Pastorale Lösung am Amazonas gesucht: Ist die Eucharistie oder der Zölibat wichtiger?
Ein Priester hält eine Hostie
Prof. Benedikt Kranemann
Prof. Benedikt Kranemann

17.10.2019

Kann Liturgie Klerikalismus und damit Missbrauch begünstigen? "Eine Frage, die über die gottesdienstliche Feier hinausgeht"

"Klerikalismus": Der Begriff wird oft im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche genannt. In vielen Bereichen werden deshalb diesbezüglich Strukturen auf den Prüfstand gestellt. Warum nicht auch in der Liturgie?

DOMRADIO.DE: Was ist denn eigentlich Klerikalismus genau?

Prof. Dr. Benedikt Kranemann (Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Erfurt): Klerikalismus heißt, dass es in unterschiedlichen kirchlichen Zusammenhängen eine einseitige Betonung des Klerus gegenüber den Laien gibt. Das ist eine Definition, die man vor über 30 Jahren bereits im Lexikon für Theologie und Kirche finden konnte. Wenn vom Klerikalismus die Rede ist, meint man in aller Regel Priester und ihr Verhalten gegenüber Laien.

Aber der Begriff wird mittlerweile auch durchaus weiter verwendet, so dass man sagen könnte: Es gibt auch andere Gruppen in der Kirche, denen man Klerikalismus vorhält. Übrigens ein Vorwurf, der nicht nur aus der Theologie kommt, sondern ein Kritikpunkt, der sehr massiv auch durch Papst Franziskus vorgetragen wird.

DOMRADIO.DE: Der Priester spielt ja in der Liturgie, vor allem in der Heiligen Messe, eine sehr hervorgehobene Rolle. Wo sehen Sie die Grenze zum Klerikalismus überschritten?

Kranemann: Die Grenze zum Klerikalismus wird dort überschritten, wo die gemeinschaftliche Trägerschaft des Gottesdienstes, das Recht aller Getauften, den Gottesdienst zu feiern, mitzuverantworten, sich gestalterisch einzubringen, unterlaufen werden und Priester alleine die Art und Weise dominieren: Die Art, wie gepredigt wird, wenn Laien durch das bevormundet werden, was in der Predigt gesagt wird, und so weiter und so fort.

Wir können das in Sprachformen sehen, man kann es zum Teil aus gottesdienstlichen Räumen ablesen, wo wir eine Situation in vielen Kirchen haben – längst nicht in allen, das macht die Diskussion so schwierig –, bei der der Klerus im Gegenüber zur Gemeinde agiert. Es gibt manche Theologen, die sagen: Das ist im Grunde eine Bühnensituation, also etwas, das vor der Gemeinde dargestellt wird und aufgeführt wird – aber die Gemeinde ist selbst eigentlich am Gottesdienst gar nicht beteiligt.

DOMRADIO.DE: Sie sagen also, das Setting im Gottesdienst zum Beispiel ist auch wesentlich?

Kranemann: Ich habe gerade den Raum genannt. Man könnte auch auf Gewänder hinweisen, man könnte auf Sprachanteile hinweisen. Ich bin aber auch der Meinung, dass es durchaus über die gottesdienstliche Feier hinausgeht. Die Fragen: Wie wird Gottesdienst gestaltet? Wie wird in Gemeinden über Gottesdienst kommuniziert? Wer bereitet den Gottesdienst vor? Da gibt es in vielen Gemeinden Klagen.

Ein Beispiel, das immer wieder genannt wird: Kirchenmusiker, die die Verantwortung und vor allen Dingen die Kompetenz für die Gestaltung der Musik im Gottesdienst mitbringen, beklagen sich, dass ihnen das aus der Hand genommen wird und dann doch der Priester entscheidet, wie gesungen wird oder welche Musik gespielt wird. Da sieht man, dass Machtverhältnisse nicht stimmen. Da sieht man, dass nicht auf Kompetenzen geachtet wird. Das ist dann genau diese einseitige Betonung des Klerus gegenüber den Laien. Das schadet dem Gottesdienst.

