Paul Michael Zulehner
Paul Michael Zulehner
Daumen hoch: Papst Franziskus
Daumen hoch: Papst Franziskus

20.12.2017

Pastoraltheologe Zulehner über seine Pro Pope Initiative "Der Papst ist ein Hirte, kein Ideologe"

Pro Pope Francis - so heißt die Initiative, die der Pastoraltheologe Paul Zulehner und der Religionsphilosoph Tomas Halik initiiert haben. Mehr als 64.000 Unterzeichner hat sie schon. Nun wollen die Macher einen Schritt weiter gehen.

DOMRADIO.DE: Sie wollen nun einen Fragebogen zum Handeln der Kirche in der heutigen Welt initiieren. Was hat es damit auf sich?

Prof. Paul Zulehner (Pastoraltheologe aus Wien): Wir wollten dem Papst ja erst einmal nur unsere Gefühle ausdrücken. Emotionen sind wichtig. Aber wir dachten, das alleine reicht nicht. Zum Gefühl braucht es immer auch den Verstand. Es wird ja auch theologisch für und gegen den Papst argumentiert. Da dachten wir, wir stellen den Leuten drei offene Fragen - neben vielen geschlossenen Fragen.

DOMRADIO.DE: Welche Fragen sind das?

Zulehner: Die erste fragt nach den Herausforderungen, die auf die Welt und auf die Kirche zukommen. Zweitens die Frage, wie die Kirche auf diese Herausforderungen reagieren kann. Wie könnte die Kirche dazu beitragen, dass die Menschheit in eine gedeihliche, gerechte und friedliche Zukunft gehen kann? Drittens die Frage, ob und wie sich die Kirche dafür auch erneuern müsste, damit sie diese Aufgaben erfüllen kann. Es dreht sich eigentlich alles um das Programm des II. Vatikanischen Konzils, auf dessen Realisierung wir seit geraumer Zeit ungeduldig warten.

DOMRADIO.DE: Welche Antwort haben Sie auf die Frage der Erneuerung?

Zulehner: Die Unterzeichner und Unterstützer unserer Initiative kommen aus aller Welt. Wir wollen nun die Unterstützer kontinental bündeln. Denn die Kulturen und Herausforderungen sind verschieden, zum Beispiel in Afrika und in Europa hinsichtlich des Priestermangels und des Problems der Gerechtigkeit. Je nach Kontinent lesen die Menschen die Zeichen der Zeit unterschiedlich. Daher muss die Kirche auch unterschiedlich reagieren. Und in diesem Sinne unterstützen wir das Anliegen des Papstes, der diese uniformisierte Weltkirche dezentralisieren und kontinentalisieren will. Zum Beispiel wenn er regionale Lösungen als Papst für die Weltkirche akzeptieren möchte.

DOMRADIO.DE: Wer soll denn nun die Fragebögen ausfüllen?

Zulehner: Das sind erst einmal unsere 64.000 Unterstützer. Ich will den Fragebogen aber auch für alle Interessierten ins Internet stellen. Bei der Auswertung unterscheiden wir dann noch einmal zwischen den Theologen und dem Kirchenvolk. Ich glaube, dass dann die Auswertung der Fragebögen ein Geschenk für den Papst sein wird.

DOMRADIO.DE: Schauen wir einmal auf die Kritik an Papst Franziskus. Zuletzt wurde er für seinen Vorschlag zur Änderung der Vaterunser-Übersetzung stark kritisiert. Ihm wird sogar Häresie von einigen Theologen vorgeworfen. Ist das nur eine kleine, aber laute Minderheit?

Zulehner: Es gehört zu einer großen weltweiten Organisation dazu, dass man in unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Biografien und Persönlichkeitsstrukturen zu unterschiedlicher Lektüre des Evangeliums kommt. Die einen sind mehr Ideologen und mehr an der Ordnung interessiert. Die anderen sind mehr Hirten und an den einzelnen Menschen interessiert. Der Papst ist sicher kein Ideologe, sondern vielmehr ein Hirte. Das Ansinnen der Ideologen, denen mehr an der Durchsetzung der Gesetze und der Lehre liegt, widerspricht dem, um das es Franziskus geht. Biblisch und theologisch ausgedrückt: Ich glaube, das Franziskus den Gründer der Kirche auf seiner Seite hat, Jesus. Denn der musste ja den gleichen Kampf ausfechten mit seiner Behörde damals. Auch ihm ging es immer um jeden einzelnen Menschen und vor allem um die Menschen, die moralisch nicht perfekt sind, deren Leben buchstäblich versaut war, wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn beschrieben wird.

DOMRADIO.DE: Hat der Papst denn die Unterstützung aus dem Kirchenvolk nötig?

Zulehner: Kardinal Kasper hat mir gesagt, der Papst gehe unbeirrt seinen Weg. Der braucht uns wahrscheinlich nicht. Aber wichtig ist, dass wir das Grundgefühl in der Kirche gleichsam aufwecken. Es gibt so viele verschlafene Katholiken bis in die höheren Regionen des Bischofsamtes hinein. Da denkt man, man könne diesen Papst jetzt aussitzen bis ein anderer kommt und alles beim Alten bleibt.

Mit unserer Initiative unterstützen wir also nicht nur den Papst und seine Pastoralkultur und seinen Stil, den die Kirche in dieser Welt von heute praktizieren sollte. Wir wollen auch das katholische Volk stärken und in Bewegung bringen.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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