Autobahnkirchen bieten Abkühlung und Andacht

Planschen und beten

Autobahnkirchen wollen "Rastplätze für die Seele" sein. Ein bekannter Bau steht an der Raststätte Medenbach-West an der A3. Hier spielen Kinder mit Wasserstrudeln und gestandene Männer offenbaren ihre Sorgen und Sehnsüchte.

Autor/in:
Irmela Büttner
Autobahnkirche Medenbach an der A3 bei Wiesbaden (epd)
Autobahnkirche Medenbach an der A3 bei Wiesbaden / ( epd )

Es ist einer dieser heißen Tage im Juli 2015. Ohne Klimaanlage ist das Autofahren eine Qual. Zu allem Übel gab es auf der A3 Richtung Frankfurt noch einen Unfall. An der Raststätte Medenbach-West bei Wiesbaden herrscht reger Betrieb. Viele legen eine Pause ein. Gleich hinter der Tankstelle, auf dem Weg zum Parkplatz, erhebt sich das schräge Dach der Autobahnkirche. Kies knirscht unter den Füßen. Durch Arkaden hindurch, vorbei an Bäumen und Steinbänken gelangt man durch einen Gang in den Vorhof der Kirche. Hier plätschern Wasserstrudel auf dem Steinboden und lassen den Straßenlärm vergessen.

Zwei Jungen und ein Hund betreten den Hof. Der Hund wedelt mit dem Schwanz, als er seine Schnauze in die Wasserstrudel hält. Vater und Mutter stoßen zu den Teenagern. Die Familie geht in die Kirche, drinnen steht ein steinerner Altar wie ein Fels in der Brandung, Backsteinwände und würfelartige Holzstühle schaffen eine warme Atmosphäre. Der Vater zündet eine Kerze an und stellt sie in eine Nische in der Mauer. Der älteste Sohn blättert im Anliegenbuch. Die Mutter erzählt: "Wir sind auf dem Weg in den Urlaub nach Slowenien." Die Familie kommt aus Holland. Dieser Ort sei schön für eine Pause, sagt sie. "Es ist friedlich hier", ergänzt ihr Sohn.

Orte der Ruhe neben dem Straßenlärm

Die Autobahnkirche Medenbach ist eine von 44 Autobahnkirchen und -kapellen in Deutschland. Wie viele andere ist sie eine private Stiftung. 2001 wurde sie eingeweiht. Die Stifterplakette verrät etwas über die Motivation des Stifters: "Gestiftet als Oase der Ruhe und Besinnlichkeit für alle Menschen, die der Hast des Alltags entfliehen und im stillen Gebet Frieden finden wollen."

Nicht nur ein stilles Gebet hilft an diesem Tag. Eine Mutter zeigt ihrem kleinen Sohn, wie man das Wasser der Strudel in die hohlen Hände sprudeln lassen kann, begeistert läuft er von Strudel zu Strudel. Zwei kleine Mädchen sind auch dabei. "Mein Mann schläft im Auto", erzählt die Mutter. "Wir sind auf dem Weg in den Urlaub. Wir kommen aus Birmingham. Er ist jetzt schon so weit gefahren." Schön, dass es diesen Ort gebe, an dem die Kinder in Ruhe spielen könnten.

Um die Kirche herum drängen sich die Lastwagen. Immer wieder kommen junge Männer in den Hof und tun es den Kindern gleich, halten ihre Hände und Füße in die Wasserstrudel. Besucher von Autobahnkirchen sind einer Studie von 2013 zufolge eher männlich, eine Zielgruppe, die Kirchengemeinden selten erreichen.

Gedanken an Gott

Ein Blick in das Anliegenbuch verrät einige Gedanken der Männer. Hier schreiben sie mitunter Liebeserklärungen an Gott, wie Micha, der seinen Eintrag mit einem Herzchen verziert: "Lieber Gott. Was sollte ich schreiben, was du sowieso nicht schon längst weißt? Danke, dass Du für mich da bist. Dein Micha." Oder sie hoffen auf eine glückliche Wendung in der Beziehung, so wie Bodo: "Vielleicht gibt es ja doch noch eine Versöhnung mit Anita."

Auch die Arbeit ist ein wichtiges Thema: "Lieber Gott, bitte hilf mir, dass alles gut wird. Dass ich meinen Job gut mache, ihn behalten kann." Und Volker bittet für die Freilassung seines Freundes aus dem Gefängnis: "Vater im Himmel, lasse Mozhgan bitte frei werden und lasse mich bitte nicht verbittern."

Dieter hat einen längeren Eintrag verfasst. Ein ungutes Bauchgefühl habe ihn kurz vor einer Unternehmensgründung in die Kirche getrieben, er habe Gott um Beistand gebeten. Nun sei er zurückgekommen, das Projekt ein Scherbenhaufen: "Trauer, Zweifel und Wut begleiten mich auf meinen letzten Kilometern nach Hause." Er wünsche sich nichts mehr, als bald wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. "Bitte", fleht er zu Gott, "ein Restfunke Hoffnung auf deine Fügung bleibt."

Leise ist das Plätschern des Wassers auf dem Hof zu hören. Der Stau hat sich mittlerweile aufgelöst. Es ist Abend geworden, die Luft ein wenig kühler. Die holländische Familie war kurz an der Tankstelle, nun ist sie noch einmal in den Brunnenhof zurückgekehrt. Noch eine halbe Stunde Ruhe, bevor es zurückgeht auf die Straße.


Quelle:
epd