Nach der Hochwasserkatastrophe
Nach der Hochwasserkatastrophe
Ottmar Edenhofer
Ottmar Edenhofer

02.09.2021

Klimaforscher Edenhofer bilanziert einen Sommer der Extreme "Wir sind schon mittendrin im Klimawandel"

Die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands, dazu Bilder von brennenden Wäldern in der Türkei und in Griechenland. Ottmar Edenhofer gehört zu den renommiertesten Klimaforschern in Deutschland. Wie ordnet er die Ereignisse ein?

KNA: Die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands deuten Wissenschaftler als Zeichen des Klimawandels. Was genau sind die Indizien dafür - und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Katastrophe erneut auftritt?

Prof. Ottmar Edenhofer (Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung): Extremwetter nimmt zu, wenn die globale Erwärmung zunimmt. Physikalisch ist das schon lange klar, und immer mehr zeigen es auch die Beobachtungsdaten. Die Hochwasser in Teilen Deutschlands, Belgiens und den Niederlanden, aber auch die große Hitze und Trockenheit und dann die Brände in Südeuropa oder Nordamerika verdeutlichen, dass wir schon mitten drin sind im Klimawandel. Der jüngste Bericht des Weltklimarates IPCC hat bestätigt: Der Mensch hat das Erdsystem bereits um mehr als ein Grad aufgeheizt.

KNA: Was passiert, wenn dieser Trend weiter anhält?

Edenhofer: Bei unvermindertem Ausstoß von Treibhausgasen sind wir noch in diesem Jahrhundert vielleicht bei vier Grad. Die eigentliche Debatte ist deshalb die um die Lösungen. Wir können die Klimarisiken begrenzen, indem wir als Weltgemeinschaft die globale Mitteltemperatur auf deutlich unter zwei Grad begrenzen. Ein sozial verträglich ausgestalteter CO2-Preis sollte dabei das zentrale Element der Klimapolitik darstellen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, nur wird sie angesichts der Klimafolgen immer dringlicher.

KNA: Worauf müssen sich die Menschen in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten einstellen?

Edenhofer: Hitzewellen und Starkregen treffen die Landwirtschaft und die Wälder. In Brandenburg steigt beispielsweise die Waldbrandgefahr.

Städte heizen sich bei Hitzewellen besonders auf, was etwa für alte Menschen eine Gesundheitsgefahr darstellt. Um all diese Klimarisiken zu begrenzen, müssen wir den Ausstoß an Treibhausgasen senken. Und das bedeutet große Veränderungen, auf die sich die Menschen eben auch einstellen müssen. Der CO2-Preis macht erneuerbare Energien billiger, es wird also etwa mehr Windkraftanlagen geben; und der Preis macht fossile Energien teurer, was beispielsweise dazu führt, dass der Benzinpreis steigt.

KNA: Vor allem ärmere Menschen würden diese finanziellen Auswirkungen zu spüren bekommen.

Edenhofer: Unternehmen werden die Mehrkosten auf die Verbraucher umzulegen versuchen. Zugleich erzeugt der CO2-Preis aber Einnahmen für den Staat, und die kann er für den sozialen Ausgleich einsetzen, möglicherweise für eine Senkung der Stromsteuer oder für Direktzahlungen an die Menschen. Geringverdiener könnten hier unter dem Strich sogar profitieren, wie unsere Berechnungen zeigen. Man muss also keine Angst haben. Es gibt Lösungen.

KNA: Zu denen, die auf mehr Klimaschutz dringen, gehört auch Papst Franziskus. Aber hat seine Umweltenzyklika Laudato Si in der öffentlichen Debatte irgendetwas bewegt?

Edenhofer: Die Veröffentlichung von Laudato Si war ein wichtiger Impuls für die klimapolitische Debatte gerade in manchen der Kreise, in denen Nachhaltigkeit vorher kein großes Thema war. Papst Franziskus hat deutlich gemacht, dass die Begrenzung des Klimawandels eine Herausforderung für die gesamte Menschheitsfamilie ist. Die Menschheit hat nur eine Atmosphäre und nur eine Biosphäre.

Eine der Kernaussagen von Laudato Si ist das Bekenntnis zum Verursacherprinzip, also dass die sozialen Kosten von wirtschaftlichen Aktivitäten nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt werden sollten. Die Enzyklika hat da eine durchaus praktische Dimension. Wenn die katholische Kirche immer mal wieder daran erinnert, wäre das hilfreich.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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