Wohnblöcke im Stadtviertel Lunik IX in Kosice (Slowakei)
Wohnblöcke im Stadtviertel Lunik IX in Kosice (Slowakei)

09.09.2021

Papst besucht die Roma-Minderheit im Osten der Slowakei Franziskus landet auf "Lunik IX"

In seinen Slowakei-Besuch Mitte September hat der Papst einen besonders "franziskanischen" Programmpunkt aufgenommen. Er fährt an den äußerten Rand der EU - und ein entscheidendes Stückchen darüber hinaus.

Es ist kein weiter Weg nach Lunik IX. Man braucht kein Raumschiff, um dorthin zu gelangen; ein Skoda tut es schon. Lunik IX ist eine Trabantenstadt am äußersten Rand der EU; am Stadtrand von Kosice, der Metropole der Ostslowakei. Lunik IX ist eine Gegenwelt zu dem Europa, das sich die Väter der EU einst erträumten: Massenarbeitslosigkeit, Müll, zerbrochene Scheiben und verkohlte Hauswände.

Ende der 80er Jahre wurde die sozialistische Plattensiedlung für Angehörige renoviert, vor allem für die unter den Kommunisten zwangsweise sesshaft gemachte Roma-Minderheit. Doch die anderen Mieter zogen weg; nun ist es ein Ghetto, eines der größten des Landes. Mehr als 4.000 Menschen leben in den heruntergekommenen Plattenbauten, teils in menschenunwürdigen Verhältnissen.

Bauruinen aus nacktem Beton

Die verstreuten sechsgeschossigen Wohnblöcke gleichen Bauruinen aus nacktem Beton. Vielfach fehlen die Fenster; aus den klaffenden Öffnungen lehnen sich die Bewohner heraus, schwatzen, diskutieren oder schauen einfach nur in die Gegend. Das Erdgeschoss ist in den meisten Häusern unbewohnbar, steht voll Wasser und ist mit allen Arten von Unrat vermüllt. Beißender Gestank erfüllt das gesamte offene Treppenhaus.

Auch in den Wohnungen sieht es nicht viel besser aus. Nur wenige haben einen Stromanschluss; auch fließend Wasser ist keine Selbstverständlichkeit. Von den ursprünglich ausgelegten Holzböden ist kaum mehr etwas sichtbar; sie wurden in Wintermonaten herausgerissen und verheizt. Drogensucht, Alkoholismus und Gewalt sind hier ständige Begleiter.

Verfehlte Sozial- und Integrationspolitik

Gesellschaftlich ist Lunik IX vor allem eines: ein Lehrbeispiel für eine verfehlte Sozial- und Integrationspolitik. Vertreter von Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem "Schandfleck", den viele in der Slowakei am liebsten unter den Tisch kehren würden. Insofern waren auch keineswegs alle begeistert, als Papst Franziskus im Rahmen seines Slowakei-Besuchs eine Visite in dem Problemviertel ankündigte. Am Nachmittag des 14. September ist er in Lunik IX.

Die Bewohner der Siedlung freuen sich auf den hohen Besuch: "Papez Vytaj" - "Willkommen Papst!" - heißt es in einem Graffito auf der Mauer des Bezirksrathauses; falsch geschrieben im Übrigen und neben dem abbröckelnden und schmutzigen Putz der Hauswand ohne sichtbaren gestalterischen Anspruch. Doch vielleicht gerade deshalb ein umso stimmigeres Symbolbild.

"Jeder glaubt hier an Gott"

"Für die Roma ist es eine Ehre, dass der Papst hier zu ihnen kommt", bestätigt auch der Salesianerpater Peter Besenyei. Er leitet die Hilfseinrichtung des Ordens in Lunik IX - ein eingezäuntes Areal inmitten der Plattenbaugerippe. Besenyei spricht von einem tiefen natürlichen Glauben der Roma: "Du musst hier niemanden überzeugen, dass es Gott gibt. Jeder glaubt hier an Gott."

Die Salesianer gehören zu den wenigen, die hier aktiv unterstützen. Schon seit 25 Jahren sind sie vor Ort. Ihre Hauptaufgabe sehen sie in der generellen Begleitung, insbesondere der Kinder, bei den Hausaufgaben und in allen Bildungsfragen. Für die praktische Seelsorge haben sie am Ort auch eine kleine Kirche errichtet. Doch das ist ein mühsames Feld, wie Besenyei verrät: "Außer zu großen Festen kommen die Roma nicht von sich aus in die Kirche."

Ihr Engagement wird auch aus Deutschland mitfinanziert. Das katholische Osteuropa-Hilfswerks Renovabis zählt zu den maßgeblichen Unterstützern der Einrichtung. Rund 300.000 Euro flossen bislang, hauptsächlich in Bildungsprojekte.

Förderprogramme nach Gießkannen-Manier

Erfolge sind durchaus da, wenn auch in der Regel nur in Einzelfällen. Zwar wollen so gut wie alle Jugendlichen, mit denen die Salesianer Kontakt haben, das Viertel verlassen, so Besenyei. Doch selbst wenn sie sich eine Chance erarbeiten können, ist der Schritt auf persönlicher Ebene immer noch schwer. "Wenn jemand sein Leben verändern will, dann muss er weg hier, muss auch den Kontakt zur Familie abbrechen." Ein Schritt, der für viele Mitglieder der sehr von Stammesethik geprägten Minderheit kaum denkbar ist.

Lunik IX ist zwar die größte, jedoch längst nicht die einzige Siedlung ihrer Art in der Slowakei. Im Osten, nahe der Grenze zur Ukraine, lebt der Löwenanteil der Roma des Landes, die je nach Schätzung fünf bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Höchstens jeder fünfte von ihnen hat Arbeit; die übrigen leben von Sozialhilfe. Eine Anpassung der Roma an die westliche Gesellschaft - unabhängig von Methoden und politischem System - ist seit Jahrhunderten fast vollständig misslungen; ob mit ungebremster Wirtschaftsliberalisierung oder eiligen EU-Förderprogrammen nach Gießkannen-Manier.

Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung

Im Umgang mit der Problematik greifen politische Akteure meist auf Stereotype zurück. "Selbstverschuldet" durch ihr eigenes Fehlverhalten sei die miserable Lage der Roma, meinen die einen; nein, verursacht durch immer neue Menschenrechtsverletzungen, gezielte Unterdrückung sowie soziale und ökonomische Ausgrenzung, beklagen die anderen. "Einige Roma", "manche Roma": Schon solche Unterscheidung fehlt allzu oft.

Dabei ist, wie Sozialarbeiter und Seelsorger betonen, ein Höchstmaß an Differenzierung gefragt. Nicht nur, dass soziale Zusammensetzung, kulturelles Niveau und Dialekte von Roma-Siedlung zu Roma-Siedlung variierten. Immer wieder würden jene, die sich gesellschaftlich einzugliedern versuchten, verspottet oder gar als Verräter ausgeschlossen. Oft sei es so schon einigen wenigen möglich, alles Erreichte - menschlich wie materiell - wieder zu zerstören.

Es ist ein Dilemma, für das bislang niemand ein probate Lösung gefunden hat. Auch der Besuch des Papstes wird daran sicher nicht viel ändern können. Dennoch wird die Visite ausdrücklich begrüßt. Sie bringe eine gewichtige Stimme ein und gebe der Diskussion neuen Aufschwung, meint ein NGO-Vertreter. "Egal, was der Papst dort sagt oder tut - schon allein dadurch, dass er dorthin geht, ändert sich wieder etwas."

Alexander Brüggemann und Johannes Senk
(KNA)

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