Franziskus mit Häftlingen
Franziskus mit Häftlingen

28.09.2015

Papst-Besuch im größten Gefängnis von Philadelphia Den Finger in der offenen Wunde

Papst Franziskus hat mit dem Besuch des größten Gefängnisses von Philadelphia den Finger in eine offene Wunde gelegt. Nirgends auf der Welt sitzen sitzen proportional mehr Menschen hinter Gittern als in den USA.

Das Sicherheitspersonal verfolgt jede Bewegung des bulligen Schwarzen in dem blauen Hosenanzug, der seine Arme um den Papst legte. Franziskus seinerseits ließ die Gefühlsregung ganz unbesorgt zu und segnete den Gefangenen, der mit 94 anderen Insassen der Haftanstalt "Curran Fromhold" zusammengetroffen war. Der Knast am Rande des Zentrums der "Stadt der geschwisterlichen Liebe" ist das temporäre Zuhause von rund 2.700 Gefangenen, die wegen aller möglichen Straftaten ihre Zeit absitzen.

Er sei nicht nur als Hirte, sondern als Bruder gekommen, der sich wie alle auf ihrer Lebensreise schmutzige Füße hole, sagte der Papst in einer kurzen Ansprache. "Es tut weh, wenn wir Menschen erleben, die denken, nur andere bedürften der Reinigung." Alle Menschen, er selbst eingeschlossen, bedürften der Reinigung.

"Danke für die harte Arbeit"

Wie schon in seiner Rede vor dem US-Kongress geißelte Franziskus ein Gefängnissystem, das keine Hoffnung und keine Rehabilitation kennt. Ausdrücklich dankte er den Männern und Frauen für den schlichten Holzstuhl, den sie ihm für seinen Besuch gebaut hatten. "Der Stuhl ist schön. Ich danke euch für die harte Arbeit."

Dino Robinson (29) fühlt sich direkt angesprochen. Der tätowierte Schwarze mit dem kahl rasierten Schädel gehört zu jenen Gefangenen, die wochenlang an dem Stuhl aus Walnussholz gearbeitet hatten. "Es gibt mir Hoffnung, dass sich jemand für uns einsetzt", freute sich schon vor der Begegnung mit dem Papst.

Politisches Signal

Die Sorge um die Gefangenen zählt zu den Anliegen, die Franziskus zu einem Markenzeichen seiner Seelsorge gemacht hat. Dass er sich in dem dicht gedrängten Programm seines USA-Besuchs die Zeit für die Begegnung mit den Insassen nahm, wird hier auch als politisches Signal verstanden. Denn nirgends auf der Welt gibt es bezogen auf die Gesamtbevölkerung so viele Gefangene wie hier: mehr als 2,3 Millionen insgesamt.

Mit 716 Gefangenen je 100.000 Einwohner liegt die Häftlingsrate laut der weithin anerkannten Statistik des International Center for Prison Studies über der Russlands (475), des Iran (283) oder China (121) - und noch viel weiter entfernt von der Deutschlands (81). Ein Grund dafür sind drakonische Drogengesetze, verpflichtende Mindeststrafen und die berüchtigte "Three Strike"-Regel, die Personen selbst bei kleineren Vergehen lebenslang hinter Gitter bringen kann. 

Ähnlich viele Gefängnisse wie Colleges

Sie sind das Ergebnis einer Politik unnachgiebiger Härte ("Tough-on-Crime"), die einmal als Antwort auf Gang- und Drogengewalt gedacht war. Bill Clinton unterschrieb 1994 ein Reformgesetz, das Milliarden Dollar für die Kriminalitätsbekämpfung bereitstellte. Seitdem schossen Gefängnisse wie Pilze aus dem Boden. Insgesamt gibt es in den USA ungefähr so viele Haftanstalten wie Colleges und Universitäten: etwa 4.500.

Zu der von Experten als "Überkriminalisierung der Gesellschaft" kritisierten Entwicklung tragen die Abgeordneten im US-Kongress bei, die jedes Jahr 50 neue Paragrafen zu den gefängnisbewehrten Strafgesetzen hinzufügen. Diese füllen inzwischen 27.000 Seiten der diversen US-Gesetzbücher. Überproportional hart trifft das Gesetz Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten. Obwohl Schwarze nur neun Prozent aller US-Amerikaner ausmachen, stellen sie 40 Prozent der Häftlinge. Ihr Risiko, wegen eines bestimmten Vergehen im Gefängnis zu landen, ist 25 Mal größer als das weißer Bürger.

"Bürger zweiter Klasse"

Der katholische Gefängnisseelsorger Father Michael Bryant kann das aus seiner Erfahrung in Washington nur bestätigen. Der Presseagentur CNS sagte Bryant, die Gefangenen stammten überwiegend "vom unteren Ende der sozialen Leiter und aus der farbigen Bevölkerung". Nach ihrer Entlassung werden sie Bürger zweiter Klasse, denen viele Rechte vorenthalten bleiben; allen voran das Wahlrecht. Kritiker wie die Rechtswissenschaftlerin Michelle Alexander sprechen von einer Rückkehr der Diskriminierung durch die Hintertür.

Papst Franziskus könnte mit seinem Besuch in Philadelphia nach Ansicht von Analysten dem Ruf nach einer Reform der Strafjustiz in den USA Rückenwind verleihen - ein Anliegen, für das sich auch Präsident Barack Obama stark macht.

Bernd Tenhage und Thomas Spang
(KNA)

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