"Fliegende Pressekonferenz" mit Papst Franziskus auf dem Rückweg nach Rom
"Fliegende Pressekonferenz" mit Papst Franziskus auf dem Rückweg nach Rom
Jürgen Erbacher, ZDF-Kirchenexperte
Jürgen Erbacher, ZDF-Kirchenexperte

16.09.2021

Journalist erlebte einen "fitten Papst" in Ungarn und der Slowakei "Ein Meister, mit heiklen Situationen umzugehen"

Die fliegenden Pressekonferenzen des Papstes nach Auslandsreisen sind legendär. Nach dem jüngsten Besuch von Franziskus in Ungarn und der Slowakei hat ZDF-Journalist Jürgen Erbacher den Papst über den Wolken erlebt.

DOMRADIO.DE: Sie waren selbst an Bord beim Rückflug, wie so häufig hat Franziskus auf dem Rückflug noch einige klare Statements abgegeben, zu kritischen Themen wie Abtreibung und Homosexualität. Wie haben Sie das erlebt?

Jürgen Erbacher (ZDF-Kirchenexperte): Die fliegende Pressekonferenz auf dem Rückweg ist ja immer ganz spannend. Eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen sind fast nur deshalb mit auf dem Papst-Flieger, um diese Pressekonferenz miterleben oder auch eine Frage stellen zu können. Der journalistische Ehrgeiz ist natürlich dann der, den Papst auch zu pointierten Aussagen zu bewegen.

Unsere US-amerikanischen Kollegen wollten von ihm wissen, wie er sich denn zur Diskussion in den USA positioniert – da sind ja einige konservative Bischöfe kritisch mit dem US-Präsidenten wegen seiner Abtreibungspolitik. In diesem Kontext wurde die Frage zur Abtreibung gestellt. Und der Papst hat auf diese Frage geantwortet, wie er es schon oft getan hat, klar in seiner Position und Verurteilung der Abtreibung. Er hat aber betont, wie man dann damit in der konkreten Situation umgeht. Das muss eine pastorale Entscheidung sein und keine politische. Trotzdem ist die Bezeichnung "Abtreibung als Mord" etwas, was viele schockiert.

DOMRADIO.DE: Er hat sich ja auch geäußert zu Themen wie Homosexualität und auch Impfverweigerern. Hätten Sie erwartet, dass Franziskus da so klare Aussagen zu so kritischen Themen tätigt?

Erbacher: Ja, auch bei dem Thema "Sakrament der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare" ist die Position bei ihm schon immer klar. Schon als Erzbischof von Buenos Aires war für ihn klar, das geht nicht. Die Kirche habe aus seiner Sicht da keine Autorität, dieses Sakrament auch für Paare zu spenden, die nicht Mann und Frau sind. Auf der anderen Seite hat er immer klar gesagt: Zivilrechtliche Regelungen muss es geben, um diese Paare zu unterstützen. Das war de facto nichts Neues.

DOMRADIO.DE: Wenn wir jetzt nochmal auf die Reise selbst gucken – haben Sie Papst Franziskus in dieser schwierigen politischen Lage vor allem gleich zu Beginn in Ungarn anders erlebt als sonst?

Erbacher: Nein, es war nicht anders. Für uns Journalisten war natürlich interessant zu sehen: Wie wird es bei dieser Reise überhaupt sein? Es gab im Sommer ja so eine Debatte über einen möglichen Rücktritt; Franziskus wird im Dezember 85 Jahre alt. Da muss man jetzt ganz ehrlich sagen, der Papst hat sich fit präsentiert, trotz der schweren Operation Anfang Juli.

Und er ist ja durchaus ein Meister, mit solchen heiklen Situationen umzugehen. Mit der ungarischen Regierung, vor allen Dingen den Ministerpräsidenten, liegt man ja gerade – was Migration anbetrifft –, völlig konträr in den Positionen. Aber man hat ein Gesprächsformat gefunden und Gesprächsthemen, wo man dann auch miteinander reden konnte. Zum Beispiel das Thema Umweltschutz, zum Beispiel das Thema Familie. Und damit war diese wohl etwas heikle diplomatische Situation dann auch sehr schnell entschärft.

DOMRADIO.DE: Welches war denn Ihrer Meinung nach die wichtigste Botschaft, die Papst Franziskus auf dieser Reise senden wollte?

Erbacher: Der Papst hat vor allen Dingen in der Slowakei betont: Wir sind hier im Herzen Europas. Das heißt, die Botschaft, die er hatte, die galt nicht nur für die Slowakei, sondern eigentlich für ganz Europa.

Und das war für ihn ein Grund zu sagen: Wir brauchen nicht nur Wirtschaftsprogramme, um nach der Pandemie aus der Krise zu kommen, sondern wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel.

Er verwendete die Stichworte Solidarität, Toleranz und das Offensein für andere, für Andersgläubige und für jeden. Und das war, glaube ich, die Botschaft für die Slowakei und für Ungarn; aber aus Sicht des Papstes für ganz Europa.

DOMRADIO.DE: Welches waren für Sie die besonders bewegenden Momente seiner Reise?

Erbacher: Also bewegend war in der Tat am Montagnachmittag das Gedenken an die Holocaust-Opfer bei der Begegnung des Papstes mit Vertretern des Judentums in Bratislava. Das sind immer sehr intensive Momente, wenn der Papst gerade in solchen Situationen spricht, besonders auch die Symbole, die dann gewählt werden.

Und es sind immer wieder die Treffen mit Vertretern des Klerus – Bischöfe, Seminaristen. Wenn der Papst über die Kirche spricht und sein Modell von Kirche vorstellt, die offen ist, die rausgehen muss, die sich nicht an alten Riten und Traditionen festhalten darf. Er sprach von der Kreativität des Evangeliums, die man nutzen müsse, um den Menschen heute das Evangelium zu verkünden. Und das sind dann auch immer ganz interessante Momente.

DOMRADIO.DE: Obwohl der Papst ja auf Reisen war, wurde gestern um 12 Uhr eine Personalie bekanntgegeben. Das Rücktrittsgesuch vom Hamburger Erzbischof Stefan Heße wurde abgelehnt. Er bleibt im Amt. Was könnte es denn bedeuten, dass diese Nachricht quasi nebenbei verkündet wurde?

Erbacher: Gut, es war nie ein so hochoffizielles Ding, dass man das jetzt über das vatikanische Bulletin hätte verkünden müssen. Ich glaube, dem Papst und dem Vatikan lag daran, auch vor der Vollversammlung der Bischofskonferenz, die in der nächsten Woche in Fulda stattfindet, an dieser Stelle Klarheit zu bekommen. Wir sind jetzt natürlich alle ganz gespannt, ob auch in Bezug auf die anderen Fragen, die noch ausstehen und die ja gerade das Erzbistum Köln betreffen, noch vor der Vollversammlung Klarheit geschaffen wird. Von daher war es nicht ungewöhnlich. Es ist ein Verwaltungsakt gewesen und wurde dann über die zuständige lokale Stelle, die Nuntiatur, verkündet.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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