Was macht der Vatikan bei der Weltklimakonferenz?

"Wir müssen es jetzt begreifen"

Zum Ende der Weltklimakonferenz sagt Vatikan-Delegationsleiter Msgr. Duffé im Interview, es seien eine starke Sprache, Absicht und Überzeugung, das Klima retten zu wollen, wichtig. Auch der Papst habe dies deutlich gemacht.

Weltklimakonferenz in Bonn geht zu Ende / © Oliver Berg (dpa)
Weltklimakonferenz in Bonn geht zu Ende / © Oliver Berg ( dpa )

domradio.de: Monsignore Duffe, als Sekretär des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen der Römischen Kurie sind Sie Leiter der Delegation des Heiligen Stuhls bei der Weltklimakonferenz in Bonn. Papst Franziskus hat erneut zum Handeln aufgerufen. Glauben Sie, die Staaten weltweit haben die Dringlichkeit verstanden, Gottes Schöpfung und die Welt zu bewahren?

Msgr. Bruno Marie Duffé (Vatikan-Delegationsleiter & Sekretär des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen der Römischen Kurie): Wissen Sie, die Absicht des Papstes, des Heiligen Vaters, war es alle Delegierten zu ermutigen weiter voranzuschreiten und weiterzumachen, mit der Tatkraft der "COP21" in Paris. Es geht ihm besonders darum, den Dialog zu verstärken. Er ist der Meinung, dass – und ich glaube es ist wichtig das zu wiederholen – die Frage des Klimas, die Frage der Umsetzung des Pariser Abkommens in einem Geiste des Dialogs und der Zusammenarbeit beantwortet werden muss. Das muss besonders zwischen den reichen und den Entwicklungsländern, den schutzlosen Ländern und den armen Menschen geschehen. Es ist unmöglich die Sorge um den Planeten, getrennt von der Sorge um die armen Menschen zu denken.

Vatikan-Delegationsleiter, Msgr. Bruno-Marie Duffé und Marcus Wandinger, Mitglied der Vatikan-Delegation (DR)
Vatikan-Delegationsleiter, Msgr. Bruno-Marie Duffé und Marcus Wandinger, Mitglied der Vatikan-Delegation / ( DR )

Ich denke, diese Stellungnahme des Papstes ist sehr wichtig für den Vatikan und besonders auch im Denken von Papst Franziskus selber. Wir sind bei dieser "COP23" in der Mitte des Flusses, zwischen der Absicht, dem anständigen Vorhaben von Paris und Marrakesch und stehen nun vor politischen Entscheidungen, den Vorgaben und den Regeln, die wir bei der "COP24" in Katowice in Polen nächstes Jahr realisieren müssen. Ich denke, dass es wichtig ist jetzt eine starke Sprache, Absicht und Überzeugung zu zeigen.

Das war auch die Botschaft, die ich gestern (Mittwoch) im Plenum vorgetragen habe. Inmitten des Flusses zu sein, heißt sich zu entscheiden, weiter voranzuschreiten, auch wenn wir auf einige Schwierigkeiten stoßen. Ein Beispiel ist hier, die Entscheidung der USA und die Entscheidung von ein oder zwei weiteren Staaten einen Schritt zurück zu machen. Wir müssen frei sein. Frei von politischem und wirtschaftlichem Druck.

domradio.de: Zwei Wochen wurde verhandelt, wie das Pariser Abkommen umgesetzt werden kann. Was war der Auftrag Ihrer Delegation bei der "COP23"?

Msgr. Duffé: Unser Auftrag ist zu hören und sich zu treffen – das ist ein ganz wichtiges Verb für die Position der Kirche. Als erstes müssen wir uns treffen, dann müssen wir versuchen zu verstehen, etwas vorschlagen und dann ermutigen. Unser Auftrag ist es also, uns mit anderen zu treffen und an den Debatten teilzunehmen, um die Ermutigung von Papst Franziskus zu übermitteln.

domradio.de: Papst Franziskus fordert einen Systemwandel. Sehen Sie schon Zwischenziele erreicht?

Msgr. Duffé: Ich denke, dass viele Menschen verstehen, dass wir eine Umkehr brauchen. Wir brauchen eine globale und integrale Umkehr. Wir brauchen eine ganzheitliche Ökologie, nicht nur ein oder zwei Maßnahmen die wir korrigieren.  Wir müssen mit einem neuen Paradigma, einem neuen Modell der Entwicklung denken. Dieses neue Modell beinhaltet Gesundheit, Bildung und die Sorge um den Planeten. Wir brauchen ein Modell der Entwicklung, das nicht nur darauf abzielt immer mehr haben zu wollen, mehr zu produzieren, mehr zu konsumieren, sondern darauf zu schauen was wirklich wichtig ist, gebraucht wird und bedeutend ist für die zukünftigen Generationen.

domradio.de: Sie haben die ärmsten Menschen auf dieser Welt schon erwähnt. Das sind die, die am meisten unter unserem Lebensstil und dem Verhalten der Industrieländer leiden. Wurde das Thema Klimagerechtigkeit ausreichend diskutiert bei dieser Weltklimakonferenz?

