Heinrich Bedford-Strohm
Heinrich Bedford-Strohm

23.11.2015

EKD-Ratsvorsitzender vor Beginn des Weltklimagipfels "Lebe in einem persönlichen Widerspruch"

Mit dem "Ökumenischen Pilgerweg" machen die Kirchen seit Wochen auf das Thema Klima vor dem Gipfel in Paris ab 30. November aufmerksam. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm erzählte bei domradio.de von seinem persönlichen Klima-Einsatz.

domradio.de: Sie sind einer der Schirmherren dieses "Ökumenischen Pilgerwegs" und auch schon mitgepilgert. Eigentlich wollten Sie auch in Paris bei der großen Abschlusskundgebung dabei sein. Findet die denn nach den Anschlägen in Paris überhaupt statt?

Heinrich Bedford-Strohm: Es ist im Moment noch nicht ganz klar, was stattfinden kann und was nicht. Es ist ein großer Gottesdienst geplant, bei dem führende Vertreter ganz unterschiedlicher Kirchen aus verschiedenen Ländern teilnehmen sollen. Ich hoffe natürlich, dass es auch möglich sein wird, öffentlich zusammen zu kommen und die Unterschriften sowie die Erklärungen, die die Kirchen erarbeitet haben, zu übergeben. In jedem Fall wird es möglich sein, sehr deutlich zu machen, dass es bei der Frage des Klimaschutzes nicht nur um irgendeine politische Frage geht. Denn es geht vielmehr um eine Frage, die die Grundorientierung des Lebens betrifft und die deswegen auch etwas mit unserem christlichen Glauben zu tun hat.

domradio.de: Welche Rolle spielt dabei die biblische Botschaft, wenn Sie sagen, Klimaschutz sei auch ein Thema des Glaubens und ein Thema, das sehr wichtig für die Kirchen ist?

Heinrich Bedford-Strohm: Das hat mit unserem Verhältnis zur Natur zu tun, aber auch mit unserem Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Unser Verhältnis zur Natur verändert sich natürlich, wenn wir sagen, wir sehen die Natur als Schöpfung Gottes. Dann ist die Natur nämlich unsere Mitgeschöpflichkeit. Die Würde, die wir Menschen von Gott bekommen, weil Gott uns zu seinem Bilde geschaffen hat, ist natürlich auch etwas, was der außermenschlichen Natur gilt. Deswegen können wir die Erde nicht einfach nur als Objekt unserer Ausbeutung benutzen, sondern wir sehen sie als Schöpfung Gottes. Das bedeutet, dass wir pfleglich und verantwortungsvoll mit ihr umgehen sollten. Es hat aber auch eine Dimension, die den Mitmenschen betrifft, denn Klima und Gerechtigkeit sind eng miteinander verknüpft. Wenn wir jetzt die Ressourcen der Erde für uns in Anspruch nehmen und Menschen, die in anderen Teilen der Welt leben oder die in zukünftigen Generationen leben können, diese Ressourcen vorenthalten werden, dann ist das auch ein Gerechtigkeitsproblem. Es ist damit auch ein Problem, das die Grundlagen unseres Glaubens berührt, denn jeder Mensch ist von Gott geschaffen und jeder Mensch hat das gleiche Recht an den Ressourcen der Erde.

domradio.de: Wichtig beim Klimaschutz ist, dass nicht nur darüber geredet wird, sondern dass auch gehandelt werden muss. Was tut denn eigentlich die evangelische Kirche für den Klimaschutz?

Heinrich Bedford-Strohm: Wir versuchen an vielen Punkten auch das umzusetzen, wovon wir sprechen. Wir haben das große Projekt "Grüner Gockel" bzw. "Grüner Hahn", je nachdem in welcher Gegend Deutschlands man das Wort gebraucht, was die Zertifizierung von Gemeinden und Einrichtungen angeht. Wir kompensieren alle Dienstreisen. Da wird genau bilanziert, was wir an CO2 in die Luft entlassen und dann wird eine entsprechende Summe gezahlt, mit der dann in anderen Regionen der Welt entsprechend das CO2 auch wieder eingespart werden kann. Das ist mehr als ein Ablass. Es ist schon wichtig, weil man sich allein dadurch darüber klar wird, was wir eigentlich für einen CO2-Ausstoß verursachen. Das sind lauter kleine Punkte, die zeigen, dass die Kirchen sich da bemühen, wo sie können, um besser zu werden. Die Hausaufgaben, die wir zu machen haben, sind aber dennoch groß.

domradio.de: Es geht ja auch um jeden einzelnen von uns. Was machen Sie denn persönlich zum Thema Klimaschutz?

