Kardinal Woelki in Mülheim
Kardinal Woelki in Mülheim
Kardinal Woelki in St. Bruder Klaus
Kardinal Woelki in St. Bruder Klaus

17.09.2014

Die Antworten von Kardinal Woelki auf die Fragen der Presse "Meine Botschaft trägt den Namen Jesus Christus"

Der künftige Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki stellte sich am Mittwoch in seiner Kölner Heimatgemeinde den Fragen der Presse. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten und das Video der Pressekonferenz.

Die Hauptthemen

Kardinal Woelki: Ich muss erst einmal ankommen und die Diözese neu kennenlernen. Was sicherlich wichtige Dinge sein werden, sind die Flüchtlingsproblematik und die Situation, wie sie sich uns in NRW darstellt. Ich versuche, schon morgen bei der Vereidigung bei Ministerpräsidentin Kraft das ein oder andere anzusprechen und auch deutlich zu machen, dass es nicht nur reicht, zu sagen, dass die Unterbringung und Krankenkosten seitens der Innenministerkonferenz übernommen werden, sondern dass dann auch wirklich die Voraussetzungen geschaffen werden, dass Familienzusammenführungen hier möglich sind. Die Frage ist, wie es gelingen kann, die Flüchtlinge hier bei uns zu integrieren. Darüber werde ich auch mit unserer Caritas sprechen.

Die wichtigste Aufgabe aber ist, dem Evangelium ein Gesicht zu geben, Christus ein Gesicht zu geben. Für mich als Bischof will ich das Evangelium präsent machen. Ich bin kein Politiker, und ich komme nicht im Namen einer Partei oder Ideologie. Meine Botschaft trägt den Namen Jesus Christus. Daraus entwickelt sich dann natürlich auch eine Ethik, und dazu gehört, dass wir versuchen müssen, den Glauben so zu übersetzen, dass er für Menschen heute attraktiv sein kann und attraktiv ist. Wenn sie den christlichen Glauben noch nicht kennengelernt haben, ihn als überzeugend und spannend erleben. Dieses Potential muss gehoben werden, und dazu gehört, dass wir die Option für die Armen wahrnehmen, dass wir versuchen, uns in den Lebensschutz- und Lebensrechtsfragen zu positionieren, dass wir nicht nur nicht sagen können, wir seien z.B. gegen einen begleiteten Suizid, sondern dass wir eben auch durch unseren Einsatz zeigen, dass Sterben ein Stück Leben ist. Dass es zum Leben gehört, und dass es besser ist, an der Hand eines Menschen zu sterben, als durch die Hand eines Menschen. Wir müssen uns als Kirche engagieren bei den Herausforderungen der sozialen Fragen, in der Flüchtlings- und Armutsproblematik. Das werden wichtige Punkte sein, die wir hier im Bistum angehen müssen.

Zur katholischen Welt in den 60er Jahren und heute

Kardinal Woelki: Meine Gemeinde und mein Glauben haben mich geprägt, sie haben meinem Leben eine Richtung gegeben, dadurch wurden mir wichtige Lebensfragen beantwortet. 2014 ist nicht mehr 1966. Insofern lassen sich meine damaligen Erfahrungen nicht kopieren, und das wäre auch für heute kein tragfähiges Modell. Wir müssen schauen, wie Lebenssituationen von Familien und Jugendlichen heute sind, und versuchen, Antworten zu finden, die Menschen die Fragen beantworten, die heute für sie relevant sind. Da werden wir gefragt sein. Ich weiß nicht, ob Jugendarbeit heute noch so laufen kann, wie das damals der Fall war. Es gab damals noch keinen Fußballverein, und auch der Ascheplatz war damals noch nicht da. Um Fußball oder Tischtennis zu spielen, ging man hier in die Gemeinde. An Kino war auch nicht zu denken, deshalb traf man sich am Sonntagnachmittag hier in der Gemeinde, wo dann Filme für 50 Pfennig gezeigt wurden. Mediapark und IPads und Tablets und sonstige Formen von Kommunikation und Social Media gab es nicht. An Dinge, die wir damals gut fanden, ist ja heute gar nicht mehr zu denken. Wir müssen schauen, wie angesichts dieser Herausforderungen Jugendlichen eine Antwort gegeben werden kann, die mit ihrem Leben kompatibel ist und ihr Lebensgefühl ernst nimmt. Die aber aus dem Evangelium heraus gegeben wird. Das hat man damals für die diese Zeit versucht, und das müssen wir heute versuchen.

