Nachsynodales Schreiben zur Amazonas-Synode
Nachsynodales Schreiben zur Amazonas-Synode

20.02.2021

Ein Jahr "Querida Amazonia" Was hat sich getan?

Vor einem Jahr hat Franziskus das postsynodale Schreiben zur Amazonien-Synode veröffentlicht. Was ist geblieben? Ein Interview mit Pater Michael Heinz vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat und Pirmin Spiegel vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor.

Radio Vatikan: Was ist der bleibende Beitrag von "Querida Amazonia" für die Kirche, was hat sich seither entwickelt?

P. Michael Heinz SVD (Adveniat-Hauptgeschäftsführer): Ich denke, "Querida Amazonia" ist ja auf der Linie des Papstes, der immer wieder betont, die Peripherie in das Zentrum zu nehmen. Und das kommt nicht nur in dem Dokument heraus, sondern das ist auch die Erfahrung, die wir jetzt mit ihm und als Weltkirche machen. Selbst die synodalen Erfahrungen der Synode klingen bei mir noch nach, die Erfahrung des Zuhörens, des immer für andere da Seins und des miteinander Gehens. Und dann, was bleibend ist, ist natürlich auch die kirchliche Amazonas-Konferenz CEAMA (Conferencia Eclesial de la Amazonía), und dann schon der nächste Schritt, die Kirchen-Versammlung in Mexiko im November dieses Jahres, wo sozusagen das Thema von Querida Amazonia und Laudato sí auf den ganzen lateinamerikanischen Kontinent ausgedehnt wird.

Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor): Das ergänze ich sehr gerne. Hinzufügen möchte ich, dass sich die Neustrukturierung des CELAM an der Logik von "Querida Amazonia" orientiert, nämlich Stärkung der Synodalität der Ortskirchen. Die Kirche Lateinamerikas und der Karibik macht sich auf einen synodalen Weg, alle sind Missionarinnen und Missionare - also die Volk-Gottes-Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und von Aparecida: CELAM geht aus von den vier pastoralen Träumen, das sind der soziale, ökologische, kulturelle und der kirchliche Traum. Ganz wichtig ist, dass die Ausgangsfrage der pastoralen Neuorientierung immer ist, wer sind die Gekreuzigten heute. Das wird in der Neustrukturierung von CELAM ganz deutlich, also die Option an der Seite der Armen und Verletzlichen.

Wichtig ist uns bei Misereor und Adveniat auch, dass es eine Vernetzung mit anderen Organisationen gibt, also eine Stärkung der Zivilgesellschaft, um an den brennenden Fragen der Zeit dran zu bleiben. Von daher, eine deutliche Orientierung an den aktuellen Zeichen der Zeit, das heißt, sich einklinken in die ökologische Krise, in die Migrationsfrage, Schutz der Indigenen, Stärkung der kulturellen Traditionen: da sehen wir eine ganz starke Markierung von Seiten der Synode und von Seiten "Querida Amazonias".

Radio Vatikan: Ein weiteres wichtiges Thema, das auf der Synode stark betont wurde, ist die Rolle der Frauen in Gemeinden Amazoniens. Viele Gemeinden werden nur dank des Wirkens der Frauen vor Ort lebendig gehalten. Nun hat Papst Franziskus kürzlich den Dienst des fest beauftragten Lektorats und Akolythats auch für Frauen geöffnet. Ist auch das eine Frucht der Synode?

Heinz: Ganz sicher sind diese Entwicklungen Frucht der Synode. Ich erinnere mich gut daran, dass das sowohl von einigen synodalen Teilnehmenden eingebracht wurde, dass man da eine Verfestigung der Strukturen bringen sollte. Ich erinnere mich auch gut daran, wie sich der Papst mit den über vierzig Frauen, meist Indigene, getroffen hat. Aber mir ist auch noch seine Abschlussrede im Ohr, wo er sagte, ja, was das Thema Frauen und deren Rolle in der Kirche angeht, da liegt der Ball sozusagen auf meiner Seite, da bin ich dran und muss etwas tun. Und das hat er getan, nicht nur, was die Öffnung des Lektorats und Akolythats für Frauen angeht, sondern auch mit den jüngsten Ernennungen im Vatikan, wo mehr und mehr Frauen teilhaben an gewissen Rollen. Ich denke von daher, da ist er gut aufgestellt, und so animiert er uns auch, die Türen immer weiter öffnen für die Frauen in der Kirche.

Spiegel: Im Synodendokument, das von Adveniat und Misereor auf Deutsch mitübersetzt wurde, steht in Nummer 102, dass Papst Franziskus gebeten wird, „Ministeria quaedam“ von Paul VI. zu überprüfen, damit die zu entwickelnden Dienstämter des Lektorats und des Akolythats wahrgenommen werden können. Das war sehr deutlich, und das ist jetzt geschehen. Hinzu kommt, dass die Synode gebeten hat, dass ein Dienstamt als Leiterin der Gemeinde eingeführt und institutionell anerkannt wird und in 103 steht – was so in „Querida Amazonia“ nicht mehr steht – eine große Anzahl von Konsultationen forderte, den Ständigen Diakonat für Frauen einzurichten. Aus diesem Grund war das Thema in der Synode sehr präsent.