Msgr. Duffé: Ich denke, wir müssen eine neue Perspektive dafür entwickeln, was wir Gerechtigkeit nennen. Gerechtigkeit ist nicht nur Geld an die Armen zu geben. Es ist nicht nur "das Geben für". Es ist das "Aufbauen mit". Das ist nicht dasselbe. Das ist nicht dieselbe Perspektive. Sie können Maßnahmen anwenden, um die schlechten Auswirkungen unserer Entwicklung zu korrigieren. Es ist vor allem das kapitalistische und liberale Entwicklungsmodell, das eine Kluft produziert zwischen den reichen Menschen, den Führenden in der Wirtschaft und den armen Menschen. Der Papst nennt hier insbesondere die Flüchtlinge. Dieses Modell verursacht Migration.

Enzyklika "Laudato si"

Klimawandel, Artenvielfalt, Trinkwasser: Diese Themen bestimmen die Umweltenzyklika von Papst Franziskus. Er wendet sich damit an "alle Menschen guten Willens" - und erklärt, warum eine ökologische Umkehr auch soziale Gerechtigkeit bedeutet. Papst Franziskus hat die reichen Industrienationen zu einer grundlegenden "ökologischen Umkehr" aufgefordert, um globale Umweltzerstörung und Klimawandel zu stoppen.

Deutsche Ausgabe der Enzyklika "Laudato si" / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Deutsche Ausgabe der Enzyklika "Laudato si" / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Wir müssen jetzt all das zusammen denken: Unsere Entwicklung, unsere Ungerechtigkeit, Migration und die neue Möglichkeit ein Leben gemeinsam zu führen. Es ist also sehr wichtig ein neues Konzept zu entwickeln – einen neuen Wert von Gerechtigkeit: die Sorge um das Leben, die Sorge um die Erde und ein neues "gemeinsames" Leben.

domradio.de: Die Klimaexperten und Wissenschaftler sagen, dass es weit mehr Anstrengungen bedarf um die Erderwärmung auf maximal 2 Grad oder besser noch 1,5 Grad zu begrenzen. Sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch, dass dieses Ziel bald erreicht wird?

Msgr. Duffé: Ich denke, wir haben einige Erfahrungen, die uns zeigen, dass es machbar ist. Es ist möglich. Gestern habe ich mich zum Beispiel mit einem Minister eines kleinen europäischen Landes getroffen. Er hat mir erzählt: "Wir versuchen die Temperatur in unserem Land zu begrenzen und wir versuchen Wald und Meer zu schützen." Ich denke, wir können den Weg sehen, aber es ist schwierig, weil viele Länder, Nationen und Staaten es bevorzugen mit unserem aktuellen Modell weiterzumachen.

Sie sind der Meinung, dass die Frage nach den Jobs, die Frage nach Arbeit, vorgeht. Es ist kein politisches Argument, Maßnahmen zu ergreifen, die Temperaturen zu begrenzen. Also ich denke, wir können das. Aber die Prämisse lautet, sich zu entscheiden und zwar mit den Führenden der Wirtschaft und den Führenden der Politik. Es ist nicht so einfach eine Verbindung herzustellen, zwischen einer wirtschaftlichen Entscheidung, Wachstum, politischen Entscheidungen und Behauptungen.

domradio.de: Schauen wir nach vorne. Die nächste Klimakonferenz wird im kommenden Jahr in Polen stattfinden. Polen ist ein Land, das auf der einen Seite sehr katholisch geprägt ist und auf der anderen Seite stark von der Kohleenergie abhängig ist. Sehen Sie hier, als Diplomaten des Heiligen Stuhls noch mehr gebraucht zu werden?

Msgr. Duffé: Ich denke es ist interessant, dass die nächste "COP" in Polen stattfindet, weil die polnische Wirtschaft sehr schnell wächst. Dazu ist es noch ein Land im Zentrum Europas. Es ist ein Ort, wo die politische, ideologische, ökologische Debatte sehr stark und hart ist. Ich denke es kann eine Möglichkeit bieten, die europäische Gemeinschaft zu stärken im Rahmen dieser Klimaherausforderung. Ich war sehr überrascht, weil ein polnischer Minister mich gestern gefragt hat: "Könnten Sie Papst Franziskus nach Polen zur nächsten Klimakonferenz einladen?"

Also, vielleicht wäre das eine gute Sache. Ich weiß nicht, ob es für Papst Franziskus möglich ist, nach Polen zu kommen. Aber es ist interessant, diese Verbindung zu machen, zwischen unserer christlichen Hoffnung und den politischen Entscheidungen, den Anweisungen und Regeln, die wir jetzt brauchen. Wir müssen es jetzt begreifen, müssen eine neue Entwicklung einschlagen und eine neue Solidarität. Das gilt nicht nur in Europa, aber auch in Europa und in seiner Beziehung zu anderen Ländern und insbesondere den armen Menschen.

domradio.de: Sie werden Papst Franziskus also vorschlagen nach Polen zu reisen?

Msgr. Duffé: Ich werde es ihm erzählen. Das ist meine Aufgabe, der Gute dazwischen zu sein, – zwischen den Ministerien, den Repräsentanten und Papst Franziskus. Ich denke, er wird sehr ernsthaft die Ergebnisse des Treffens der "COP23" und der vorherigen Konferenz bedenken. Ich werde dem Papst die wichtigsten Punkte der Debatte hier vorstellen müssen.

Das Interview führte Jann-Jakob Loos.

Quelle:
DR