Innenhof der Liturgieschule am Kölner HBF zu einer Waldlichtung mit heimischen Pflanzen umgestaltet
Innenhof der Liturgieschule am Kölner HBF zu einer Waldlichtung mit heimischen Pflanzen umgestaltet
Christian Weingarten, Leiter der Abteilung Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln
Christian Weingarten, Leiter der Abteilung Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln

05.06.2021

Umweltbeauftragter sieht neues Klimabewusstsein in der Kirche "Christen müssen aktiv werden"

Der 5. Juni ist Weltumwelttag. In Politik und Gesellschaft hat das Thema Umweltschutz an Bedeutung gewonnen. Christian Weingarten engagiert sich dafür, dass auch in der Kirche mehr für die Bewahrung der Schöpfung getan wird.

DOMRADIO.DE: In den letzten Jahrzehnten hat sich der Klimawandel verschärft, die Folgen sind für die Menschen sicht- und spürbar geworden. Wie spät ist es denn Ihrer Einschätzung nach? Fünf vor oder fünf nach zwölf?

Christian Weingarten (Leiter der Abteilung Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln): Vielleicht zwölf, aber eher nach als vor zwölf. Wenn ich im Moment in meinen Garten gehe und sehe, wie alles sprießt und wächst, habe ich das Gefühl, dass es noch gut geht mit der Umwelt. Aber wenn ich mir das Bergische Land anschaue, wo unheimlich viele Waldflächen schon zerstört sind, dann sage ich, es ist eher fünf nach als fünf vor zwölf.

DOMRADIO.DE: USA, China, Indien und die EU sind für etwas mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Manche fragen sich, warum sie mehr Fahrradfahren oder keine Plastikflaschen mehr kaufen sollen, wenn nach wie vor Kohlekraftwerke Treibhausgase in die Luft blasen?

Weingarten: Weil jeder Mensch ein Teil eines großen Netzwerkes und letztendlich auch Teil dieser Natur ist. Deshalb müssen wir gut mit ihr umgehen. Jeder noch so kleine Beitrag hilft. Wenn alle nichts machen, dann entsteht auch keine Bewegung. Immer mehr Menschen, und das Gefühl habe ich im Moment, sagen, dass das Fahrrad ein gutes und umweltfreundliches Verkehrsmittel ist, und nutzen es deshalb vermehrt. Je mehr Menschen das Fahrrad benutzen, desto eher entsteht eine Bewegung des ökologisch nachhaltigen Handelns.

DOMRADIO.DE: Es gibt dieses Umweltbewusstsein bei vielen Menschen und auch gerade an Ihrer Abteilung kann man das sehen, die mittlerweile auf 18 Mitarbeiter angewachsen ist. Was ist allein im Erzbistum Köln in dieser Richtung passiert?

Weingarten: Vor allen Dingen hat sich das Bewusstsein für Klima- und Umweltschutz verändert. Man hat sich hier auch erinnert, dass es die Enzyklika Laudato si schon seit fast sechs Jahren gibt und diese uns sagt: Wir Christen und Christinnen müssen jetzt schnellstmöglich aktiv werden. Diese Enzyklika ist jetzt in ganz vielen Köpfen angekommen und es bewegt sich wirklich etwas - nicht nur in unserer Abteilung.

Es kann nicht eine Abteilung die Schöpfungsverantwortung für das ganze Erzbistum übernehmen, sondern wir sind eigentlich Ideengebende, damit Kirchengemeinden und Abteilungen aktiv werden können. Letztendlich ist das ja eine Aufgabe von jedem einzelnen Christen und jeder einzelnen Christin im Erzbistum Köln.

DOMRADIO.DE: Welche Projekte stehen in Ihrer Abteilung zurzeit ganz oben auf der Agenda?

Weingarten: Die größte Herausforderung ist die Frage: Wie werden wir im Erzbistum Köln klimaneutral? Wie vermeiden wir den Ausstoß von CO²? Beim Thema Energiewende ist die Photovoltaik ein großer Baustein. Wir haben im Erzbistum viele Dächer, die wir für die Stromerzeugung nutzen können. Aber es stellt sich auch die Frage: Welchen Strom beziehen wir eigentlich in der Kirchengemeinde? Beziehen wir schon Ökostrom oder noch Graustrom, also aus fossilen Energieträgern? Wechsel sind relativ schnell und einfach möglich.

Ein anderes großes Thema ist die Biodiversität: Wie gehen wir mit unseren Mitgeschöpfen um? Das war Papst Franziskus in der Enzyklika auch ein großes Anliegen. Dabei geht es nicht nur um die ökologische, sondern auch um die soziale Frage. Wie behandeln wir dieses Thema in den Kirchengemeinden? Achten wir darauf oder nicht? Das Bewusstsein dafür wollen wir fördern.

DOMRADIO.DE: Werden Sie in den Kirchengemeinden mit offenen Armen empfangen? Oder begenen Sie da eher Skeptikern?

