Papst Franziskus mit Kardinälen
Papst Franziskus mit Kardinälen
Kardinal Keith Michael Patrick O'Brien
Kardinal Keith Michael Patrick O'Brien
In sich versunken: Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
In sich versunken: Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
Kardinal Giovanni Angelo Becciu (Archiv)
Kardinal Giovanni Angelo Becciu
Kardinal Philippe Barbarin (Archivbild)
Kardinal Philippe Barbarin
Kardinal George Pell im Vatikan (Archiv)
Kardinal George Pell im Vatikan (Archiv)

29.09.2020

Warum Franziskus freimütiger mit dem Kardinalstitel umgeht "Hire and Fire"?

Der Rücktritt eines Kardinals war bis zum Pontifikat von Papst Franziskus fast unvorstellbar. Nun hat mit Giovanni Becciu schon der dritte Purpurträger seinen Titel verloren. Warum geht Franziskus mit Kardinälen anders um als seine Vorgänger?

Eigentlich sind Kardinäle in der katholischen Kirche gar nichts Besonderes. Kardinäle werden im Gegensatz zu Bischöfen nicht geweiht, sondern nur ernannt, und klassisch definierte Aufgaben müssen sie auch nicht unbedingt wahrnehmen. Das Kirchenrecht spricht davon, dem Papst zur Seite zu stehen und wichtige Fragen zu behandeln [Can. 349 CIC].

Die größte Verantwortung, die einem Kardinal obliegt, ist es beim Konklave seine Stimme für einen neuen Papst abzugeben. Als Stellenbeschreibung wäre das allerdings ein wenig dürftig, da ja mitunter Jahrzehnte zwischen den Papstwahlen vergehen.

Was ein Kardinal wirklich macht, ist voll und ganz der Autorität des Papstes überlassen. Kardinäle bekleiden in der Regel Ämter im Vatikan oder sitzen als Bischöfe in den wichtigsten Diözesen der Welt. Die Ernennung eines Kardinals wird auch als "Kreierung" bezeichnet, der Papst kreiert – erschafft – seine "Kreaturen". Ihm obliegt, wie er mit diesen Ernennungen umgeht.

Andere Auswahlkriterien

Papst Franziskus wählt seine Kardinäle dabei offensichtlich nach anderen Kriterien aus, als seine Vorgänger: Franziskus legt mehr Wert auf verdiente Priester, die vor der Ernennung noch nicht mal Bischöfe sein müssen, sondern sich in wichtigen Aufgaben für die Menschen und die Kirche einsetzen.

So hat Franziskus bei den letzten Konsistorien 2018 und 2019 mit Konrad Krajewski den päpstlichen Almosenmeister, und mit Michael Czerny einen Untersekretär, der für die Flüchtlingsarbeit zuständig ist, zu Kardinälen ernannt - und kurz zuvor noch zu Bischöfen geweiht. Zudem blickt Franziskus bei seinen Ernennungen nicht unbedingt in Bistümer wie Berlin oder Paris, sondern macht Bischöfe aus entlegenen Teilen der Welt zu Kardinälen, wie aus Tonga, Skandinavien oder der Zentralafrikanischen Republik.

Da die Ernennung eines Kardinals im Gegensatz zur Weihe nicht göttlichem, sondern kirchlichem Recht unterlegt, hat ein Papst hier komplett freies Handeln, wen er zum Kardinal macht, und theoretisch auch, wem er dieses Amit wieder entzieht. Eine Weihe zum Priester oder Bischof kann man nach katholischer Überzeugung nicht zurücknehmen, da der Kardinal aber ein Ehrentitel ist, ist auch der ungewöhnliche Schritt der Aberkennung des Titels dem Papst überlassen.

Nur ein Verzicht im 20. Jahrhundert

Im gesamten 20. Jahrhundert findet man allerdings nur einen einzigen Kardinal, der auf sein Amt verzichtet hat, den französischen Jesuiten Louis Billot (1846-1931). Billot war bekennender Unterstützer der "Action francaise", einer rechtsextremen, nationalistischen und monarchistischen Gruppierung aus Frankreich, die nach Überzeugung des Vatikans versuchte, den Katholizismus für ihre eigenen Ziele zu deuten und auszunutzen. Billot geriet deshalb in offenen Konflikt mit seinem "Arbeitgeber", dem damaligen Papst Pius XI., und erbat nach einem wohl hitzigen Gespräch mit dem Papst im November 1927 um Entlassung aus dem Kardinalskollegium.

In den meisten Geschichtsbüchern findet sich diese Geschichte nur als Randnotiz. Umso auffälliger, dass Papst Franziskus in seiner bis jetzt siebenjährigen Amtszeit bisher drei Kardinälen den Titel entzogen hat, bzw. die damit verbundenen Rechte, Pflichten und Privilegien.