Von daher hatten nicht nur wir beide, sondern sehr viele Synodenteilnehmerinnen und Synodenteilnehmer erhofft, dass mit der Frage des Diakonats der Frau eine Legitimation der Arbeit, die von Frauen in Amazonien geschieht, auch im Dokument „Querida Amazonia“ geschehen wäre. Es stimmt, es sind Gruppen eingerichtet worden, die werden jetzt in Kürze im März wieder tagen, um diese Idee weiter zu bringen, aber sowohl Michael Heinz als auch ich, gemeinsam mit vielen anderen, sehen darin eine Dringlichkeit. Das auch mit Blick auf den Synodalen Weg in Deutschland, dass Machtausübung und die ekklesiale Grundstruktur angegangen werden müssen. Und da versuchen wir in Demut, in Hoffnung, aber auch mit den Erfahrungen, die wir beide selbst in Lateinamerika und in der Amazonasregion gemacht haben, diese Erfahrungen immer wieder einzubringen von der Praxis her und dass diese dann auch institutionell abgesichert werden.

Radio Vatikan: Also praktisch eine Vorreiter- und Beispielrolle des Amazonien-Raumes für die Weltkirche…

Spiegel: Ja, genau, das war in der Synodenaula eine sehr rege Diskussion, wie viel Vielfalt in Einheit möglich ist – und nicht in Einheitlichkeit. An dieser Frage werden wir dranbleiben. Michael Heinz hat es schon sehr schön ausgedrückt, diese Versammlung im November in Mexiko ist schon eine Einübung der Weltbischofssynode 2022, wo Synodalität das Hauptthema sein wird. Und da wird auch diese Frage, die wir hier gerade besprechen, sehr stark präsent sein.  

Radio Vatikan: Querida Amazonia wurde mit Aufmerksamkeit auch außerhalb von Amazonien gelesen. Aber in Europa wurde es oft selektiv gelesen, Stichwort Zölibat. Ist es geglückt, in unseren europäischen Ländern auch eine breitere Lesart dieses originellen Papstschreibens zu erwirken?

Heinz: Ich glaube, ja, es besteht ein großes Interesse. Ein Interesse nicht nur an der Art und Weise, wie der Papst geschrieben hat, denn es ist ja auch ein bisschen poetisch, ganz anders, als die vorherigen Papstschreiben, wenn man die mal vergleicht. Das hat großes Interesse und Neugier erregt, so dass viele Gruppen und Personen sich das Dokument wirklich vorgenommen und es gelesen haben. Das ist die eine Sache. Und das andere ist, inhaltlich liegt das Schreiben ja voll auf der Linie von dem, was uns hier in Deutschland und Europa interessiert und uns wichtig ist. Das ist das Thema der ganzheitlichen Ökologie, unser gemeinsames Haus. Wir können hier nicht die Augen verschließen. Aber auch für uns in der Kirche, der Synodale Weg, der gemeinsame Weg, der ja nicht nur etwas für die deutsche Kirche ist, sondern es ist ja auch ein großes Anliegen des Papstes, dass wir uns alle als Christen und Christinnen sozusagen synodaler aufstellen. Also nicht nur aufeinander zugehen und miteinander gehen, sondern Franziskus hat immer wieder daran erinnert, dass wir auch miteinander verbunden sind. 

Alles ist miteinander verbunden. Das war sozusagen auch das Schlagwort der Synode, und das hört und liest man ja auch in „Querida Amazonia“. Und ich denke, das ist ganz wichtig für uns, und das merken wir auch jetzt in der Krise der Corona-Pandemie. Wir können nicht mehr alleine und isoliert leben. Was wir hier tun, hat Auswirkungen auf die Menschen in Lateinamerika und umgekehrt auch. Alles ist miteinander verbunden. Ich glaube, das ist eine wichtige Sache, die wir in Deutschland spüren.

