Bruder Paulus Terwitte
Bruder Paulus Terwitte

10.02.2016

Bruder Paulus zum Jahr der Barmherzigkeit "Innerkirchlich über Barmherzigkeit nachdenken"

Zum Beginn der Fastenzeit entsendet Papst Franziskus mehr als 1.000 "Missionare der Barmherzigkeit". Einer von ihnen ist der Kapuziner Paulus Terwitte. Im Interview äußert er sich über seine Erwartungen.

KNA: Bruder Paulus, was bedeutet es für Sie persönlich, Missionar der Barmherzigkeit zu sein?

Terwitte: Das ist eine Verpflichtung, die Botschaft des Papstes in die Welt hinein zu tragen, aber auch in die Kirche, dass Gott der Barmherzige ist. Dass Gott eigentlich will, dass jeder Mensch eine Zukunft hat und nicht ein Leben lang mit der Last der Vergangenheit kämpfen und sich vielleicht auch ständig infrage stellen muss.

KNA: Wie wollen Sie das konkret umsetzen als Missionar der Barmherzigkeit bei Ihrer Arbeit in Deutschland?

Terwitte: Aus dem Bistum Limburg sind wir allein 8 der 19 deutschen Priester [die als Missionare der Barmherzigkeit ausgewählt wurden Anm. d. Red.], was ich auch für ein Zeichen halte für das Bistum Limburg. Dort sind alle gefragt, mit dem Thema Barmherzigkeit umzugehen - gegenüber dem Altbischof, aber auch denen gegenüber, die bei ihm waren, aber geblieben sind, um für das Bistum Verantwortung zu tragen. Wie können wir da in Wahrheit und Gerechtigkeit die Freude des Evangeliums in die Zukunft führen? Nach außen hin will ich deutlich machen: Hier ist jemand, der vom Papst beauftragt ist, vielleicht ist das für dich eine neue Motivation, dass du es noch einmal mit Gott, mit Christus, mit seiner Kirche versuchst - und nicht zuletzt mit dir selber.

KNA: Ein Missionar in Australien will mit einem "Barmherzigkeits-Mobil" durch seine Diözese fahren, um die Leute zu erreichen. Was haben Sie geplant?

Terwitte: Mein Weg ist eher in den modernen Medien. Zum Beispiel bei Facebook Menschen einladen, eine Pilgerreise zu machen. Etwa an Orte, wo eine Heilige Pforte ist. Darüber hinaus sehe ich meine Aufgabe aber auch innerkirchlich: Ich glaube, wir brauchen einen neuen Schub, auch innerkirchlich über Barmherzigkeit nachzudenken. Zum Beispiel die Barmherzigkeit gegenüber Opfern von sexuellem Missbrauch. Es gibt da immer noch eine Mentalität des "Wir schlagen die Bücher zu und dann ist das Thema für uns vorbei". Da brauchen wir große Wachheit.

Und da möchte ich gerne mit dem Papst - der ja sehr entschieden ist gegenüber den Tätern und sehr barmherzig gegenüber den Opfern - auch uns als Ortskirche in Deutschland sagen: Das Thema ist nie zu Ende.

Wir brauchen zum Beispiel Referentenstellen, die dauerhaft für die Opfer sexuellen Missbrauchs da sind und so die Barmherzigkeit des nachgehenden guten Hirten deutlich machen. Wir brauchen sicher auch weitere Diskussionen über die Frage, wie wiederverheiratet geschiedene Menschen in der Kirche aufatmen können. Wie sie das Gefühl loswerden, dass sie Sonderfälle sind, Menschen, die abseitsstehen. Ein weiteres Thema sind homosexuelle Menschen, die sich fragen, wie sie in der Kirche und mit der Kirche das Evangelium in die Zukunft tragen können. Ich finde, dass diese Sendung als Missionar der Barmherzigkeit, diese Berufung, das menschliche Antlitz Christi auch in der Kirche zum Leuchten zu bringen, da ganz besonders eine Rolle spielen muss.

KNA: Sie haben einige "heiße Eisen" angesprochen. Denken Sie, dass sich da noch etwas tun wird im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit?

Terwitte: Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit wird sich die Gesamtkirche - vom Kopf bis zum Fuß - damit beschäftigen, wie die Lebenslagen der Menschen im Licht des Evangeliums gewürdigt werden können. Nachdem wir nun über Jahrhunderte versucht haben, mit dem römischen Recht Ordnung in die Kirche zu bringen, braucht es jetzt vielleicht auch ein Recht der Liebe, ein Recht der Barmherzigkeit - das aber auch nicht Unrecht werden darf.

Die deutschen Theologen haben bei der letzten Familiensynode versucht, da einen guten Weg zu finden. Ich bin sicher, dass wir angestrengt weiter nachdenken. Zum Beispiel wie wir gleichzeitig die Ehe als Gottes Gabe an die Menschen heilig halten können, aber auch denen einen Weg zeigen können - als vollgültige und anerkannte Kinder Gottes und Glieder der Kirche - die die Treue gebrochen haben oder die mit gleichgeschlechtlichen Partnern zusammen leben. Auch diese Menschen haben von Gott her eine Zukunft. Ich glaube, dass das einfach langsam verstanden wird.

KNA: Die Missionare der Barmherzigkeit werden am Aschermittwoch entsendet - welche Rolle spielt die Beichte gerade in der Fastenzeit?

Terwitte: Die 40 Tage bis Ostern sind für die Christenheit eine intensive Zeit, in der sie noch einmal bedenken, was ihnen an Ostern offenbart werden wird. In der Fastenzeit schauen wir noch einmal auf unsere Leben. Wir betreiben Gewissenserforschung, lernen Christus intensiver kennen und merken dann, wie wir uns eigentlich noch verwandeln lassen könnten. Und bekommen hoffentlich Lust, im Licht des österlichen Herrn ein neuer Mensch zu werden.

Das Interview führte Stefanie Stahlhofen.

(KNA)

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