.2018

Wie überstehen wir den Tod eines gebliebten Menschen? "Ich habe das Recht auf Trauer und weiterzuleben"

Wer einen geliebten Menschen verliert, für den bricht die Welt zusammen. Wie findet man einen Weg zurück ins Leben und in den Alltag? Ein neues Buch versammelt 22 Geschichten darüber, wie wir trauern und weiterleben können.

DOMRADIO.DE: Normalerweise redet man ja nicht gerne über den Tod. Viele macht er regelrecht sprachlos. Fest steht aber auch, verdrängt man seine Gefühle beim Tod eines nahestehenden Menschen, setzt man seine seelische Gesundheit aufs Spiel. In dem Buch "Wie den Tod eines anderen überstehen", das Sie mit herausgeben, berichten 22 Menschen aus ihrer persönlichen Betroffenheit heraus, wie sie mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen. Welche Überlebensstrategie ist aus Ihrer Sicht am sinnvollsten?

Schwester Theresita Maria Müller (Redakteurin im Bereich Kommunikation und Fundraising des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken): Auf jeden Fall ist wichtig, die Trauer zuzulassen, denn jeder hat ein Recht auf seine eigene Trauer, auf die Länge und die Intensität der Trauer. Und es ist gut, Erinnerungen und Orte zu schaffen im Haus, auf dem Friedhof, in der Kirche und in der eigenen Seele, wo der Tod weiter präsent bleiben darf. Und da gibt es ja ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Auf jeden Fall sollte man nicht nur verdrängen, sondern mit diesen Gefühlen leben, sie da sein lassen, und dann kann irgendwann nach einer langen Zeit auch wieder neue Lebensqualität entstehen. Genau davon berichten diese 22 Menschen, die ich gebeten habe, davon zu erzählen.

DOMRADIO.DE: Der Tod eines Menschen ist eine unfassbare Situation. Und doch haben sich 22 Menschen bereiterklärt, in dem Buch Ihre Sicht der Dinge zu schildern und im besten Fall auch Mut zu machen. Wie gelingt es trotz Schmerz und Trauer, das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen?

Müller: Ganz viele haben erzählt, dass ihnen Familie, Freunde und Menschen um sie herum das Gefühl gegeben haben: Du bist nicht allein, wir fühlen mit dir. Sehr viele haben auch erzählt, dass ihnen die Erfahrungen anderer geholfen haben. Die haben dann ganz viel darüber gelesen, wie andere mit diesem Schicksal umgegangen sind. Viele haben sich das Ganze von der Seele geschrieben. Und natürlich haben auch alle durchgehend gesagt, unser Glaube hat uns Kraft und Mut gegeben. Denn die Reihe, in der das Buch erschienen ist, heißt ja "Das Leben fragt, Christen antworten" und da geht es darum, wie diese besonderen Momente im Leben aus christlicher Perspektive bestanden und bewältigt werden können.

DOMRADIO.DE: Sie haben den Glauben gerade angesprochen: Welche Rolle spielt er konkret bei der Trauerverarbeitung?

Müller: Das Wissen, das der Mensch nicht ins Nichts verloren ist, sondern weiterlebt und existiert. Seine Persönlichkeit, das was ihn ausgemacht hat, lebt weiter. Er lebt jetzt nicht mehr hier sichtbar, greifbar bei mir, sondern ist einen Schritt weitergegangen oder eine Etage höher gestiegen, wie es in einem der Gebete heißt, die wir in dem Buch abgedruckt haben. Die Person lebt jetzt bei Gott. Und dadurch ist auch der Himmel nicht mehr nur mit fremden Heiligen und mit dem oft unfassbaren Gott bewohnt, sondern auch mit Menschen, die mir nahestehen. Und das ist in der Tat ein großer Trost, auch wenn dieser schreckliche Schmerz bleibt.

DOMRADIO.DE: Wer trauert, lebt im Ausnahmezustand. Man leidet körperlich und seelisch, den Alltag zu organisieren, fällt schwer. Trauernde sind aber gleichzeitig nur selten in der Lage, um Hilfe zu bitten. Umso mehr sollte man auf Trauernde aktiv zugehen. Wie macht man das am besten?

Müller: Oft ist es leichter, wenn man nicht ganz enge Vertraute wie die Geschwister oder die engsten Freunde ständig um sich hat, sondern wenn man auch mit etwas entfernteren Menschen spricht, die etwas neutraler dastehen und nicht selbst unter dem Schmerz leiden. Für viele ist es auch hilfreich in eine Trauergruppe zu gehen. Nicht direkt, aber frühestens nach zwei Monaten, wo ich erfahre, dass es andere gibt, die trauern und wo ich immer wieder die Gelegenheit habe zu weinen, zu erzählen und miteinander nach Überlebensstrategien – im wahrsten Sinne des Wortes – zu suchen. Solche Angebote gibt es auch für trauernde Kinder.

DOMRADIO.DE: Sie haben diese Gruppen, die man besuchen kann, angesprochen. Was kann man sonst tun, um die drohende Einsamkeit zu verhindern?

Müller: Sich selber zuzugestehen, ich habe das Recht weiterzuleben, ich habe das Recht weiter zu essen und mich weiter zu freuen, mit Freunden auszugehen und mal schön essen zu gehen oder ins Theater zu gehen. Man muss sich zugestehen: Ich habe das Recht auf meine Trauer, aber ich habe auch das Recht weiterzuleben. Das ist mir auch in manchen Gesprächen so gesagt worden. Zum Beispiel von einer jungen Frau, die ihren Mann verloren hat: "Ich wollte gar nicht mehr essen und meine Kinder mussten mich daran erinnern: 'Mama, iss!'" Das Leben geht ganz anders weiter, aber es geht weiter, und ich habe auch das Recht am Leben weiter teilzunehmen. Das ist, glaube ich, ganz wichtig.

DOMRADIO.DE: Wir schauen noch einmal ganz kurz in Ihr Buch: Ist da eine Geschichte, die sie ganz besonders beeindruckt hat?

Müller: Ja, von Katrin. Katrin hat zwei Kinder und dann in der Schwangerschaft des dritten Kindes erfahren, dass es nicht lebensfähig sein wird. Sie hat sich aber entschlossen, es auszutragen, hat das Kind Leonie genannt und dann im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft sogar ein Fotoshooting gemacht. Das ist auch im Buch abgebildet. Da sieht man Katrin mit ihrem dicken Babybauch, auf den die beiden anderen Kinder den Namen Leonie geschrieben haben. Und Katrin hat das Kind dann auch geboren, es lebte noch eine Stunde und ist dann verstorben. Das Kind blieb aber noch tagelang im Krankenzimmer, und alle durften es besuchen, so wie man es auch bei einer normal niedergekommenen Mutter macht. Das hat mich kolossal berührt. Und durch diese Geschichte ist sie mit vielen Menschen in Kontakt gekommen und hat ihnen Mut gegeben. Das ist eine besonders berührende Geschichte.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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