Weingarten: Das ist - auch wegen der Vielfalt in unserem Bistum - ganz unterschiedlich. Es gibt beispielsweise auf der einen Seite das rheinische Kohlerevier, wo andere Fragen gestellt werden und auch Ängste vorhanden sind. Was passiert, wenn es den Braunkohletagebau nicht mehr gibt? Auf der anderen Seite gibt es die Waldbesitzer im Oberbergischen, die Maßnahmen fordern, weil ihre Bäume sterben.

Deswegen sind die Treffen mit den Kirchengemeinden ganz verschieden. Skeptiker gibt es immer, aber es gibt immer mehr, die sagen: "Hey, wir müssen was tun und wir wollen was tun." Das finde ich unheimlich schön.

DOMRADIO.DE: Es geht um das Miteinander von Natur, Mensch und Tieren, dafür ist in Ihrer Abteilung eine neue Stelle geschaffen worden.

Weingarten: Genau. Wir haben eine sogenannte Biodiversitätsmanagerin, die die Aufgabe hat, die Förderung der Artenvielfalt in den Kirchengemeinden zu platzieren.

DOMRADIO.DE: Die Stelle geht hervor aus einem Antrag, den Sie gestellt hatten?

Weingarten: Wir haben gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz ein Projekt genehmigt bekommen. Damit wollen wir 72 Gemeinden über fünf Jahre lang motivieren oder dafür gewinnen, ihre Flächen um die Kirche, den Kirchturm oder den Pfarrgarten so um umzugestalten, dass dadurch die Artenvielfalt gefördert wird.

DOMRADIO.DE: Gibt es schon Beispiele dafür?

Weingarten: Es gibt viele, angefangen mit einem Kräutergarten, den man gemeinsam mit Gemeindemitgliedern bepflanzt und dort Lesungen oder auch Spiritualitätsangebote macht, bis hin zu einem Kirchengarten, in dem ein Bouleplatz entstanden ist mit einer riesigen Blumenwiese drumherum, um zu zeigen, dass Schöpfung etwas Schönes ist. Diese Projekte dienen einerseits der Biodiversität, zeigen aber andererseits, wieviel Potenzial in den Gemeinden steckt.

DOMRADIO.DE: Es werden auch immer mehr Insektenhotels eingerichtet.

Weingarten: Nicht nur Insektenhotels. Ich habe jetzt ein Marienkäferhotel, das den Marienkäfern hilft zu überwintern. Das kann man ganz einfach mit Kindern und Jugendlichen zusammen bauen - sieht schön aus und hilft auch wirklich.

DOMRADIO.DE: Bald ist Bundestagswahl und das Thema Umweltschutz scheint bei den Wählern immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Freut Sie das?

Weingarten: Es freut mich, dass es einen Wandel gibt und dadurch das Thema in den Vordergrund rückt. Für mich ist es letztendlich eine Glaubwürdigkeitsfrage für Politiker und Politikerinnen: Wollen sie sich wirklich für Gemeinwohl und eine globale Gerechtigkeit den nächsten Jahren einsetzen? Wenn ja, dann kommen sie an Klimaschutz als Thema mit höchster Priorität nicht mehr vorbei. Deswegen muss das Thema nicht nur im Wahlkampf wichtig sein, um Wähler und Wählerinnen zu gewinnen.

DOMRADIO.DE: Wie sehen Ihre Perspektiven aus? Was würden Sie sich wünschen, was in Sachen Schöpfungsverantwortung und Klimaschutz im Erzbistum Köln noch alles passieren muss?

Weingarten: Ich hoffe, dass dieses Schiff mit unserer Abteilung Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln ins Fahrwasser kommt, dass wir starten und wirklich flächendeckend Photovoltaik installieren, alte Ölheizung austauschen, diese Themen platzieren und dabei auch Themen wie Mobilität angehen.

Mobilität, das verbindet man vielleicht nicht mit Kirche, ist ein Thema, bei dem wir uns sehr schwer tun voranzukommen. Die CO²-Emissionen im Verkehr bleiben auf einem relativ konstanten Niveau. Davon müssen wir runter und müssen deshalb unser Mobilitätsverhalten verändern - auch in der Kirche. Wie gehe ich zur Kirche? Zu Fuß? Mit dem Auto? Auch bei dieser Frage will ich einen Bewusstseinswandel erzeugen.

DOMRADIO.DE:  Wer etwas tun möchten wendet sich direkt an Sie oder an Ihre Abteilung?

Weingarten: Genau. Wir sind immer dankbar für Menschen vor Ort, die wir ansprechen können. Wir wollen auch das Netzwerk aufbauen mit diesen Personen und nennen sie Schöpfungsbotschafter und -botschafterinnen in den Kirchengemeinden. Mit dem Netzwerk wollen wir uns gegenseitig stärken und motivieren, damit wir wirklich etwas Gutes machen und voranbringen können.

Das Interview führte Martin Mölder.

(DR)

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