Gender-Symbole
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Symbolbild: "Gott*" mit Gendersternchen
Symbolbild: "Gott*" mit Gendersternchen

15.09.2020

Theologin Wuckelt über "Gott*" mit Sternchen und "Fratelli Tutti" Wenn Sprache zur Auslegungssache wird

Was geschlechtergerechte Sprache angeht, gibt es gerade viel Diskussionsstoff in der katholischen Welt. Spricht der Papst in seiner kommenden Enzyklika nur die Brüder an? Und sollte man "Gott*" mit Gendersternchen versehen? Fragen über Fragen.

DOMRADIO.DE: "Fratelli Tutti", also: "alle Brüder", ist ein wörtliches Zitat des Heiligen Franziskus, das der Papst für seine bevostehende Enzyklika übernimmt. Da kann er doch jetzt nicht einfach: Brüder und Schwestern draus machen, oder?

Prof. Agnes Wuckelt (Theologie-Professorin an der katholischen Hochschule NRW): Als Wissenschaftlerin muss ich natürlich sagen, dass er hier wissenschaftlich sauber arbeitet. Eine Quelle, die ich benutze, ein Zitat, das ich benutze, kann ich nicht nach Belieben verändern.

Von daher kann man zunächst einmal nichts dagegen sagen. Zum anderen sollte man vielleicht auch respektieren, dass unser Papst den Heiligen Franziskus, dessen Namen er ja auch angenommen hat, sehr verehrt. Auch die Enzyklika "Laudato si" nimmt ein Zitat von dem Heiligen Franziskus auf und beginnt damit.

DOMRADIO.DE: Heißt das lateinische "Fratelli" genau übersetzt den überhaupt "Brüder"?

Wuckelt: Ja, wir sind Brüder. Wobei man natürlich sagen kann, dass es keinen Begriff für Geschwister gibt, sodass mit "Fratelli" auch immer die Frauen, die Schwestern, mitgemeint sein können. Aber ich meine, dass wir durch den ganzen Protest und die Diskussion, die da jetzt entstanden ist, doch zumindest im deutschsprachigen Raum eine große Sensibilität dahingehend entwickelt haben, dass wir sagen: Frauen können nicht einfach mitgemeint sein.

DOMRADIO.DE: Jetzt hat der Papst dieses Zitat des Heiligen Franziskus bewusst zum Titel seiner Enzyklika gemacht. Davon gehen wir mal aus. Wenn er aber alle Menschen meint, warum hat er dann nicht eine Überschrift gewählt, die klarer ausdrückt, dass hier alle Kinder Gottes gemeint sind?

Wuckelt: Ich habe leider keinen Einblick in seine Gedankengänge. Ich vermute wirklich, dass es der Referenz und der Verehrung des Heiligen Franziskus entspricht, dass er diesen Titel gewählt hat. Vielleicht steht dahinter aber auch, dass der Papst ein Frauenbild hat, das sich sehr wohl von dem, was er mit Brüdern verbindet, unterscheidet.

Dieses Frauenbild ist auch in seinen sonstigen Texten, die er schreibt, doch immer so gekennzeichnet, dass es eine Sonderwelt beschreibt, die es eben neben der Männerwelt auch gibt. Vielleicht steht das irgendwo im Hintergrund.

Auf dem Hintergrund vermute ich aber auch sehr stark, dass es in dieser Enzyklika, in der er ja auf die aktuellen Themen eingehen soll – genaues wissen wir ja noch nicht – ganz sicherlich Abschnitte gibt, in denen er bewusst Frauen anspricht und bewusst das betont und würdigt, was aus seiner Perspektive Frauen, gerade in der Gesellschaft und im Blick auf die ganzen Anforderungen und Anfragen, die im Kontext von Corona entstanden sind, in besonderer Weise würdigt.

DOMRADIO.DE: Die christliche Botschaft – auch das alte und neue Testament und alle Kirchendokumente – stammen aus einem patriarchalisch, also männlich geprägten Kulturraum. Wie groß ist denn der Bedarf, hier theologisch etwas aufzuarbeiten, damit nicht ständig von Männern und von Brüdern die Rede ist?

Wuckelt: 1985 ist ein Buch erschienen, das "Nennt uns nicht Brüder" hieß. Das heißt also, dass seit den 1980er Jahren sowohl die Sprachforschung als auch die feministische Theologie daran arbeitet. Einiges hat es schon gegeben, dass zumindest in breit formulierten Gebeten, in neuen Liedern, die wir in der Liturgie verwenden, sehr wohl die Brüder und Schwestern vorkommen.

Es gibt auch durch die Frauenverbände spezielle Frauengottesdienste, die in besonderer Weise nach sprachlichen Formulierungen suchen, die Frauen entsprechen und die auch das Gottesbild neu aufscheinen lassen. Das bedeutet, Gott nicht nur als Herren, als Vater, sondern eben auch mit Begriffen wie "Freundin", aber auch wie "Quelle", "Fels", die Adlerhenne, die ihre Küken bewacht, zu betiteln. Hier gibt es vielfältige Beschreibungen, Bilder und Vorstellungen, die wir in der Bibel finden, die hier wieder archäologisch ausgegraben und heute verwendet werden.

DOMRADIO.DE: Genau das ist ja noch ein anderes aktuelles Thema: Gott ist auch grammatikalisch männlich. Jetzt gibt es den Vorschlag, ein Gendersternchen anzufügen und damit kenntlich zu machen, dass es nicht nur der Gott, also ein grammatikalisch männlicher Gott ist. Was halten Sie davon?

Wuckelt: Es mag vielleicht einfach irritieren. Ich weiß, das es auch schon kontroverse Diskussionen ausgelöst hat, wenngleich die Nachricht ja noch ganz jung ist. Ich denke zum Einen: Das Gendersternchen verändert die Aussprache ja nun nicht. Es bleibt "Gott". Diese Sternchen wird ja nicht gesprochen.

Aber im Lesen werde ich über diesen Begriff mit Sternchen nun stolpern. Ich meine, der Genderstern ist dafür geeignet, dass ich mir über das Gottesbild und meine Gottesvorstellungen Gedanken mache. So wie von der feministischen Theologie immer wieder betont wurde und wird, dass Gott auch Mutter ist, haben wir jetzt aber nun eine neue Qualität hinzugewonnen. Und die scheint mir sehr wichtig zu sein.

Denn dieser Genderstern macht darauf aufmerksam, dass es auch Menschen mit Diversem gibt, die nun auch durch das, was die feministische Theologie erreicht hat - Gott ist Vater und Mutter, Gott ist Freund und Freundin - noch nicht abgedeckt ist. Wenn wir hier konsequent weiterdenken und sagen: "Gott hat kein Geschlecht", dann müssen wir angesichts der jetzigen Diskussion, wo wir uns eben das sogenannte dritte Geschlecht auch immer wieder vor Augen führen, Gott neu denken.

Hier liegt für mich die Chance darin, dass auch Menschen mit diversem Geschlecht Gottes Ebenbild sind, dass auch sie von Gott geliebt sind und dass Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen, dennoch im religiös-theologischen Kontext Gerechtigkeit erfahren. Das scheint mir eine große Chance zu sein.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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