Ein Mitglied der irakischen Streitkräfte bewacht die chaldäische Kirche St. Joseph in Bagdad
Ein Mitglied der irakischen Streitkräfte bewacht die chaldäische Kirche St. Joseph in Bagdad
Matthias Kopp
Archäologe und Theologe Matthias Kopp

05.03.2021

Experte sieht "kritische Sicherheitslage" für Papstbesuch im Irak "Ein hohes Risiko"

Man nennt es die gefährlichste Papstreise, die Franziskus bis jetzt unternommen hat: Panzerwagen und Scharfschützen hat der Pontifex dabei, wenn er am Freitag im Irak ankommt. Das alles im Zeichen des Friedens der Religionen.

DOMRADIO.DE: Der Irak wird die erste Auslandsreise von Franziskus seit Beginn der Pandemie. Warum ist es dem Papst so wichtig, in den Irak zu reisen? Es gab ja auch Einladungen aus Frankreich oder Deutschland. Warum muss es unbedingt der Irak sein?

Matthias Kopp (Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Nahost-Experte): Der Papst macht das wahr, wofür sein Pontifikat steht, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen, zu denen, die nicht beachtet werden und aus dem öffentlichen Fokus herausgefallen sind. Das ist der Irak, der aus der öffentlichen Wahrnehmung herausgefallen ist, es sei denn es gibt einen größeren Anschlag.

Deshalb sagt der Papst, er will in dieses Land gehen. Das hat zutiefst mit den drei monotheistischen Religionen, mit Tradition zu tun. Abraham kommt aus Ur in Caldäa, und deshalb will der Papst dorthin, um an diesen Orten zu beten und vor allen Dingen den Christinnen und Christen Mut in einer außerordentlich schwierigen Situation zu machen.

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie im Moment die Sicherheitslage ein?

Kopp: Hoch kritisch ist für ihn und auch sein ganzes Gefolge, die mit dabei sein werden, die allgemeine Lage. Auch für die Menschen selbst. Denn im Irak versucht man ja gerade wegen der hohen Anschlagsgefahr große Menschenmengen zu vermeiden. Jetzt kommt der Papst dahin. Da kommen automatisch größere Menschenmengen zusammen. Es gibt die Theorie eines Wiedererstarken des sogenannten "Islamischen Staates" (IS). Ob er wirklich präsent ist im Irak, wird bezweifelt. Aber es gibt eben in den zurückliegenden Wochen und Monaten, muss man sagen, eine vermehrte Anzahl von Anschlägen, die möglicherweise auf Spätfolgen des IS zurückgehen. Das ist das eine Problem.

Das andere Problem sind dann die Raketenangriffe - gerade letztens am vergangenen Mittwochmorgen ganz in der Nähe, wo der Papst im Norden des Iraks landen soll, wo wahrscheinlich Vergeltungsanschläge verübt wurden, aufgrund von Angriffen der USA auf pro-iranische Einheiten. Die Region kommt schlechterdings nicht zur Ruhe. Auch die Türkei spielt eine schwierige Rolle, wenn sie Kurden im Nordirak angreift. In diese Gesamtlage kommt der Papst hinein und das ist ein hohes Risiko.

DOMRADIO.DE: Aus dem Irak flüchten ja auch die Menschen vor den Gewalttaten, vor allem auch Christen. Ist der Besuch im Irak dann vielleicht auch ein Zeichen des Papstes: Ich will euch Mut machen, auch dazubleiben im Land?

Kopp: Genau. "Ihr seid nicht allein", ist die Botschaft, ein Mutmachen dazubleiben und vor allem auch zurückzukommen. Wir beobachten ja dankenswerterweise seit ungefähr drei Jahren eine stärkere Rückkehr von christlichen Geflüchteten aus den Nachbarländern, seitdem der IS besiegt ist. Man muss sich vor Augen halten: In der Zeit um den Sturz von Saddam Hussein 2003 gab es noch einen Anteil von 6,6 Prozent Christen in der irakischen Bevölkerung. Heute sind das höchstens noch um die 2,7 Prozent. Wir reden da also von weniger als einer Million Menschen im Irak, die christlichen Ursprungs sind.