Es führt aber auch dazu, dass durch den Gottesdienst Verhaltensweisen und Mentalitäten geprägt werden, die sich dann insgesamt im kirchlichen Leben problematisch auswirken, problematische Strukturen unterstützen und die auch zu problematischen Verhaltensformaten führen.

DOMRADIO.DE: Andererseits bedeutet Macht ja auch Vollmacht. Muss nicht aus dem liturgischen Verständnis heraus irgendjemand die Leitung von einem Gottesdienst übernehmen?

Kranemann: Das ist völlig richtig. Nach katholischem Verständnis steht der Priester der Messfeier vor. Das heißt aber nicht, dass er nicht andere Kompetenzen – man könnte auch sagen Charismen –, die in der Gemeinde vorhanden sind, in das gottesdienstliche Geschehen mit einbezieht, oder? Ich würde eigentlich lieber sagen, dass sich andere mit Kompetenz und Charisma in diese Gottesdienste einbringen können. Wir müssen aber heute sagen: Wir erleben, dass immer weniger Priester für die Leitung gottesdienstlicher Feiern, zur Verfügung stehen.

Ich bin der Meinung, man muss neben der Eucharistiefeier andere Formen des Gottesdienstes, des Wortgottesdienstes, von Segensfeiern und so weiter wieder neu entdecken, zum Teil möglicherweise auch neu schaffen. Die werden dann auch unter der Leitung von sogenannten Laien, Männern und Frauen, stehen müssen. Die Rolle der Getauften für den Gottesdienst und die Verantwortung für den Gottesdienst ist meines Erachtens neu zu diskutieren. Ich bin der Meinung, dass das, was das Zweite Vatikanische Konzil sozusagen vorgegeben hat, uns heute mehr Möglichkeiten gibt, als wirklich wahrgenommen wird.

DOMRADIO.DE: Wie könnte denn Ihrer Meinung nach eine Liturgie frei von Klerikalismus aussehen?

Kranemann: Es gibt ein sehr schönes Beispiel: das sogenannte Bonner Mittagsgebet. Das ist entstanden aus der Initiative eines Theologen an der Bonner Fakultät und findet, wenn das Bonner Münster nicht gerade restauriert wird, dort statt. Ein Gottesdienst, der unter der Leitung eines Teams steht, das wechselweise die Leitung dieses Gottesdienstes verantwortet: Ganz einfache Leitungsstrukturen. Das heißt, es gibt eine Person, einen Mann oder eine Frau, das können auch mal Ordensschwestern sein, die den Gottesdienst leitet.

Das passiert aber so zurückhaltend, dass wirklich die Feier der Gruppe, die sich hier versammelt, im Vordergrund steht. Es gibt eine Person, die einleitet und ausleitet, die Signale zu verschiedenen Teilen des Gottesdienstes gibt, aber in keiner Weise dominiert. So etwas kann man sich in einer Großstadt vorstellen, so etwas kann man sich auf dem Land vorstellen. Das wird von Ort zu Ort unterschiedlich sein.

Es gibt bestimmte Traditionselemente, die immer wieder auftauchen: Bestimmte Formen von Liedern, von Gebeten, von Bibeltexten, Psalmen und so weiter. Aber die Art und Weise, wie der Gottesdienst gefeiert wird, stellt nicht eine einzelne Person in den Vordergrund, sondern die Gemeinschaft, die hier feiert. Wir haben dann nicht eine Situation, bei der einer den anderen gegenüber betont wird, sondern wir realisieren dann das, was das Zweite Vatikanische Konzil genannt hat "Liturgiefeier des ganzen Volkes Gottes", also eine Liturgiefeier, in der alle Getauften gleichermaßen ihr Recht leben können. 

Das Interview führte Katharina Geiger.

Information der Redaktion: Am 18. Oktober um 20.00 Uhr diskutiert Prof. Kranemann zu dem Thema in der Benediktinerabtei Maria Laach in der Eifel. "Von Schuld und Verantworung" ist der Titel des Gesprächsforums, an dem auch auch die ehemalige Ordensfrau Doris Reisinger und die Theologin Julia Knop teilnehmen.

(DR)

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