Rechtsextremismus in Deutschland
Rechtsextremismus in Deutschland

03.05.2018

Reportage über den Kampf dreier Pfarrer gegen Rechts Wehret den Anfängen

Wasser predigen und Wein trinken – das ist nicht das Ding von Charles Cervigne, Wilfried Manneke und Michael Kleim. Seit Jahren engagieren sich die Pfarrer gegen Rechtsextreme und riskieren dabei ihr Leben.

"Wenn wir die Gnade Gottes erwarten, müssen wir Menschen erst einmal anfangen, selbst gnädig untereinander zu sein." Das sagt Charles Cervigne, einer von drei Pfarrern, die für ihr von der christlichen Lehre inspiriertes gesellschaftliches Wirken bedroht und tätlich angegriffen werden. In ihren Gemeinden schließen sich die Reihen gegen Gewalt und das dahinter stehende rechte Gedankengut.

Pfarrer mischen sich ein

Auch Wilfried Manneke und Michael Kleim engagieren sich gegen Aufmärsche und Aktivitäten von Rechtsextremen und Neonazis. Sie wenden sich gegen die Ausgrenzung von Menschen, die aus anderen Ländern vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland fliehen mussten.

Auch wenn sie mit ihren Aktivitäten den Zorn militanter Gewalttäter auf sich ziehen, mischen sich die Pfarrer aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen ein.

Die Autoren Dominique Klughammer und Stefan Suchalla haben die Geistlichen für ihre Reportage interviewt und die Reaktionen ihrer Gemeinden eingefangen. Ihr Beitrag "Menschen hautnah: Wir kriegen dich! Pfarrer im Visier der Rechten" entstand im Auftrag von MDR, NDR und WDR. Der Kölner Sender strahlt den halbstündigen Beitrag an diesem Donnerstag um 22.40 Uhr aus.

Wilfried Manneke demonstriert mit vielen Mitstreitern seit Jahren dafür, dass die Lüneburger Heide bunt bleibt und nicht von braunen Gruppen okkupiert wird. Mutig stellen sie sich den regelmäßigen Treffen von Rechtsextremen in Eschede entgegen. Manneke, der jahrzehntelang Gemeinden in Vierteln von Bewohnern dunkler Hautfarbe leitete, wurde mehrfach bedroht. Vor einigen Monaten fand sein halbwüchsiger Sohn einen Molotow-Cocktail im Garten, der sichtbare Spuren an der Hauswand hinterlassen hatte. Wäre der Sprengsatz anders geworfen worden, hätte er das Leben von Mannekes Familie auslöschen können.

Hilfe für Geflüchtete

Pfarrer Charles Cervigne aus einer kleinen Ortschaft nahe Aachen kümmert sich seit Jahren um die Nöte von Geflüchteten. Mehrmals hat er für von Abschiebungen bedrohte Menschen ein Kirchenasyl organisiert. Ende 2015 wurde er in der Dunkelheit vor seiner Haustür niedergeknüppelt.

Der Geraer Michael Kleim geriet schon in der DDR ins Visier des Stasi, weil er sich in der Gemeinde und in der Öffentlichkeit für Demokratie und Menschenrechte einsetzte. Heute eckt er mit diesem Engagement für das Recht jedes Individuums auf ein freies, selbstbestimmtes Leben wieder bei einigen Mitbürgern an. Anonyme Anrufe und Morddrohungen im Internet sollen ihn einschüchtern. In seinem Briefkasten wurde ein Sprengsatz gezündet.

Die drei Geistlichen stehen aber nicht alleine da. Die Gemeinden vor Ort solidarisierten sich schnell mit ihren Pfarrern. Aus der Bedrohung wuchs der Wille, den Raum nicht den Rechten zu überlassen und Aufklärungsarbeit zu betreiben, damit insbesondere Kinder und Jugendliche die Fakten aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen und einordnen können. Die Gemeinden wollen sie gegen rassistisches Gedankengut wappnen. Dazu gehört auch die Intensivierung der sozialen Gemeindearbeit mit Suppenküchen und Hausaufgabenbetreuung.

Seelsorger lassen sich nicht einschüchtern

Die Seelsorger haben sich von den Gewalttaten nicht einschüchtern lassen. Beinahe nüchtern berichten sie von den Ereignissen. Sie sind die Letzten, die sich selbst in den Mittelpunkt stellen wollen. Und sicher wollen sie sich nicht zu Opfern stilisieren.

Trotzdem hätte man sich gewünscht, dass die Autoren stärker versuchen, von ihnen zu erfahren, wie es ihnen persönlich aufgrund der unmittelbaren Gefahr für sich und ihre Familien geht. Mit welchen Gefühlen stehen sie auf der Kanzel? Blenden sie die Bedrohung aus, wenn sie Flugblätter verteilen oder sich an Demonstrationen beteiligen?

Dramaturgisch und inhaltlich hängt auch das vierte Kapitel der Reportage ein wenig in der Luft, das nach Mecklenburg-Vorpommern führt. Trotz dieser Einschränkungen bleibt es ein informativer Beitrag über drei mutige Pfarrer und ihre Gemeindemitglieder, die einen essenziellen Beitrag zum Schutz des demokratischen Gemeinwesens und Rechtsstaats leisten.

Katharina Dockhorn
(KNA)

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