Die Antwort ist in der Essenz natürlich immer dieselbe. Das Evangelium ist durch die Zeiten immer gleich aktuell und spannend. Aber der Weg dorthin und die Vermittlung ist eine andere als vor 50 Jahren, und in 50 Jahren wird sie anders als heute sein. Sehr viel stärker müssen wir die Möglichkeiten nutzen, die uns z.B. im offenen Ganztag gegeben sind. Da sind viele Jugendliche, die schon zusammengekommen sind. Die Spannung, die dabei ist, ist ja, dass unter Umständen junge Leute den Gemeinden entzogen werden, und es muss eine Antwort gefunden werden, wie sich territoriale Gemeinden künftig organisieren und welche Chancen sie haben. Kirche wird immer territorial organisiert sein müssen, das geht von ihrem Wesen her nicht anders. Aber ob Gemeinden angesichts der Mobilität und der unterschiedlichen Interessenslagen noch so funktionieren können wie vor 20, 30, 40, 50 Jahren, das wage ich zu bezweifeln.

Dahinter steht auch das Problem einer Beheimatung und Verwurzelung vor Ort, das sind Probleme und Fragen, die wir angehen müssen. Ich bin der Überzeugung: Ehe ich Jugendliche gar nicht in einer Gemeinde verortet bekomme, lasse ich sie lieber schon in der Schule mit dem Evangelium in Berührung kommen. Ob das nun in der Gemeinde, in der Schule oder im offenen Ganztag ist, ist ganz egal. Hauptsache, sie entdecken ihr Christsein und werden, wenn es an die Ausbildung oder an das Studieren geht, so gefestigt, dass sie dann in Studentengemeinden und an anderen Orten wieder Kirche erfahren und erleben können. Das ist das wichtigste Ziel.

Zum Kampf der Religionen

Kardinal Woelki: Das Wichtigste ist, dass man um den anderen weiß, dass man den anderen kennt, und dass man mit ihm im Gespräch ist. In Berlin habe ich gelernt, wie wichtig ein tolerantes Miteinander und wie entscheidend das gemeinsame Gespräch sind: Der christlich-jüdische, der christlich-muslimische Dialog. Religion als Instrument zur Machtausübung ist nicht zu tolerieren. Was sich jetzt gerade in der islamischen Welt vollzieht: Ich habe den Eindruck, dort ereignet sich gerade, was die Christen während des Dreißigjährigen Krieges ereilt hat und was sie an furchtbaren Dingen angerichtet haben. So etwas ist zutiefst zu verabscheuen: Religion als Machtmittel und zur Unterdrückung anderer, das hat hier keinen Platz bei uns. Wir leben in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat, der allen Religionsfreiheit gewährt, und das ist gut so. Aber wir sollen als Christen auch darauf achten, dass uns diese Religionsfreiheit auch überall geschenkt wird und zukommt.

Die Berliner Jahre

Kardinal Woelki: Mir ist Berlin und mir sind die Menschen noch sehr nahe, insbesondere diejenigen, mit denen ich in Caritas und bei dem Versuch, eine Pastoral in Berlin aufzubauen, die zeitgemäß ist, verbunden war. Diese Leute sind mir sehr nahe, und ich weiß auch, dass viele sehr leiden und enttäuscht sind, dass ich nach Köln gehe. Wir hätten dort noch vieles Positives tun können. Mitgebracht habe ich die Sicht aus einer Stadt, in der die Katholiken in der Minderheit sind. Die unterschiedlichen Religionen haben dort ein gutes Miteinander und treten für ein friedliches Miteinander in aller Unterschiedenheit ein. Man hat sich auf einen Wertekodex geeinigt, jeder aus einer anderen Tradition kommend. Das verbindet und ist ein in weiten Bereichen ein friedliches solidarische Miteinander. Wichtig ist der Einsatz der Berliner Caritas in sozialen Fragen und der Flüchtlingsproblematik, da sind wir in Berlin sehr führend gewesen. Wir haben einen runden Tisch ins Leben gerufen, haben Politik zusammengebracht und überhaupt erst gesprächsfähig werden lassen. Das sind Dinge, die mich auch innerlich mit diesen Menschen haben wachsen und reifen lassen und die mich auch menschlich emotional mit ihnen verbunden sein lassen.

Die Rolle der Laien

Kardinal Woelki: Die Kirche besteht ja nahezu nur aus Laien. Dass es so einen wie mich gibt, ist nur ihnen zu verdanken. Wenn es sie nicht gäbe, bräuchte man mich auch nicht. Ich habe nur eine bestimmte Funktion, die wichtig ist, und die unaufgebbar ist. Die Feier der Liturgie ist eine der Wesenseigenschaften der Kirche. Wir sind alle zum Gotteslob aufgerufen, und einer tut stellvertretend für alle einen wichtigen Dienst, der es ermöglicht, dass Gott uns sein Heil schenken kann. Darüber hinaus sind wir alle als Kirche aufgerufen, unser Christsein zu leben. Im Beruf, in der Öffentlichkeit und in der Politik. Deshalb bedaure ich sehr, dass immer weniger Christen in der Politik präsent sind und politische Ämter übernehmen. Ich darf daran erinnern, wie sehr die alte Bundesrepublik durch Christen geprägt wurde, gerade was die Sozialgesetzgebung angeht. Es ist ein großartiger Beitrag, den die katholische Kirche hier durch ihre Laien geleistet hat. Es geht nur in einem Miteinander und Füreinander. Wir sind alle Glieder an einem Leib. Jeder, der fehlt, macht diesen Leib unvollkommener und weniger lebendig. Es geht nur im Zueinander, und deshalb müssen wir miteinander ins Gespräch kommen auf eine vernünftige und vertrauensvolle Weise. Da bin ich zuversichtlich, dass uns das gelingt. Wir haben ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Botschaft. Das Konzil hat ja sehr deutlich hervorgehoben, dass die Kirche als ganzes apostolisch ist, also alle aufgrund von Taufe und Firmung teilhaben an der apostolischen Sendung. Und damit auch an Verkündigung und Bezeugung und am diakonischen Tun. Ich bin da sehr hoffnungsvoll.

