Deutschlands Vatikan-Botschafter Michael Koch über Franziskus

"Der Papst ist bereit zum Risiko"

Seit einem Dreivierteljahr ist Michael Koch Deutschlands Botschafter beim Heiligen Stuhl. Im Interview spricht er über die Diplomatie des Vatikan, starke Gesten des Papstes sowie über Kirche und Missbrauch.

Michael Koch, neuer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl / © Vatican Media (KNA)
Michael Koch, neuer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl / © Vatican Media ( KNA )

KNA: Herr Botschafter Koch, nach der Neujahrsansprache des Papstes Anfang Januar haben Sie die gemeinsamen Grundlinien deutscher und vatikanischer Außenpolitik gewürdigt. In welchen Fragen ist der Heilige Stuhl für Berlin ein besonders wichtiger Partner?

Koch: Wichtig ist unsere gemeinsame Überzeugung, dass Staaten, Menschen, Kirchen und andere Organisationen füreinander Verantwortung tragen. Natürlich bin ich zunächst meinem eigenen Land verantwortlich, aber eine gute Interessenwahrnehmung für Deutschland verlangt immer, die Interessen aller anderen ebenso wahrzunehmen und irgendwie zu berücksichtigen. Diese Sicht teilt der Vatikan vollkommen. Das zeigt sich etwa beim Problem des Klimawandels, wo Lösungen nur multilateral gefunden werden können. Deswegen sind wir uns einig, multilaterale Organisationen zu stärken und nicht zu schwächen.

KNA: Wo liegen die größten Divergenzen?

Koch: Klassisch ist die Haltung zur Abtreibung, auch der Bereich LGBT etwa. Deutschland ist ein säkularer Staat; die Kirche vertritt - auch in der internationalen Politik - das, was sie nach ihrer Lehre für moralisch geboten hält. Daraus ergeben sich gelegentlich Wertungsunterschiede.

KNA: Beim Thema Abtreibung hat der Papst jüngst scharfe Formulierungen gebraucht - Stichwort «Auftragskiller». Ist so etwas seinem Anliegen eher förderlich oder hinderlich?

Koch: Manchen mag so etwas besonders gefallen, anderen nicht. Dies ist aber eine Formulierung, die nach unserer Meinung so nicht gebraucht werden sollte. Aber auch aus Sicht des säkularen Staates Bundesrepublik ist eine Abtreibung etwas, das möglichst zu vermeiden ist. Die Frage ist, wie man dieses Ziel in einer möglichst großen Zahl von Fällen erreicht.

"Die allermeisten Kirchenleute wissen um diese verheerende Wirkung"

KNA: In den vergangenen Monaten stand die katholische Kirche wegen des Missbrauchsskandals unter Beschuss. Welche Folgen hat das? Leidet die Autorität der «Soft Power» Vatikan?

Koch: Ohne jede Frage hat die Autorität der Kirche darunter gelitten und leidet weiter darunter. Die allermeisten Kirchenleute wissen um diese verheerende Wirkung. Das hat auch damit zu tun, dass viele nicht unberechtigt den Eindruck haben, der Umgang der Kirche mit dem Problem, nachdem sich dessen Umriss abzuzeichnen begann, weise erhebliche Defizite auf. Fairerweise ist hinzuzufügen, dass es keine andere Organisation gibt, die von Missbrauch auch betroffen war und damit besser umgegangen wäre. Dank des energischen Wirkens dieses Papstes ist die Kirche inzwischen viel, viel weiter. Aber sie muss dranbleiben, deutlich machen, dass sie sich konsequent auf die Seite der Opfer stellt und aufklärt.

KNA: Ein «ceterum censeo» des Papstes sind seine Worte für Migranten und Flüchtlinge. Verrennt Franziskus sich hier und wird durch Übereifer kontraproduktiv?

Koch: Einer der großen Erfolge dieses Papstes besteht darin, dass er mit dem, was er sagt, und vor allem mit den Zeichen und Gesten, die er setzt, weit über die katholische Welt hinaus Wirkung erzielt.

Nein, ich glaube nicht, dass er sich da verrennt. Bei diesem Thema kann er besonders deutlich machen, dass gutes christliches Handeln vor allem konkret sein muss, eine Hinwendung zum einzelnen leidenden Menschen. Dies zu transportieren, gelingt diesem Papst besonders gut.

