Papst Franziskus öffnet die Heilige Pforte
Papst Franziskus öffnet die Heilige Pforte

10.02.2016

Papst entsendet "Missionare der Barmherzigkeit" Mit besonderer Befugnis

Im Jahr der Barmherzigkeit hat Papst Franziskus 1.071 Priester in aller Welt - unter ihnen 19 deutsche - zu "Missionaren der Barmherzigkeit" ernannt. Doch wozu bemächtigt die Vollmacht des Papstes tatsächlich?

1.071 "Missionare der Barmherzigkeit" sendet Papst Franziskus am Aschermittwoch in die Diözesen der Welt aus, darunter sind 19 Deutsche. Die Beichtväter sind mit der Vollmacht ausgestattet, auch jene Sünden vergeben zu können, von denen per se eigentlich nur der Heilige Stuhl lossprechen kann - wie unerlaubte Bischofsweihen oder körperliche Angriffe auf den Papst.

Vorab rief Franziskus am Dienstagabend die Seelsorger auf, bei der Beichte stets den "Wunsch nach Vergebung in den Herzen der Sünder" zu sehen. Deren Scham sollten sie mit "Respekt und Ermutigung" begegnen, sagte Franziskus vor rund 700 Geistlichen. "Missionar der Barmherzigkeit zu sein, ist eine Verantwortung, die euch anvertraut wird, weil sie von euch verlangt, höchstpersönlich Zeugen der Nähe und Liebe Gottes zu sein", so der Papst.

"Nicht nachforschen, sondern fortfahren"

Weiter forderte Franziskus die Seelsorger auf, sich bei der Beichte zu vergegenwärtigen: "Es ist Christus, der aufnimmt, es ist Christus, der hört, es ist Christus, der vergibt, es ist Christus, der den Frieden schenkt." Gute Beichtväter müssten Worte und Gesten richtig zu deuten wissen, ergänzte Franziskus in freier Rede. Manchmal bereuten Sünder, aber sie hätten Angst oder Probleme, über ihre Sünden zu sprechen. Wenn die Priester das merkten, sollten sie nicht nachforschen, sondern fortfahren, so Franziskus.

Unterscheidung zwischen Sünde und Tatstrafe

Grundsätzlich sei zwischen Sünde und der mit ihr verbundenen Tatstrafe zu unterscheiden, erklärt der Münsteraner Kirchenrechtsexperte Klaus Lüdicke. Von der Sünde an sich - "also der im Gewissen belastenden Schuld vor Gott" - könne, so der Kirchenrechtler, jeder Beichtvater lossprechen - "auch ohne die neue Initiative des Papstes". Die Aufhebung einer Tatstrafe obliegt in gravierenden Fällen jedoch dem Heiligen Stuhl oder dem Ortsbischof.

Die sogenannte Tatstrafe tritt mit der Begehung der Tat auch ohne ausdrückliche Verhängung von selbst ein, ohne dass sie eigens wie die "Spruchstrafe" verhängt werden muss. Bekanntestes Beispiel ist die Sünde der Abtreibung, die mit der Exkommunikation einhergeht. Die Aufhebung dieser Tatstrafe ist im Fall der Abtreibung dem Ortsbischof vorbehalten. Im Fall der Abtreibung lockerte Franziskus die Regelung bereits im September vorigen Jahres. Seither ist es im "Jahr der Barmherzigkeit" allen Priestern erlaubt, auch die mit Abtreibung verbundene Tatstrafe der Exkommunikation aufzuheben.

Aufhebung der Tatstrafe

Jene Tatstrafen, die nur der Heilige Stuhl aufheben kann und ab Aschermittwoch auch die rund 1.000 Missionare der Barmherzigkeit, sind in den "canones" 1367, 1370, 1378, 1382 und 1388 des Kirchenrechts, des sogenannten "Codex Iuris Canonici", beschrieben. Dazu zählen die Verunehrung der Eucharistie (canon 1376), ein körperlicher Angriff auf den Papst (canon 1370), die Lossprechung einer beichtenden Person, mit der der Priester zuvor Geschlechtsverkehr hatte (1378), die unerlaubte Bischofsweihe (1382), der Bruch des Beichtsiegels (1388).

Seit der Erweiterung der Strafbestimmung im Codex von 2010 gehört hier dazu auch der Versuch, einer Frau das Weihesakrament zu spenden. Von einer besonderen Vollmacht zur Sündenvergebung könne deshalb streng kirchenrechtlich nicht gesprochen werden, so Lüdicke. Der Kern der Vollmacht richte sich vielmehr auf die Aufhebung der mit der Sünde verbundenen Tatstrafe.

Großflächige Weitergabe

Mit der Initiative setzt Franziskus ein Novum. In der Lateranbasilika, im Petersdom und in Santa Maria Maggiore gibt es zwar internationale Ordenspriester, die dem Großpönitentiar - aktuell Kardinal Mauro Piacenza - zugeordnet und für die Pilger diesbezüglich im Einsatz sind. Eine großflächige Weitergabe der Vollmacht hat es bisher allerdings noch nicht gegeben.

Für den Linzer Generalvikar und Kirchenrechtler Severin Lederhilger steht dahinter das "große Anliegen" des Papstes, "die Menschen wieder verstärkt zu Vergebung und Versöhnung in der Beichte einzuladen". Den klaren Hinweis dafür gebe der Papst wiederum in der Verkündigungsbulle: "Vielleicht haben wir es für lange Zeit vergessen, auf den Weg der Barmherzigkeit hinzuweisen und ihn zu gehen. In unserer Zeit, in der die Kirche sich der Neuevangelisierung verschrieben hat, gilt es das Thema der Barmherzigkeit mit neuem Enthusiasmus und einer erneuerten Pastoral vorzutragen." Die Missionare der Barmherzigkeit sollen diesen Gedanken nun an vielen Orten der Welt leben und Menschen mit schweren Verfehlungen beistehen.

Johannes Pernsteiner
(KNA)

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