Eine Botschaft des Papstes wird sein: "Ihr seid nicht allein. Es gibt eine internationale Solidarität auch zwischen den Religionen zu euch Christen. Kommt zurück, denn man muss dieses Land wieder mit zivilgesellschaftlichen Kräften auch durch die Christen aufbauen." Das wird der Schwerpunkt am Sonntag sein, wenn der Papst in der sogenannten Ninive-Ebene in Mossul und Karakosch ist. Er also an die Orte geht, die urchristliche sind.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt der interreligiöse Dialog dort?

Kopp: Der Papst wird vor allem das Gespräch mit den Schiiten suchen, die die Mehrheit im Irak bilden. Es gibt auch viele Sunniten. Mit den Sunniten hatte er ja schon einen sehr engen Kontakt durch seine Reise vor einigen Jahren nach Abu Dhabi und auch nach Kairo. Es ist schon bemerkenswert, dass der Papst die Einladung angenommen hat, nach Nadschaf zu fliegen, also südwestlich von Bagdad, um dort den Großajatollah der Schiiten, Ali al-Sistani, zu besuchen. Das wird eine spannende Begegnung.

Es sind jetzt wohl keine unterschriftsreien Dokumente vorgesehen, aber es ist ein starkes Zeichen, dass der Papst erst dahingeht, einen Besuch bei al-Sistani macht und dann von Nadschaf nach Ur ganz in den Süden fliegt, also in die Nähe des Persischen Golfes, um dort an einem interreligiösen Gebetszeremoniell teilzunehmen. Das ist eine starke Wertschätzung gegenüber dem schiitischen Islam. Dieser Besuch dürfte auch zu einer Entspannung des manchmal nicht einfachen Verhältnisses von christlichen Minderheiten und dem schiitischen Islam beitragen.

DOMRADIO.DE: Wird der Papst neben religiösen und politischen Vertreterm auch mit Menschen aus der Zivilbevölkerung zusammentreffen? Oder wird der Papst wegen der Coronavirus-Pandemie eher Berührungsängste haben?

Kopp: Dieser Papst hat überhaupt keine Berührungsängste, wenn man ihn so beobachtet. Er ist gottlob geimpft wie die gesamte Entourage, die mit ihm fliegt. Natürlich wird die Coronavirus-Pandemie sehr stark im Mittelpunkt stehen, weil da, wo es Menschenansammlungen gibt, nur eingeschränkte Zahlen zugelassen sind. Also wenn der Papst in Bagdad in der chaldäischen Kathedrale eine Messe feiert, wird es keine Menschenmengen außerhalb der Kirche geben können. Wenn der Papst in Erbil in der teilautonomen Republik Kurdistan einen Gottesdienst im Sportstadion am kommenden Sonntag mit ungefähr 10.000 Menschen feiert, sind das eben nicht die 30.000, die in das Stadion passen würden.

Es wird Corona-reduziert Menschenaufläufe geben, viele Menschen im Irak werden den Papst nur am Fernsehen sehen können. Deshalb gab es immer wieder Überlegungen, ob die Papstreise nicht verschoben werden muss, damit mehr Menschen teilnehmen können. Aber Franziskus war es wichtig, jetzt dahin zu fahren, weil jetzt die Situation derart angespannt ist, dass es möglicherweise auch eine internationale, von ihm ausgesprochene Friedensbotschaft braucht.

DOMRADIO.DE: Kann diese Friedensbotschaft des Papstes in so einer Region wirken, wo gar nicht so viele Christen vor Ort leben? Kann das trotzdem die Politik verändern?

Kopp: Vielleicht wird sie vor Ort zumindest nachdenklich machen. Denn der Papst wird schon von der politischen Führung im Irak, aber auch von den Religionsführern, Schiiten wie Sunniten, als - wie man in den Zeitungen lesen kann - "Prophet des Friedens" im Vorfeld tituliert. Das ist ein wunderbarer Titel. Man spürt an dem, was berichtet wird oder was ich auch höre, eine große Dankbarkeit, dass der Papst dieses Wagnis eingeht und als Religionsführer, aber auch als politische Persönlichkeit, kommt.

Auch weil sich von den Staatsoberhäuptern sonst niemand so richtig für den Irak interessiert - und das seit Jahren. Wer war denn da in den letzten Jahren? Deshalb legt man ein großes Augenmerk im Irak auf diesen Papst und setzt auf seine Botschaft. Im Moment kann diese Region weit über die Grenzen des Irak hinaus eine solche Friedensbotschaft gebrauchen.

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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