Das Gebetsanliegen des Papstes für den November

Ein Herz für die Gegenseite

Der Papst betet im November "im Dienst des Friedens: dass die Sprache des Herzens und der Dialog stets Vorrang haben vor Waffengewalt". Damit sagt Franziskus aber auch: Waffengewalt scheint manchmal nicht vermeidbar. 

Autor/in:
Gerhard Dane
Archiv: Der Papst im Gebet / © Alessandra Tarantino (dpa)
Archiv: Der Papst im Gebet / © Alessandra Tarantino ( dpa )

Endlich! Am 11. November 1918, morgens um 5.00 Uhr, wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Damit war ein bis dahin nicht gekanntes Massengemetzel in Europa nach über vier Jahren beendet. Papst Franziskus bittet uns, in diesem Monat – 100 Jahre später – "im Dienst des Friedens" mit ihm "die Sprache des Herzens" neu zu üben. 

Seinem Vorgänger Pius X hatte es am 20. August 1914, drei Wochen nach der Kriegserklärung, das Herz gebrochen, als er zusehen musste, wie "christliche" Nationen aufeinander losschlugen. "Gott mit uns" stand auf dem Koppelschloss deutscher Soldaten und auf fast allen Seiten der Fronten zelebrierten katholische Priester das "Opfer der Versöhnung". Was für eine entsetzliche Verirrung!

Ein Herz für die Gegenseite

Der Papst spricht vom "Dienst" des Friedens. Ob in der Weltpolitik oder in der Nachbarschaft gilt: Wer Frieden stiften will, kann nicht gleich auf den Nobelpreis spekulieren. Man kann in diesem Dienst leicht zwischen die Fronten geraten und wird längst nicht immer erfolgreich sein. Was für ein Friede wäre ein Erfolg? Die "pax romana" zum Beispiel war eine waffenstrotzende Gewaltbefriedung. Sie hat Hunderttausenden das Leben gekostet, unter ihnen einem gewissen Mann aus Nazareth.

Welche Waffen stehen uns zur Verfügung, wenn uns die Pax Christi zum Programm wird? Der Papst nennt zwei, die eigentlich nur eine sind: "die Sprache des Herzens und der Dialog". Diese Aus-Rüstung des Herzens gehört zentral zur Grundausbildung guter Friedenstifter: eben nicht Machtansprüche mit eiskalter Taktik durchsetzen. Ein Herz haben für die "Gegenseite", nicht nur die eigenen Empfindungen wahrnehmen.

Worum geht es wirklich?

Wir können hier ein Wort heraushören, das typisch ist für Jorge Bergoglios Papstdienst ist: Barmherzigkeit. Misericordia meint ja wörtlich: Herzlichkeit für den "miesen" Mitmenschen. Aus solcher Grundeinstellung werden passende Worte wie von selbst fließen oder aber ein teilnehmendes Schweigen, was manchmal noch besser passt.

Was auf diese Weise Dialog wird, verdient den Namen: Er wird ein "Durch-Wort", ein Gespräch, das Mauern aufbrechen kann. Gott sei's geklagt, dass wirklicher Dialog selten gelingt. Man posaunt meistens die eigene Meinung vor sich her und hört nicht wirklich zu. "Talkshow" ist doch oft nur Show. Allein das Sprechtempo offenbart, dass es nicht um Verstehen geht, sondern vorrangig um Selbstdarstellung. Man lauert nur, wann man den Vorrednern ins Wort fallen kann.

Erst reden, dann schießen?

Das Internet ist unverzichtbar geworden, aber häufig Gift für unsere Gesprächskultur: Man schaut sich dabei ja nicht ins Gesicht  – außer beim Skypen; und der Tonfall der Stimme entfällt beim Schreiben und Lesen. Das Schlimmste: Es muss schnell gehen! Auf einen wichtigen Brief antworteten wir früher im Laufe eines Monats oder frühestens einer Woche. Wer heute eine Mail absendet, erwartet eine Antwort am gleichen Tag. Beim Militär galt einmal die Regel: Beschwerden frühestens am nächsten Tag! "Eine Sache mal erst überschlafen" scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein.

Ja, Dialog kann mühsam sein, sehr mühsam, wie eben Dienst öfter ist. Trotzdem bittet uns Papst Franziskus, diese Mühe betend, hörend und redend auf uns zu nehmen. Sie sollte "stets Vorrang haben vor Waffengewalt". Diese wird also nicht total abgelehnt. Wer mit Waffen Anderen das Leben nehmen will, kann manchmal leider nur noch mit Waffen gestoppt werden. Soldaten und Polizisten sollte unser Mitleiden gelten, wenn in Extremfällen sogar Töten nötig erschien.

Frieden in Zeiten von Wut 

Wir können nicht von allen Menschen fordern, Märtyrer zu werden. Wenn wir von dem Rausch hören, in dem Deutschland den Ersten Weltkrieg begann, können wir heute von uns selbst und andern nur dringend fordern, zwischen Gefühl und Vernunft immer wieder geduldig die Balance zu suchen.

In diesen November fällt auch der 80. Jahrestag der "Reichsprogromnacht". Wir werden am 9. November nicht nur zurückblicken auf diesen unfassbaren Gewaltausbruch gegen unsere deutschen Juden im Jahr 1938. Wir haben leider allen Grund, uns beunruhigt umzuschauen, was zur Zeit in Deutschland passiert. Es bleibt zu hoffen, dass die meisten "Wutbürger" im Grunde auf echten Dialog warten, auf Verständnis und Wertschätzung. Im 37. Psalm lesen wir: "Zukunft hat der Mensch des Friedens".

Ritual oder Auftrag?

Hier ist sicher keine billige Befriedung gemeint. Man muss weder Jude noch Christ sein, um zustimmen zu können: Ja, ohne dauerhaften Frieden ist unsere Zukunft in Gefahr. Aber sie kommt zuerst von innen, um von dort aus Verhältnisse und Beziehungen gerechter zu gestalten. Kurz vor der Kommunion wird uns katholischen Christen immer wieder gesagt: "Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch!".

Empfinden wir das als bloßes Ritual oder konkreten Auftrag an uns?


Quelle:
KNA