Papst Franziskus in der Maria-Hilf-Basilika
Papst Franziskus in der Maria-Hilf-Basilika

22.06.2015

Franziskus mahnt in Turin zur Solidarität mit Flüchtlingen Im Schatten des Grabtuchs

Es ist nicht nur eine Pilgerfahrt zum Grabtuch: In Turin lenkt Papst Franziskus wieder den Blick auf die Not der Migranten - und zeigt unerwartete Heimatgefühle.

Das Schlüsselmotiv bot diese Papstreise gleich zu ihrem Beginn: Minutenlang saß Franziskus in sich gesunken und mit geschlossenen Augen im Halbdunkel vor dem Turiner Grabtuch. Wofür mag er gebetet haben? Probleme hat die norditalienische Industriemetropole, in die der Papst am Sonntag flog, zur Genüge.

Turin in der Wirtschaftskrise

Einst ein Motor des italienischen Wirtschaftswunders und Millionenstadt, kämpft die Fiat-Stadt heute wie wenige andere mit der Dauerkrise des Landes. Die Arbeitslosigkeit lag zuletzt bei fast 13 Prozent. Gleichzeitig hat die Mafia Turin als Tummelplatz entdeckt. Potenzial für soziale Spannungen liefert auch die Migrationsfrage. Die von der Forza Italia und der rechtspopulistischen Lega Nord regierte Region Piemont weigert sich, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

Reichlich "Franziskus-Themen" also. Der Papst sprach sie alle noch vor seinem Gang zu dem im Dom ausgestellten Grabtuch an. "Die Arbeit ist nicht nur für die Wirtschaft notwendig, sondern auch für die menschliche Person, für ihre Würde, für ihre Teilhabe am Staat und den gesellschaftlichen Zusammenhalt", sagte er in Gegenwart geladener Gäste vor der Kathedrale. Erneut prangerte er die skandalös hohe Jugenderwerbslosigkeit an und - auch dies inzwischen ein Charakteristikum bei ihm - kritisierte die Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt.

Anbetung des Geldes

"'Nein‘  zu einer Wirtschaft, die Menschen wegwirft ... 'Nein' zur Anbetung des Geldes ... 'Nein' zur Korruption ... 'Nein' zur Ungerechtigkeit, die Gewalt erzeugt", rief er. Migranten dürften nicht als Sündenböcke dienen; sie selbst seien Opfer einer Weltwirtschaft, der es nicht um den Menschen und das Gemeinwohl gehe.

Offenbar wollten auch die Organisatoren der anschließenden Messe auf der sonnigen Piazza Vittorio dem Flüchtlingsthema besonderes Gewicht geben. Ein dunkelhäutiger Migrant bat in einer Fürbitte vor Zehntausenden um ein Ende der Ausgrenzung, eine schwarzafrikanische Familie brachte zur Gabenbereitung Hostienschalen an den Altar. Und als Franziskus in seiner Predigt davor warnte, durch das Schüren von Fremdenangst eine "geschlossene Gesellschaft" anzustreben, schien dies direkt an die anwesenden Politiker gerichtet. Das Bild des Gekreuzigten auf dem Grabtuch mahne zur Hilfe für Leidende und Verfolgte, so Franziskus.

Heimatgefühle

Bei ihm selbst kam derweil auch Heimatgefühl auf: "Ich bin ein Enkel dieser Erde", bekannte er während der Messe. Sein Vater wanderte 1929 aus der piemontesischen Stadt Asti nach Argentinien aus. Hörbar berührt zitierte der Papst aus einem Gedicht des Turiner Poeten Nino Costa. Am Montag, dem zweiten Besuchstag, verbringt er gleich mehrere Stunden bei einem privaten Treffen mit Verwandten.

Das Mittagessen nahm Franziskus in der Residenz des Erzbischofs mit Häftlingen, Flüchtlingen und Obdachlosen ein - auch das inzwischen ein fester Bestandteil von Papstreisen. Danach begab er sich im offenen Wagen durch dichtgesäumte Straßen auf die Spuren der heiligen Helden Turins.

"Turiner Sozialheilige"

Das Elend der industriellen Revolution hat sie hervorgebracht, die "Turiner Sozialheiligen" des 19. Jahrhunderts. Allen voran der Heilige Giovanni Bosco (1815-1888), der den Salesianerorden gründete, heute zweitgrößter katholischer Männerorden. Don Boscos 200. Geburtstag ist Anlass der Ausstellung des Grabtuchs, die noch bis Mittwoch dauert. Für viele hier sind der Jugendseelsorger und revolutionäre Pädagoge geradezu eine Turiner "Weltmarke". Franziskus gedachte des Heiligen betend an dessen Grab in der Basilika Maria Ausiliatrice.

Franziskus hob besonders den praxisorientierten Ansatz der Salesianer hervor. "Salesianer sind konkret", sagte er. Sie gingen an die Ränder der Gesellschaft, würden Probleme erkennen und gingen sie an. So bewahrten sie viele Jugendliche vor dem Absturz in Drogen und Kriminalität. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Ländern wie Italien bat er die Ordensleute, sich noch stärker für die berufliche Ausbildung junger Menschen einzusetzen.

Frauenquote im Vatikan

Die Frage nach weiblichen Leitern vatikanischer Ministerien hat für Papst Franziskus keine Dringlichkeit. "Wenn man mir sagt: Warum keine Frauen an der Spitze einer Kurienbehörde?, dann antworte ich: Das ist Funktionärsdenken", sagte er bei einem Treffen mit Klerikern und Ordensleuten.