Deswegen ist er so hoch geachtet auch bei Menschen, die nie in die Kirche gehen.

KNA: Aber er erfährt aus eigenen Reihen auch Skepsis, ja Anfeindung.

Koch: So ist das eben. Ich glaube, Franziskus ist ein Papst, der den Streit um ein solches Thema nicht fürchtet und ihn in Kauf nimmt.

Sein Vorgehen ist nicht von dem Wunsch bestimmt, einzelne Gruppen von Menschen zu erreichen. Das ist der authentische Franziskus, den wir da erleben. Er sieht seine Aufgabe vor allem darin, durch eine Propaganda der Tat für den katholischen Glauben zu werben.

KNA: Der Vatikan ist ein wichtiger diplomatischer Player. Wie nehmen Sie seine jüngsten Vermittlungsversuche etwa im Südsudan wahr?

Koch: Die vatikanische Diplomatie ist stark engagiert bei verschiedenen Mediationen. Gegenüber dem Südsudan hat der Papst mit einer außerordentlichen Geste - einem Kniefall - versucht, an das Verantwortungsgefühl der Kontrahenten zu appellieren. Man kann nur hoffen, dass dies bei beiden Herren einen entsprechenden Eindruck hinterlassen hat.

KNA: Sie klingen skeptisch.

Koch: Man kann bei solchen Mediationen seine eigene Mitwirkung ja nicht davon abhängig machen, dass man überzeugt ist, auf jeden Fall Erfolg zu haben. So etwas verlangt Risikobereitschaft. Und dazu ist der Papst bereit.

KNA: Ein weiteres schwieriges Feld ist der Dialog mit dem Islam - Stichwort Dokument von Abu Dhabi.

Koch: Das Dokument von Abu Dhabi ist sehr substanziell. Da steht eine Menge drin, auch Aussagen, die man dort nicht unbedingt erwartet hätte. Meines Erachtens ist dies ein schöner Schritt nach vorne, weil es neben dem interreligiösen Aspekt auch eine politische Dimension hat. Ein Gespräch, das nach außen gute Zeichen der Verständigung setzt, hat auch politische Wirkung.

"Hier wird Religion für politische Zwecke instrumentalisiert"

KNA: Und das Abkommen mit Peking?

Koch: Zu dem «vorläufigen» - darauf legt der Vatikan großen Wert - Abkommen mit China fällt eine Einschätzung sehr schwer; Sie wissen, dass der Text geheim gehalten wird. Was wir hören, ist, dass es nun vor allem auf die Praxis ankommen soll. Die aber muss sich erst zeigen, weil das Abkommen allein Bischofsernennungen betrifft.

KNA: Aktuelle Vorkommnisse in China sehen nicht danach aus, dass das Dokument Früchte trägt.

Koch: Man kann spekulieren, was die Vorgehensweisen einzelner Behörden bedeuten, wenn denn einmal eine Bischofsernennung ansteht. Jedenfalls wurde, so sagte man uns im Vatikan, dieses Abkommen mit Peking auf Bewährung abgeschlossen.

KNA: Nicht nur vor den Europawahlen wurde von verschiedenen Seiten mit unterschiedlichen Zielen ein «christliches Erbe» des Kontinents beschworen oder reklamiert. Welche Rolle spielte dies bei den Wahlen aus der Sicht des Diplomaten?

Koch: Natürlich ist Europa in seiner Geschichte durch das Christentum und seine Konfessionen massiv geprägt worden. Aber ein wachsender Anteil von Europäern will dieses Erbe in der bisherigen Form nicht mehr mittragen. Seit zwei Generationen säkularisiert Europa sich - nicht gleichmäßig, aber doch überall. Ein Zweites: Bei der Verwendung des Begriffs "christliches Europa" fällt sehr oft auf, dass er vor allem dazu verwendet wird, jene zu beschreiben, die nicht zu Europa gehören sollen. Es geht dabei also weniger darum, dass wir uns an unser christliches Erbe erinnern. Hier wird Religion für politische Zwecke instrumentalisiert. So etwas lehnt gerade dieser Papst vehement ab.

Das Interview führte Roland Juchem


Quelle:
KNA