2015 dem schottischen Erzbischof Keith Patrick O’Brien, 2018 dem Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, und nun 2020 dem Präfekten der vatikanischen Heiligsprechungskongregation, Giovanni Angelo Becciu. – O’Brien und McCarrick sind durch Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in die Schlagzeilen gekommen.

Gegenüber Kardinal O’Brien wurden 2013 Vorwürfe laut, er habe sich gegenüber Seminaristen unangemessen verhalten. Zwei Jahre später gestand der Erzbischof von St. Andrews und Edinburgh sein Fehlverhalten in einem Offenen Brief ein: "Mein sexuelles Verhalten ist unter den Standard gefallen, der von mir als Priester, Erzbischof und Kardinal erwartet wurde". Daraufhin erbat er Papst Franziskus, von seinen Rechten und Pflichten als Kardinal entbunden zu werden.

Theodore McCarrick des Missbrauchs beschuldigt

Noch mehr durch die Schlagzeilen ging 2018 die Geschichte von Theodore McCarrick, dem ehemaligen Erzbischof der US-Hauptstadt Washington, dem ebenfalls sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde, der im Gegensatz zu O’Brien allerdings nie eine Schuld eingestanden hat. McCarrick ist rein hierarchisch gesehen auch der einzige, der als "ehemaliger Kardinal" bezeichnet werden kann.

Zwar hat er im Jahr 2018 offiziell den Papst darum gebeten, von den Rechten und Pflichten des Kardinals entbunden zu werden (wie Billot, O’Brien und Becciu), im Gegensatz zu den anderen Kardinälen wurde McCarrick im Frühjahr 2019 mit Beschluss der vatikanischen Glaubenskongregation aber zudem aus dem Klerikerstand entlassen.

"Mr. McCarricks" Ernennung zum Kardinal ist damit de facto nichtig gemacht. Das Kirchenrecht besagt zwar, dass eine Weihe nicht zurückgenommen werden kann, trotzdem ist er rechtskräftig aus dem Klerikerstand entlassen, und damit auch der bis jetzt erste und einzige Kardinal, der wegen sexuellen Missbrauchs seinen Titel verloren hat.

Im aktuellen Fall von Kardinal Becciu, dem Präfekten der Heiligsprechungskongregation, geht es nicht um sexuelles Fehlverhalten, sondern um einen Finanzskandal im Vatikan. Der Heilige Stuhl gibt offiziell keine Gründe für den Rückzug an. In Vatikankreisen ist einerseits die Rede von Fehlinvestitionen in dreistelliger Millionenhöhe im Zusammenhang mit einem Immobiliengeschäft in London, andere Quellen sprechen aber auch davon, dass Becciu Familienmitglieder bereichert haben soll.

Im Gegensatz zu McCarrick – und genau wie O’Brien – wird Becciu aber allerdings nicht offiziell der Stand des Kardinals entzogen, sondern nur die "Rechte und Pflichten" die damit einhergehen.

Papst geht freimütiger mit Ehrentitel um

Franziskus geht also freimütiger sowohl mit der Ernennung, aber auch der Entziehung des Kardinalstitels um. Es stellt sich aber auch die berechtigte Frage: Warum "nur" diese drei? Es gibt auch weitere hohe Kirchenvertreter, die besonderes wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs oder der Vertuschung des solchen in die Kritik geraten sind.

Der gerade emeritierte Erzbischof von Lyon, Philippe Kardinal Barbarin, oder der ehemalige Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal George Pell zum Beispiel. Pell musste in Australien wegen der Vorwürfe gegen ihn sogar zeitweise ins Gefängnis, hat aber auch dort seinen Kardinalstitel behalten. – Hier könnte man vom Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" sprechen. Pell hat seine vatikanischen Ämter zwar ruhen lassen, aber immer seine Unschuld beteuert und wurde im Frühjahr vom höchsten australischen Gericht freigesprochen. Ähnliches gilt für Barbarin, dem vor kurzem auch vor Gericht die angelastete Vertuschung sexuellen Missbrauchs nicht nachgewiesen werden konnte.

Man kann also zusammenfassen, dass sich die Kardinäle unter Papst Franziskus – im Gegensatz zu ihren Vorgängern – nicht mehr hundert Prozent sicher sein können, den höchsten Ehrentitel der katholischen Kirche auf Lebenszeit zu tragen, dass eine "Amtsenthebung" aber keinesfalls leichtfertig geschieht, und der Papst sich diesen Schritt nur für die Fälle voller Überzeugung eines schwerwiegenden Fehlverhaltens vorbehält.

Renardo Schlegelmilch
(DR)

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