Papst Franziskus
Papst Franziskus
Bruder Paulus Terwitte
Bruder Paulus Terwitte

28.12.2018

Bruder Paulus: Franziskus nimmt seine Glaubensgeschichte ernst Mut und Feigheit des Papstes

Im März kommenden Jahres ist Papst Franziskus sechs Jahre im Amt. Er hat in seiner Amtszeit häufig Mut zu Veränderungen bewiesen, aber auch mal Feigheit gezeigt, so der Kapuzinermönch und Buchautor Bruder Paulus Terwitte.

DOMRADIO.DE: Wie mutig war Papst Franziskus bisher in seinem Pontifikat aus Ihrer Sicht?

Bruder Paulus Terwitte (Kapuzinermönch, Buchautor und Fernsehmoderator): Ich glaube, das Mutigste von ihm war, dass er zunächst einmal seine Glaubensgeschichte ernst genommen hat, seine theologische und spirituelle Geschichte als Jesuit, als Befreiungstheologe, als Bischof und Erzbischof in Argentinien. Er hat im Vatikan ganz mutig das weitergelebt, was die Priester und Ordensleute weltweit sowieso tun: Er hat die Nähe zu den Menschen gesucht. Ebenso nutzt er direkte Worte, ohne lange an daran herumzufeilen. Vor allem bewegt er sich auf die Armen zu. Das tut die Kirche an allen Ecken dieser Erde und der Papst hat das einfach weitergemacht. Er hat sich nicht beeindrucken lassen von diesem höfischen Zeremoniell.

DOMRADIO.DE: Er hat zum Beispiel die Kurie umgebaut und einen Kardinalsrat einberufen. Was waren da für Sie die mutigsten Entscheidungen?

Bruder Paulus: Ich glaube, dass die mutigste Entscheidung zunächst einmal die war, aus dem Apostolischen Palast auszuziehen und in die Casa Marta einzuziehen, mit einem Tablett in der Schlange zu stehen und mit den Bediensteten zusammen zu essen. Das zeigt einen Papst, der sagt, das gehe ich jetzt an und ich gehe auch anderes an. Man muss ein Vorbild sein und das ist dieser Papst. Diese Kurienreform ist nichts anderes, als zu sagen: Ich komme von außen. Ich bin kein Kind dieser Verwaltung. Ich sehe, dass sich etwas ändern muss, also will ich auch, dass wir miteinander darüber sprechen. Es war schon sehr mutig diesen Kardinalsrat einzuberufen.

Ich fand es aber ziemlich feige – das will ich schon auch sagen –, dass er diese drei Kardinäle, die mit Kindesmissbrauch bzw. mit dessen Vertuschung zu tun hatten, einfach in ihren Ämtern beließ. Das fand ich nicht sehr mutig, da nicht klar und deutlich zu sagen: Solange ein schwebendes Verfahren läuft, könnt ihr unmöglich meine Ratgeber sein.

DOMRADIO.DE: Normalerweise sagt man, dass Mut belohnt wird. Wie viel Mut von Papst Franziskus ist aus Ihrer Sicht bisher belohnt worden?

Bruder Paulus: Wenn ich das richtig sehe, sind jetzt einige Reformschritte in der Kurie zumindest mal getan worden. Auch die Bischofskonferenzen sind gestärkt worden, er hat das Eherecht mehr in die Bistümer hineinverlegt. Ich glaube, dass die einzelnen Bischofskonferenzen noch ein wenig in einer Art Schockstarre sind und dass sie jetzt tatsächlich nicht mehr nur nach Rom gucken sollen, sondern dass sie auch miteinander zu einmütigen Entscheidungen kommen und ins Gespräch kommen müssen. Das fand ich schon eine sehr mutige Entscheidung und ich finde, dass es auch langsam Früchte trägt, dass Bischofskonferenzen sagen: Wir denken darüber nach, wie das mit dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen ist? Wie das mit der Zulassung zum Weiheamt ist – der Viri probati-Debatte. Das kann jetzt ortskirchlich noch mal stärker diskutiert werden, das fand ich schon mutig. Übrigens auch über die kirchliche Debatte hinaus. Es war mutig den Palästinenserführer und den Präsidenten Israels zusammen zum Gebet in den vatikanischen Garten einzuladen. Das sind Zeichen, bei denen ich denke, toll!

DOMRADIO.DE: Jetzt hat dieser Papst nicht immer volle Rückendeckung bei seinen mutigen Entscheidungen. Welche mutigen Schritte würden Sie sich von Papst Franziskus wünschen im kommenden Jahr?

Bruder Paulus: Ich wünsche mir von ihm, dass er die Gläubigen einlädt miteinander wirklich weiter ins Gespräch zu kommen. Die Jugendsynode war ein Anfang, da fehlten allerdings die Jugendlichen zur Genüge. Da war dann wiederum wenig Mut da; sehr viele Funktionäre. Ich wünsche mir auch noch mehr Mut, die örtlichen Kirchen zu stärken. Die afrikanische Bischofskonferenz hat andere Sorgen als die indische und die europäische. Dort nochmal neu zu sagen, gebt uns von unten Impulse, wie wir als Kirche miteinander fruchtbarer die Hoffnung in die Welt tragen können. Immer wieder zurückzugehen an die Basis, das wünsche ich mir, und letztlich auch, dass er nochmal – das hat er in den letzten Tagen ja auch getan – in politischer Hinsicht noch deutlicher macht: Wir müssen uns Sorgen machen, um diesen Planeten. Ich wünsche mir, dass der Papst noch viel mutiger die politischen Kräfte zusammenbringt und die Nuntiaturen in den einzelnen Ländern anweist noch mehr zu tun, um politische Kräfte miteinander ins Gespräch zu bringen.

Das Gespräch führte Martin Mölder. 

(DR)

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