Hilfe für Frauen
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29.02.2016

Online-Beratung wird für missbrauchte Mädchen immer wichtiger "Meine Seele schreit"

Beschimpfungen, Schläge, sexuelle Gewalt: Der Sozialdienst katholischer Frauen bietet mit dem Portal "www.gewaltlos.de" psychosoziale Beratung für Mädchen und Frauen an, die anonym bleiben wollen. Die Nachfrage ist groß.

"Meine Seele schreit. Mein Körper ist voller Ekel und Scham. Alle denken, ich lebe ein normales Leben. Warum versteht mein Vater nicht, dass ich doch ein Kind bin und keine Puppe, die man einfach weglegt?" Ein anderes Mädchen schreibt unter dem Chat-Namen "Grablicht": "Ich ritze, kratze oder brenne mich, reiße mir die Haare aus oder schlage mit dem Kopf gegen die Wand. Ich schäme mich so."

Wer Gewalt erfahren hat und traumatisiert ist, tut sich oftmals leichter, sich die Dinge von der Seele zu schreiben als eine persönliche Beratungsstelle aufzusuchen. Entsprechend wird die Online-Beratung für viele sexuell missbrauchte Mädchen und Frauen immer wichtiger.

Chatten über schambesetzte Themen  

Allein 2015 stieg die Zahl der Nutzerinnen des Beratungsportals "www.gewaltlos.de" um ein Drittel auf rund 26.700, wie der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) am Montag auf einer Tagung in Berlin bekanntgab. "Die Alternative dazu ist für die betroffenen Personen nicht die persönliche Beratung, die Alternative ist gar keine Beratung und somit keine Hilfe", erklärte die Lehrbeauftragte für Online-Beratung an der Universität Heidelberg, Petra Risau.

Schambesetzte Themen würden in Chat- oder Online-Beratungen direkter angesprochen, so Risau. "Die Hemmschwelle, die beim persönlichen Kontakt oft besteht, fällt weg. Die Nähe entsteht hier durch Distanz." Keine nervöse Stimme, keine hektischen Flecken, wenn die betroffene Frau von ihrer Gewalterfahrung erzählt. Der Zugriff ist anonym sowie zeit- und ortsunabhängig. Überdies sind viele junge Mädchen seit ihrer Kindheit mit dem Internet vertraut. "Außerdem kann der Kontakt von den Betroffenen jederzeit abgebrochen werden", betonte die Diplom-Pädagogin.

40 Prozent der Frauen in Europa sind laut aktuellen Untersuchungen von Gewalt im häuslichen Umfeld betroffen. In Berlin gibt es pro Jahr durchschnittlich 16.000 Fälle häuslicher Gewalt, die angezeigt werden, darunter "vollendete und versuchte Tötungsdelikte", Taten gegen sexuelle Selbstbestimmung und Körperverletzungen.

Beratung auf Deutsch, Englisch und Türkisch

Die Website "www.gewaltlos.de" wendet sich als bundesweites Internetberatungsangebot des SkF an Mädchen ab zwölf Jahren, die häusliche Gewalt erleiden. Die Beratung erfolgt auf Deutsch, Englisch und Türkisch und ist rund um die Uhr geöffnet. Das Projekt wird von 40 örtlichen Vereinen des SkF getragen und nach eigenen Angaben ausschließlich durch Spenden- und Stiftungsmittel sowie Eigenmittel finanziert.

Birim Bayan von "papatya" betreut im Internet Mädchen mit Migrationshintergrund. Eine anonyme Online-Beratung komme besonders ihnen entgegen, weil sie aus kulturellen Gründen "über familiäre Probleme nicht mit Fremden sprechen", erklärte Bayan. Papatya ist Türkisch und heißt "Kamille" - um die Heilungsmöglichkeiten zu betonen, die die Kriseneinrichtung anbieten will. Von Gewalt betroffene Flüchtlingsfrauen haben sich bisher noch nicht an die Beratungsstelle gewandt, wie Bayan berichtet. "Wir glauben, dass diese Welle erst in fünf Jahren kommt, wenn die Frauen wirklich angekommen sind und ein wenig Sicherheit in ihrer neuen Umgebung gewonnen haben."

Für Traumatherapeutin Silke Gahleitner von der Alice Salomon Hochschule in Berlin ist vor allem die "schützende Inselerfahrung" wichtig, die Betroffene in der Online-Beratung machen können. "Die Berater helfen den Traumatisierten, Vertrauen in die Welt zurückzugewinnen" - eine Art selbst gebastelte Strickleiter, die "gegen die Angst hilft". Wichtig sei, in der psychosozialen Beratung zu vermitteln, dass die Symptome der misshandelten Frauen eine "gesunde Reaktion auf völlig abnormale Ereignisse sind".

Die Vorstandsvorsitzende von gewaltlos.de, Maria Elisabeth Thoma, forderte eine bessere finanzielle Ausstattung des Portals durch das Bundesfamilienministerium und die Deutsche Bischofskonferenz. "Nur durch Regelfinanzierung können wir Spender werben, weil dann klar ist, dass es sich um ein anerkanntes und seriöses Angebot handelt." Um mit den Worten einer Betroffenen zu sprechen: "Hier kann ich ich selbst sein und Sachen sagen, die ich sonst niemals in Worte fassen würde."

Nina Schmedding
(KNA)

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