Verbrennungsofen im Krematorium
Verbrennungsofen des Krematoriums in Werl

01.08.2015

Eine Führung durch ein Krematorium In 75 Minuten Asche

Alltag im Krematorium: Leichname verbrennen bei 800 Grad. Übrig bleiben drei bis vier Kilogramm Asche. Die Arbeit geschieht pietätvoll. Davon kann sich jeder überzeugen. Führungen wie in Osnabrück sind überall möglich.

"Flamme löse das Vergängliche, befreit ist das Unsterbliche" - der in Stein gemeißelte Spruch empfängt noch immer jeden, der die Eingangshalle des Osnabrücker Krematoriums am Heger Friedhof betritt. Er steht über den beiden Ofentüren der historischen Anlage von 1936. Generationen von Mitarbeitern hat er Gewissheit und Trost für ihren Dienst an den Toten gegeben. Tausende Leichname samt Särgen wurden hier in den beiden mit schweren Eisentüren gesicherten Brennkammern eingeäschert. Doch das ist Geschichte. 1996 wurde der angrenzende Neubau in Betrieb genommen. Die Altanlage steht unter Denkmalschutz.

Der Vorraum wird jetzt zur Anlieferung der Verstorbenen genutzt. Bestatter haben hier Tag und Nacht Zugang, erläutert Kremationstechniker Andrew McCulloch. Um ihn herum steht eine Gruppe aus zwölf Personen - elf davon über 70, nur einer ist deutlich jünger. Die Männer und Frauen nutzen das Angebot des kommunalen Betriebs, sich über die Abläufe hier informieren zu lassen. Jeden zweiten Donnerstag im Monat finden Führungen statt.

Mehr als die Hälfte der Verstorbenen eingeäschert

Noch vor wenigen Minuten, draußen beim Warten vor der Tür, hatten alle nur geflüstert. Gedrückte Stimmung. Die Gespräche drehten sich um alte Freunde - krank oder schon verstorben. Jetzt hier drinnen ist das anders. McCulloch kommt kaum mit den Antworten nach, so prasseln die Fragen auf ihn ein. Von wo überall die Toten kommen? Aus dem gesamten Landkreis. Wie lange eine Einäscherung dauert? 75 Minuten im Schnitt - manchmal länger. Wovon das abhängt? Von der Größe des Leichnams und dem eingelagerten Wasser und Fett. Der Krematoriumsleiter hat die Antworten parat.

Rund 160 Krematorien gibt es in Deutschland. Die meisten sind in Händen der Kommunen. Daneben gibt es einige private. Inzwischen werden mehr als die Hälfte aller Verstorbenen eingeäschert, in Ballungszentren sogar bis zu 85 Prozent. In Osnabrück liegt der Anteil bei etwa 64 Prozent. Über Jahrhunderte lehnte das Christentum Einäscherungen ab, weil sie als unvereinbar mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung betrachtet wurden. Seit den 1960er Jahren aber erlaubt auch die katholische Kirche ihren Gläubigen die Feuerbestattung.

McCulloch weist auf eine Tür. Dahinter liegt ein gekühlter Raum, wo die Särge zunächst aufbewahrt werden und die vorgeschriebene zweite Leichenschau stattfindet. Ob jemand einen Blick hinein werfen wolle? Alle wollen. An diesem Morgen wartet nur noch ein Sarg - verschlossen - auf die Einführung in den Ofen.

Leichenbrand fällt in einen Aschekasten

Bis zu 28 Einäscherungen sind in den beiden modernen Öfen des Osnabrücker Krematoriums pro Tag möglich. Die Arbeit geht ruhig und pietätvoll vonstatten. Die Mitarbeiter tragen gedeckte Arbeitsanzüge. Kein lautes Wort ist zu hören. Jemand hat ein paar Grünpflanzen zu beiden Seiten der Öfen platziert. Eine Brennkammer mit rund 800 Grad heißem Feuer nimmt den Sarg auf. Durch eine Bodenklappe fallen die Überreste in eine zweite Kammer, wo die "Ausmineralisierung" der Gebeine erfolgt. Hier wird auch die Holzasche des Sarges durch eine Abgasreinigungsanlage abgesondert. In einer dritten Kammer wird der "Leichenbrand" ausgekühlt, der schließlich in einen Aschekasten fällt.

Die Gruppe erlebt eine Einführung mit. Das Interesse bleibt ein überwiegend technisches. Vielleicht spielt die Tatsache eine Rolle, dass ältere Menschen sich längst intensiv mit Tod und Sterben befasst haben. Nichts Ungewöhnliches, findet der Leiter des Krematoriums. Aber wenn er junge Leute wie Schüler führe, komme es schon mal vor, dass einer beim Ofen vortrete und anrege, kurz des Toten zu gedenken.

Der einzige Jüngere aus der Gruppe hat die ganze Zeit abseits gestanden. Er hat keine Frage gestellt. Auch hat er nicht durch das Guckloch in den Ofen gesehen, durch das deutlich die Form eines menschlichen Körpers zu erkennen war. "Meine Mutter ist hier vor zwei Wochen kremiert worden", sagt er mit fester Stimme. "Ich wollte das hier einfach sehen." Sein Blick geht nach oben. Er ist der erste, der geht. Kein Informationsbesuch - ein Abschied.

Johannes Schönwälder
(KNA)

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