Start der bundesweiten Renovabis-Aktion

Auf gute Nachbarschaft mit den Ländern Osteuropas

In diesem Jahr stehen osteuropäische Versöhnungsprojekte im Mittelpunkt der bundesweiten Spendensammelaktion des katholischen Hilfswerkes Renovabis. Das Motto heißt "miteinander. versöhnt. leben.

 (DR)

Gemeinsam für ein solidarisches Europa".

Man braucht nur die Länder aufzuzählen: Bürgerkrieg und Zerfall Ex-Jugoslawiens mit Serben, Kroaten, Kosovaren, Mazedoniern und Bosniern; die vereinigten und dann wieder getrennten Republiken Tschechien und Slowakei; die baltischen Republiken Estland, Lettland und Russland; Polen und Nazi-Deutschland, DDR und BRD; die Zerschlagung des riesigen Königreichs Ungarn; die Roma-Minderheit in Osteuropa; von der Ukraine und Russland ganz zu schweigen. Bilder von Verwerfungen zwischen den Völkern ziehen sich durch das gesamte 20. Jahrhundert und darüber hinaus.

"Wo sich einer aufgehängt hat, da sollte man nicht über Stricke sprechen", sagt ein recht zynisches Sprichwort aus Tschechien. Hieße das auch: Wo es geknallt hat in zahllosen kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht über Versöhnung zu sprechen? Renovabis macht es trotzdem. Seit 25 Jahren gibt das katholische Osteuropa-Hilfswerk in der Vielvölkerregion Hilfestellung für Begegnungen und Handreichungen zwischen Völkern, Bevölkerungsgruppen und Religionen.

"miteinander. versöhnt. leben."

Die Pfingstaktion im Jubiläumsjahr 2018 steht unter dem Motto: "miteinander. versöhnt. leben." Renovabis-Hauptgeschäftsführer Christian Hartl skizziert die Ziele der Kampagne: "Wir wollen Verständnis wecken und sensibilisieren für gewaltbelastete Vergangenheit, für aktuelle Konflikte und für Verständigungsprobleme in Europa." Zudem wolle man helfen, dass Menschen im eigenen Umfeld aktiv werden und sich engagieren. Und: "Wir wollen dazu beitragen, dass die Menschen in Europa miteinander im Gespräch bleiben. Häufig fehlt bei Konflikten auf beiden Seiten die Bereitschaft, den anderen überhaupt verstehen zu wollen."

Gesellschaftlicher und religiöser Aufbruch

Das Gründungsziel von Renovabis 1993 war Starthilfe für einen gesellschaftlichen und religiösen Neuaufbruch. Die Jahrzehnte des Kommunismus mit teils harter Kirchenverfolgung hatten den Christen in Osteuropa massiv zugesetzt.

Papst Johannes Paul II. bewies in seiner Enzyklika "Centesimus annus" von 1991 Weitsicht für einen noch anderen, einen sozialen Konflikt: Schon mit dem Zusammenbruch des Kommunismus hatte der Antimarxist aus Krakau längst begriffen, was seinen Landsleuten und seinen slawischen Mitbrüdern als nächste Bedrohung ins Haus stand: der ungebremste Materialismus des Westens.

Ein gutes Vierteljahrhundert danach bietet sich von Prag bis Riga immer dasselbe Bild: sexy Outfit, Smartphone, Luxuslimousinen. Mehr Schein als Sein; nur mit Statussymbolen bist du dabei. Wo die vermeintlichen Wege zum sozialen Erfolg eingeschlagen werden, verhallen die Cassandra-Rufe der Kirche ungehört. Sozialismus und Kommunismus haben vielerorts ein religiöses Vakuum hinterlassen, das durch "Freunde" bei Facebook und "Follower" bei Twitter gefüllt wird.

Kommunistische Vergangenheit aufarbeiten

Der Bruch zwischen traditioneller christlicher Volksfrömmigkeit und einer "atheistischen Gesellschaft" entstand in Europas Mitte und Osten zwischen 1917 und 1945: der Oktoberrevolution in Russland und dem Sieg der Roten Armee. In Tschechien, der DDR und Albanien war die Kirchenverfolgung durchschlagend. Vor allem in Polen, Kroatien, der Slowakei und (begrenzt) in Ungarn konnten sich volkskirchliche Strukturen erhalten. Die Verwerfungen beschäftigen die Ortskirchen bis heute. Die kommunistische Vergangenheit ist meist ungenügend aufgearbeitet, vor allem dort, wo Protagonisten von damals noch leben.

Der Sturz des Kommunismus 1989/90 war eine "Stunde null". Vielerorts begann ein geistiger, personeller wie materieller Wiederaufbau. Viele Jugendliche - und viele menschlich Geschädigte des Sozialismus - sind heute nicht mehr bereit, ihre neue Freiheit durch eine vermeintliche Unterwerfung unter eine christliche Werteordnung wieder einzubüßen.

Kritik an Kirche

Zugleich schlägt der Kirche oft ein säkularistischer Argwohn entgegen, die Kirche wolle sich auf demokratischem Wege neue Privilegien erschleichen, etwa durch Entschädigungszahlungen für kommunistische Enteignungen. Manches christliche Aufblühen könnte sich in einer feindlichen Umgebung am Ende als eine trockene Blüte erweisen. Keine einfache Situation, um selbst Versöhnungsarbeit zu leisten.

Alexander Brüggemann

 

Quelle:
KNA
Mehr zum Thema