Heinrich Bedford-Strohm: Da prüfe ich mich auch immer selber kritisch. Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zum Landeskirchenamt und wieder zurück. Das tut mir auch gut. Natürlich setze ich das auch persönlich um, vom dem ich gerade für die Kirche gesprochen habe, wie die Kompensierung von Flugreisen etwa, die nicht vermeidbar sind. Das ist ein Bereich, bei dem ich mir viele Gedanken mache und wo ich auch meine eigenen Widersprüche sehr deutlich merke. Meine Frau ist Amerikanerin, ich habe eine außerplanmäßige Professur in Stellenbosch, in Südafrika. Die globale Verknüpfung prägt nicht nur mein dienstliches, sondern auch mein persönliches Leben und ich mache mir schon sehr viele Gedanken darum, dass mein Lebensstil selbst nicht mit dem vereinbar ist, was in der Zukunft für jeden Menschen bereitsteht. Das ist ein Widerspruch, mit dem ich lebe. Ich kann ihn aber auch nicht einfach in die eine oder andere Richtung auflösen.

domradio.de: Sie fordern, dass die reichen Industriestaaten ihren Lebensstil radikal ändern müssen und die natürlichen Ressourcen, mit denen sich entwickelnden Ländern teilen. Wie kann man denn die reichen Staaten und letztlich jeden einzelnen von uns hierzulande dazu bewegen, zu verzichten - denn nichts anderes ist es ja im Grunde genommen?

Heinrich Bedford-Strohm: Ich glaube, es gibt ja schon viele Beispiel, an denen man sehen kann, dass in den Fällen, in denen wir die technologischen Möglichkeiten nutzen, die wir haben, vieles möglich ist, bei dem wir hinterher sagen können, es ist gar kein Verzicht gewesen. Stattdessen sind wir sogar glücklicher als vorher. Ich habe ja eben schon aus meinem persönlichen Leben ein Beispiel gegeben, wo ich selber die Tatsache, dass ich Fahrrad fahre, als Gewinn betrachte und nicht als Verzicht. Und dann gibt es sicher einen Bereich, bei dem man sagen muss, in einer Welt, die von Gerechtigkeit geprägt wird, dass auch bestimmte Dinge begrenzt werden müssen. Darin liegt der ganz entscheidende Punkt. Wir müssen die Auswirkungen unseres Lebensstils auf andere wirklich wahrnehmen. Und ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die sehen, wie unser Lebensstil mit der Not anderer Menschen zusammenhängt, viel mehr Bereitschaft zeigen, selbst etwas zu verändern, als wenn das nur Zahlen wären oder irgendwelche politischen Diskussionen.

domradio.de: Sie haben eingangs gesagt, dass Sie nach Paris reisen und dort gemeinsam mit den Klimapilgern eine Erklärung an die Entscheidungsträger abgeben wollen. Was sind Ihre Forderungen und Appelle an die Staats- und Regierungschefs?

Heinrich Bedford-Strohm: In erster Linie das Thema, das wir gerade besprochen haben: Dass wir die Natur achten, dass wir auch die weltweite Gerechtigkeitsfrage als Teil unseres eigenen politischen Handelns sehen. Und dann gibt es noch konkrete Forderungen, dass die Klimakonferenz zu Vereinbarungen kommt, die verbindlich und überprüfbar sind und so gestaltet sind, dass das Ziel der Begrenzung des Klimawandels auf höchstens zwei Grad Temperaturerhöhung erreicht werden kann.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

(dr)

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