Papst Franziskus (2.v.r) unterhält sich mit dem Großajatollah Ali al-Sistani (l) und weiteren christlichen Priestern
Papst Franziskus (2.v.r) unterhält sich mit dem Großajatollah Ali al-Sistani (l) und weiteren christlichen Priestern
Matthias Kopp
Archäologe und Theologe Matthias Kopp

06.03.2021

Papst im Austausch mit dem schiitischen Oberhaupt im Irak Was kann Religion zum Frieden beitragen?

Der Papst sucht den interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Islam. Ein wichtiger Meilenstein war das Gespräch mit dem Großajatollah Ali al-Sastani. Mit ihm sprach der Papst über den Beitrag der Religionen zum Frieden.

DOMRADIO.DE: Am gestrigen Freitag ist Papst Franziskus in den Irak geflogen. In Bagdad am Flughafen gab es dann direkt das volle Programm nach der Landung, unter anderem auch ein Treffen mit dem Staatspräsidenten Barham Salih. Wie ist der Papst denn insgesamt so empfangen worden?

Matthias Kopp (Pressesprecher der deutschen Bischofskonferenz und Nahostexperte): Ich glaube, sehr positiv. Es waren ja interessante Bilder gestern. Der Papst ist bei einem schweren Sturm auf der Gangway mit Musik von Beethoven empfangen worden. Dann war das Treffen mit dem Präsidenten im Präsidentenpalast sehr positiv, weil der Papst gleich von Beginn an die richtigen Worte gefunden hat, nämlich alle Bevölkerungsteile zum Aufbau der Zivilgesellschaft aufzufordern.

DOMRADIO.DE: Die Sicherheitslage im Irak haben Sie als "hoch kritisch" eingeschätzt. Wie wird damit umgegangen? Welche Vorkehrungen gibt es?

Kopp: Die Sicherheitslage ist nach wie vor äußerst kritisch. Es gibt kaum Menschen auf den Straßen. Alles ist weiträumig abgesperrt, sodass sich das, was der Papst ganz gerne hat, die Tuchfühlung mit der Bevölkerung, kaum stattfinden kann, außer an den Orten, wo er dann eintrifft und eine Messe feiert, eine Rede hält. Man hat einfach Angst vor Anschlägen. Der sogenannte Islamische Staat (IS) ist offiziell besiegt, aber es hat in den vergangenen Wochen immer wieder Terroranschläge gegeben, die auf das Konto des IS zurückgehen. Und das ist die große Sorge, dass hier etwas passieren könnte.

DOMRADIO.DE: Am Samstagmorgen hat der Papst den Großayatollah Ali al-Sistani getroffen. Wissen Sie dazu schon mehr?

Kopp: Es gibt eindrucksvolle Bilder von beiden. Al-Sistani, immerhin schon 90 Jahre alt, ist das Oberhaupt der Schiiten im Irak und auch die höchste Lehrautorität, an denen sich schiitische Iraker ausrichten. Al-Sistani hat immer das Gegenmodell zu Khomeini im Iran aufgebaut, nämlich nicht in die Politik einzuwirken. Aber trotzdem gilt al-Sistani als moralische Autorität.

Was Papst Franziskus 2017 in Kairo mit dem sunnitischen Islam begonnen hat, wollte er jetzt fortführen. Er geht auf die Schiiten zu und das ist ein großes Zeichen gewesen, dass er in der heiligen Stadt Nadschaf war. Dort ist er vom Sohn von al-Sistani begrüßt worden. Der Papst und al-Sistani haben sich dann 45 Minuten über die Frage unterhalten: Was kann eine Religion zum Frieden beitragen?

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus ist kein Mensch mit Berührungsängsten. Er ist gerne nah bei den Menschen, auch bei den Gläubigen. Wie klappt das gerade während der Corona-Pandemie? Er ist ja, Gott sei Dank, schon geimpft.

Kopp: Der Papst ist geimpft und geht auf die Leute zu, die er sieht - mal mit, mal ohne Mundschutz. Er will mit den Menschen sprechen, nicht nur auftauchen und dann wieder wegsein, sondern irgendwo einen Dialog erleben. Das ist ihm, glaube ich, in Nadschaf gelungen. Das gelingt im Moment auch in Ur in Chaldäa. Er geht auf die Menschen zu und hat auch trotz Corona keine Berührungsängste.

DOMRADIO.DE: Noch ein kurzer Blick auf die nächste Zeit. Was stehen noch für wichtige Termine an?

Kopp: Im Moment ist der Papst in Ur in Chaldäa, fast am Persischen Golf, und hält seine viel erwartete Rede über die Bedeutung Abrahams für die drei Weltreligionen. Wenn man die Bilder sieht mitten in der Wüste, im Hintergrund der Zikkurat, die alte Tempelburg von 4000 v. Chr., das sind schon starke Bilder.

Der Papst spricht über den Gedanken, wie Abraham die Sterne am Himmel sah und wie wir heute als Menschen die Sterne am Himmel sehen müssen, um als Religion gemeinsam etwas für den Frieden zu tun. Ich glaube, ganz besonders berührend waren in Ur die Zeugnisse von jungen Leuten, eine junge Frau, die von dem Verlust ihrer Familie erzählt hat. Ein junger Muslim, ein junger Christ, die von ihrem gemeinsamen Studium berichtet haben. Da kann schon so etwas wie eine Friedensbotschaft von Ur in Chaldäa ausgehen.

Am Nachmittag geht es dann nach Bagdad zurück, wo der Papst am Abend eine Messe in der chaldäischen Kirche feiert, also einem Ritus, der zur katholischen Kirche gehört. Am Sonntag geht es in den Norden nach Kurdistan, wo der Papst die vom IS heimgesuchten Städte wie Mossul und Karakosch besuchen wird.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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