Immer mehr Leute ernten selbst
Immer mehr Leute ernten selbst

04.10.2015

Von der Lust der Deutschen am Jäten und Sammeln Säen, ernten, lächeln

Die Blätter fallen, die Auflage steigt. Auch im Herbst wird sich die Zeitschrift "Landlust" gut verkaufen. Aber immer mehr Menschen wollen nicht nur lesen, sondern selber ernten und sammeln. Das Internet hilft dabei.

Die Idee keimte 2009 bei einer Paddeltour in Sachsen-Anhalt. "Wir hatten im Supermarkt Obst gekauft, und dann kamen wir an all den verlassen Bäumen voller Früchte vorbei", erinnerte sich Kai Gildhorn unlängst in einem "Zeit"-Interview. "Da dachten wir: Eigentlich ist alles da, wir müssten nur mal einen Pflück-Atlas ins Internet stellen".

Alte Sorten wieder "in"

Die Saat ist längst aufgegangen: Fünf Jahre später verzeichnet die von Gildhorn gegründete Website mundraub.org über 20.000 Fundorte von herrenlosen Obstbäumen, an denen sich Naturfreunde und vitaminbewusste Naschkatzen gütlich tun können. Das Ranking führen die Apfelbäume an, aber auch Raritäten wie die Mispel, Felsenbirnen und Kornelkirschen sind darunter, wie Sprecherin Andie Arndt sagt. "Ein Indiz dafür, dass wir vergessene Sorten wieder ins Bewusstsein rufen."

Wer selber Obst und Gemüse aus Uromas Zeiten anpflanzen will, wird ebenfalls im Internet fündig. Versandhändler wie die Gemeinschaft "Dreschflegel" bieten jede Menge Bio-Saatgut an - von "A" wie "Alte Feldsalatformen" bis "Z" wie "Zuckerwurzel". Das Credo der Macher: "Pflanzenvielfalt entwickeln bedeutet für uns, sich vielen von der Züchtung vernachlässigten Sorten und Arten zuzuwenden, sie zu erhalten und zu verbessern."

Sehnsucht nach Natur

Zurück zu den (Zucker-)Wurzeln mit den modernen Mitteln der Kommunikation: Angebote wie "mundraub" und "Dreschflegel" schießen wie Pilze aus dem Boden. "Die meisten Menschen haben eine große Sehnsucht nach Natur, denn sie haben den Bezug zu ihr verloren", erklärt "mundraub"-Sprecherin Arndt. "Mit unserer Initiative locken wir die Menschen von der digitalen Welt des Internet hinaus in die reale Welt. Dort führt jeder einzelne Fundort zu einem individuellen Erlebnis in der essbaren Landschaft."

Wie sich noch mehr Landschaft essbar machen lässt, bringt Wanda Ganders von "meine ernte" dem Verbraucher nahe. Dort haben Hobbygärtner die Möglichkeit, auf einer angemieteten Parzelle unter Anleitung selbst Gemüse anzubauen. An den bundesweit 28 Standorten griffen in diesem Jahr 3.000 Menschen zu Harke und Spaten - "Tendenz stark steigend", wie Ganders betont. Jetzt, im Herbst sinkt die Scholle in ihre wohlverdiente Winterruhe. Die Landwirte, denen die Ackerflächen gehören, pflügen den Boden um. Im nächsten Frühjahr geht es dann wieder los.

Lebensmittelverschwendung

Zeit, um sich ein paar grundsätzliche Gedanken ums Essen zu machen - was die Kirchen in ihren Botschaften zum bevorstehenden Erntedankfest wohl auch tun werden. Jeder Deutsche wirft pro Jahr im Schnitt 82 Kilogramm Lebensmittel weg, so viel wie zwei vollgepackte Einkaufswagen. Gründe dafür gibt es genug: zu viel gekauft, zu wenig gegessen, falsch gelagert oder schlicht nicht aufs Verfallsdatum geschaut. So kommen jedes Jahr in Deutschland 6,7 Millionen Tonnen Nahrungsmittelabfälle zusammen. Ein gewaltiger Berg - den die "Foodsaver" abtragen wollen.

Auch die Lebensmittelretter sind bundesweit unterwegs. Viele von ihnen tauschen sich ebenfalls über Plattformen im Internet aus. Die "Foodsaver" sammeln nach Ladenschluss Lebensmittel, die nicht verkauft wurden und sonst im Müll landen. Andere Vereine wie die Tafeln verteilen die Nahrung an Bedürftige - bei den Foodsavern geht es allein darum, Lebensmittel vor dem Verderben zu bewahren. Was an einem Abend zusammenkommt, wird unter den Sammlern aufgeteilt oder landet in einer sogenannten Verteilerstationen. Dort kann jeder hingehen und sich bedienen. Gratis - aber auf eigene Gefahr. Denn weder die "Foodsaver" noch die Händler übernehmen die Verantwortung, wenn jemand eine gerettete, aber verdorbene Wurst gegessen hat.

Wer das vermeiden will kann auf die App "FoodLoop" zurückgreifen. Vor eineinhalb Jahren hat Christoph Müller-Dechent mit der Universität Köln das Programm entwickelt. Wer sich die App auf sein Smartphone lädt, wird in Echtzeit über Rabatte für fast abgelaufene Waren in seiner Stadt informiert. Dann leuchtet die Info über Produkt und Preis auf dem Display auf, und der Weg zum Supermarkt wird auch gleich mitgeliefert. Auch das eine Form der Ernte, die für manche zu einem umweltbewussten Lebensstil inzwischen dazu gehört.

Joachim Heinz und Samuel Dekempe
(KNA)

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