Frauen spielten für das Leben der Kirche eine immens wichtige Rolle. Sie erfüllten sozusagen die Aufgabe, die Maria zu Pfingsten für die Jünger gehabt habe. "Die Apostel sind ohne Maria nicht vorstellbar, Jesus hat es so gewollt", sagte der Papst Salesianer-Schwestern in der Basilika Maria Ausiliatrice. Auch spreche man von der "Mutter Kirche". Die Ordensfrauen sollten sich weiter mit ganzer Kraft in der Kirche engagieren.

Besuch bei Sterbenden

Papst Franziskus besuchte am Sonntagnachmittag die von Giuseppe Cottolengo (1786-1842) begründete Pflegeeinrichtung, für Patienten, Alte und Behinderte. Dort kritisierte er eine fehlende Achtung vor Alten und Kranken in der Konsumgesellschaft. Krankheit und Pflegebedürftigkeit würden angesichts eines ökonomischen Nutzendenkens oft nur noch als Belastung gesehen. "Diese Mentalität schadet der Gesellschaft und es ist unsere Pflicht, 'Antikörper' gegen diese Sicht auf Alte oder Behinderte zu entwickeln, als ob ihre Leben nicht mehr Wert wären, gelebt zu werden", so der Papst bei seinem Besuch in der Pflegeeinrichtung.

Weiter kritisierte er eine ungenügende Gesundheitsversorgung für arme Menschen. Zwar habe es seit dem 19. Jahrhundert großen medizinischen Fortschritt gegeben. Gleichzeitig habe sich aber auch eine gesellschaftliche Wegwerfkultur ausgebreitet, in der Bedürftige nur störten.

Mahnung zu Keuschheit

Papst Franziskus rief Jugendliche zu sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe auf. Das Wort "keusch" sei nicht mehr populär und werde nicht gern gehört, "aber auch ein Papst muss mal die Wahrheit aussprechen", sagte er bei einem Treffen mit Zehntausenden Jugendlichen.

Wahre Liebe darf nach seinen Worten nicht mit romantischen Gefühlen verwechselt werden. Oft stehe hinter der Absage an Enthaltsamkeit nur das eigene Bedürfnis und keine echte Liebe für den anderen. Die zeige sich vielmehr im verantwortlichen Handeln füreinander. "Seid keusch!", rief der Papst den Jugendlichen zu, die vor allem aus Norditalien nach Turin gereist waren.

Er appellierte an sie, dem hedonistischen Zeitgeist zu widerstehen. Dieser werde durch die Werbung gefördert. "Die Werbung redet euch ein, kauft dies, kauft das. Sie tun so als seien es Diamanten, dabei verkaufen sie nur Glas." Wer ein wirklich freies Leben suche, müsse gegen den Strom schwimmen.

Historische Schuld Deutschlands und der Alliierten

Bei einem Treffen mit Zehntausenden Jugendlichen kritisierte Papst Franziskus Deutschland indirekt wegen seiner Tatenlosigkeit während des Völkermords an den Armeniern. Obwohl im Ersten Weltkrieg mehr als eine Million Armenier ermordet worden seien, hätten kriegführende Mächte aus militärischen Gründen nichts dagegen unternommen, betonte der Heilige Vater. Zuvor war er auf die "Scheinheiligkeit" von Staaten eingegangen, wenn es um Waffenhandel und militärischen Nutzen gehe.

In seiner Rede äußerte Franziskus aber auch unmissverständliche Kritik am Verhalten der Alliierten während des Holocausts. Wiederum sprach er dabei kein Land direkt an. Trotz Luftaufnahmen der Vernichtungslager seien die Gleise, auf denen die Todeszüge fuhren, nicht unterbrochen worden, so Franziskus. Ebenso habe sich niemand an den Verbrechen in Stalins Lagern gestört, wo sehr viele Christen getötet worden seien.

Besuch bei Waldensergemeinde

Als erster Papst hat Franziskus am Montagmorgen eine Kirche der evangelischen Waldensergemeinde besucht. Dort hat er die evangelische Kirche der Waldenser für historische Verfolgungen um Verzeihung gebeten. Die katholische Kirche habe "unchristliche Haltungen und Verhaltensweisen" gezeigt, sagte er am Montag beim Besuch der Waldenserkirche in Turin. "Im Namen des Herrn Jesus Christus, vergebt uns!" Es war der erste Besuch eines Papstes in einem waldensischen Gotteshaus. Franziskus folgte damit einer Einladung der protestantischen Gemeinde. Die Unterschiedlichkeit anderer christlicher Glaubensgemeinschaften gelte es zu respektieren, betonte er.

Die Beziehungen zwischen Katholiken und Waldensern sind nach seinen Worten in den vergangenen Jahren immer enger geworden. Zwar gebe es weiter wichtige Unterschiede in anthropologischen und ethischen Fragen, dies dürfe aber nicht die Zusammenarbeit verhindern. Katholiken und Waldenser müssten sich gemeinsam engagieren wo es um die Sorge für Arme und Ausgegrenzte gehe. Als Beispiele für die gelingende Kooperation nannte Franziskus eine interkonfessionelle Bibelübersetzung ins Italienische und einen gemeinsamen Appell gegen die Gewalt gegen Frauen.

Die im 12. Jahrhundert vom Lyoner Kaufmann Petrus Valdes (um 1140-1206) gegründete Glaubensgemeinschaft wurde über Jahrhunderte unterdrückt und von der katholischen Kirche als Häretiker verfolgt. Nach eigenen Angaben zählt sie heute weltweit rund 100.000 Mitglieder, viele davon in Italien.

(KNA)

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