Spiegel: Ja, wir liegen hier wirklich sehr stark auf einer Linie. Es gibt allerdings insgesamt meiner Ansicht nach Licht und Schatten. Die Schatten bestehen darin, dass die Rezeption von "Querida Amazonia" insgesamt gesehen eher marginal war. Aber es gibt auch sehr ermutigende Punkte, die unter anderem Michael Heinz gerade genannt hat. Es gibt außerdem das Dikasterium für ganzheitliche Entwicklung in Rom, das das Dokument sehr stark rezipiert, dann gibt es die CIDSE-Werke, die sich die Themen von "Querida Amazonia" zueigen machen, Adveniat, Misereor, die Ordensgemeinschaften… Und was für mich ganz wichtig ist, es wurde ein kirchliches Netzwerk gegründet für integrale Ökologie, rund um den Äquator weltweit. Daran haben teil REPAM für Amazonien, REBAC für das Kongobecken, RAOEN Asien und Ozeanien, und REEMAN für Mittelamerika. Das heißt, wie können Ökozonen, Territorien, die essentiell sind für das gemeinsame Haus, dafür, Sorge für das gemeinsame Haus zu tragen, wie es Michael Heinz bereits erwähnt hat, geschützt werden? Als Antwort darauf wurde dieses Netzwerk gegründet, um mit wenig Bürokratie, aber mit viel Leidenschaft und Mitgefühl, diese Themen voranzubringen.

Wie der ehemalige Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, John Schellnhuber, der auch ein Synodenteilnehmer war, sagte: Regenwälder schützen, um die Welt zu schützen. Wenn wir die Regenwälder nicht schützen, wenn Amazonien endet, wird auch der Mensch auf dem Planeten enden. Und diesen ökologischen mit dem sozialen Schrei zusammenzubringen, das ist eine große Inspiration auch in die Politik hinein. Ich würde nicht sagen, dass man da eine direkte Linie zu "Querida Amazonia" und zur Synode ziehen kann, aber dieses Thema ist sehr präsent in den Parteien, in der Zivilgesellschaft, weil wir spüren, das die Klimafrage und die Gerechtigkeitsfrage sehr dringliche Fragen sind, die wir angehen müssen. Und insofern würde ich sagen, es hat eine Rezeption stattgedfunden, die wir uns aber noch stärker wünschen - und daran werden wir mit unseren Partnern weiter arbeiten.

Radio Vatikan: Wollen Sie uns verraten, auf welche Weise Sie das in den kommenden Wochen und Monaten angehen werden?

Heinz: Adveniat auf jeden Fall durch die Unterstützung der lokalen Kirchen. Da tut sich im Moment ja in Lateinamerika sehr viel, was wir in Deutschland und Europa nicht so stark mitbekommen, dadurch, dass wir im Moment ja sehr stark mit Corona beschäftigt sind. Da geschieht einiges, was Vorbereitungen oder die Umsetzung der Synode betrifft, das wollen wir auf jeden Fall mit unterstützen in den kommenden Monaten und Jahren. Und auf der anderen Seite sind wir von Adveniat und Misereor ja auch Teil des kirchlichen Amazonas-Netzwerkes REPAM. Wir sagen immer, la otra selva, also der andere Urwald. Wir versuchen also, diese Erfahrungen mit einzubringen in die deutsche und die europäischen Ortskirchen und dadurch auch netzwerkend tätig zu sein und die Menschen miteinander zu verbinden. Alles ist miteinander verbunden.

Spiegel: Spannend wäre ja die Grundfrage, was wäre geschehen, wenn wir die Corona-Pandemie nicht gehabt hätten. Das hat ja für die Handlungsübersetzungsprozesse von „Querida Amazonia“ enorme Konsequenzen gehabt. Es war Handeln und Implementieren der Synode und von Querida Amazonia angedacht, sowohl in Amazonien als auch in den gesamten Äquatorialregionen der Erde. Aber es hat weniger die Handlungsimplementierung stattgefunden, sondern vielmehr gab es den strategischen Prozess der CEAMA-Gründung, da wurde mehr investiert. Was wäre gewesen, wenn? Aber diese Frage stellt sich nicht, weil wir derzeit in der Situation leben, in der wir eben leben. Wie es eben Pater Michael Heinz sagte, wir wollen "Querida Amazonia" mit "Fratelli tutti" verbinden, also eine samaritanische Kirche im Aufbruch.

In "Fratelli tutti" wird ja sehr stark – und das kann man nicht voneinander trennen – die weltweite Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft betont, und zwar aus der Perspektive des am Rande liegenden Überfallenen, Gekreuzigten, Verletzlichen. Also eine samaritanische Kirche im Aufbruch. Das wollen wir immer wieder in die deutsche Kirche und auch in die Gesellschaft hineinspielen, als Adveniat, als Misereor, als kirchliche Werke, aus der Perspektive des Überfallenen. Und wir versuchen mit der europäischen Kirche, mit dem Luxemburger Bischof Hollerich in die COMECE, diese Fragen einer integralen Ökologie und einer samaritanischen Kirche immer wieder zum Thema zu machen. Ich denke, dass wir, wenn auch andere mit den Nachhaltigkeitszielen, den SDG’s und den Pariser Klimazielen argumentieren, doch immer wieder ein den wesentlichen Beitrag der Kirche durch „Laudato si“ und „Querida Amazonia“ und durch die starke Beschäftigung damit auf der Synode einbringen. Für uns gibt es enormen Rückenwind, gerade in einer Situation von Verletzlichkeit, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu leben und ein Beispiel dafür zu geben. 

(VN)

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