Zur Karriere von Frauen

Kardinal Woelki: Gegen Frauen und Karriere habe ich gar nichts, da haben wir in Berlin einige Frauen gehabt, die an wichtiger Stelle gearbeitet haben und die auch im engeren Beraterstab waren. Wir müssen sehen, wie wir das in Köln ähnlich hinbekommen. Das ist ein wichtiges Thema.

Homosexuelle

Kardinal Woelki: Homosexuelle gehören genauso zur Kirche wie alle anderen Getauften. Ich reduziere niemanden auf seine sexuelle Orientierung. Wir werden mit allen, die guten Willens sind, sprechen. Wir haben aber als katholische Christen die Präferenz der sakramentalen Ehe zwischen Mann und Frau, die offen ist auf das Kind hin. Das ist unser Lebensentwurf, und dafür stehen wir ein. Darin sehen wir uns konform mit der Heiligen Schrift.

Bescheidenheit

Kardinal Woelki: Bescheidenheit hat immer zur Kirche dazugehört. Das ist ein wichtiger Impuls von Papst Franziskus für die ganze Kirche und auch für uns in Deutschland. Die deutsche Kirche hat sehr viel für die Armen in dieser Welt getan. Wenn ich an Misereor und Adveniat, an Renovabis und Missio denke. Das Erzbistum Köln fördert in 99 Ländern der Welt Projekte. Das Erzbistum bezahlt z.B. die gesamte Priesterausbildung in Brasilien. Aber wir leben hier natürlich in sehr gesicherten Wohlstandverhältnissen, auch als Kirche. Da werden wir uns auch fragen müssen, was das heißen kann in Deutschland, eine arme Kirche für die Armen zu sein.

Für mich persönlich ist wichtig, so normal zu sein und zu bleiben wie möglich. Vorgänge des alltäglichen Lebens zu leben, die jeder Familie, jedem Single und jedem Rentner aufgegeben sind.

Kritische Christen und Kardinal Meisner

Kardinal Woelki: Ich bin weniger ein Mann der Vergangenheit, als vielmehr ein Mann der Gegenwart und der Zukunft. Ich möchte mich nicht so sehr mit der Vergangenheit aufhalten. Ich möchte versuchen, in die Gegenwart und in die Zukunft hineinzudenken. Ich werde mich bemühen, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, dass auch diejenigen, die anderer Meinung sind, wissen, dass man miteinander ringen kann. Das soll in Zukunft möglich sein, und meine Aufgabe als Bischof ist es, Brückenbauer zu sein. Ich muss versuchen, die unterschiedlichen Ränder in der Diözese zusammenzuhalten und sie zumindest so zu verorten, dass sie in dem Spektrum, was katholische Kirche ausmacht, eine Heimat finden. Das ist sicherlich nicht einfach, aber das gehört zu einer Aufgabe eines Bischofs. Wir werden uns bemühen, alle ernstzunehmenden Anfragen auch zu beantworten. Ich hoffe, dass das gelingt. Oft ist aber auch der gute Wille da, und trotzdem bekommt jemand mal keine Antwort.

Zur Familiensynode

Kardinal Woelki: Wir haben ein sehr großes Referat Ehe und Familie im Erzbistum, wo wir versuchen, für die Familien da zu sein und über verschiedenste Maßnahmen etwas zu organisieren. Die Ehe- und Familienberatung hilft, wo Familien in schwierige Situationen kommen. Wir müssen junge Menschen befähigen, in einer Ehe und Familie zu leben. Wir müssen uns fragen, wie Kinder lernen können, was Treue ist, was Zuverlässigkeit und Partnerschaft sind. Viele junge Menschen erleben nicht mehr, wie das geht, was wir unter christlicher Ehe und Familie verstehen. Da müssen wir in einer ganz praktischen Hilfestellung mit Blick auf die Persönlichkeitsentwicklung ansetzen. Wie geht Partnerschaft und Toleranz? Wie geht Treue? Wenn Sie mit jungen Menschen sprechen, dann hören Sie alle diese alten Werte! Und da ist die Herausforderung, im Vorfeld seitens der Jugend- und Schulseelsorge Antworten zu geben. Da müssen wir auch lernen.

(DR)