18.10.2014

Kirchenhistoriker Jörg Ernesti über Paul VI. Der Papst, der sich selbst als Geisel anbot

In einem Interview erläutert der Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti warum die Bezeichnung als "Pillen-Papst" ungerecht ist und was an Paul VI. modern war. 

KNA: "Der vergessene Papst" lautet der Untertitel ihres Buches über Paul VI. Warum ist Paul VI. im öffentlichen Bewusstsein kaum gegenwärtig?

Jörg Ernesti: Das liegt zum einen daran, dass sein Gedächtnis von seinem Vorgänger und seinem Nachfolger nahezu erdrückt wird. Johannes XXIII. (1958-1963) ist als der Papst des Konzils und einer kirchlichen Öffnung für die Moderne im öffentlichen Bewusstsein verankert. Und Johannes Paul II. (1978-2005) gilt als der große Charismatiker, dessen Pontifikat zudem mit 27 Jahren das zweitlängste der Kirchengeschichte war. 

Ein weiterer Grund ist aber sicher auch die Persönlichkeit Paul VI. Er wirkte manchmal etwas gehemmt, wenn er vor größeren Menschenmengen redete. Auch seine Sprache war oft nur schwer verständlich und wirkte nicht selten steif. Schließlich muss man auch berücksichtigen, dass sein Pontifikat in die Zeit eines großen gesellschaftlichen Umbruchs und einer innerkirchlichen Krise nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) fiel.

KNA: Paul VI. wird oft als Pillen-Papst oder Konservativer bezeichnet. Zu Recht?

Ernesti: Nein. Es ist ungerecht Paul VI. einfach als Pillen-Papst oder Konservativen abzustempeln. Eine solche Sicht übersieht die vielen modernen Aspekte seines Pontifikats. Paul VI. war ein Papst des Dialogs. Er hat das Gespräch mit der modernen Kultur gesucht: So hat er etwa mit italienischen Arbeitern eine Christmette in einem Tunnel gefeiert oder mehr als 200 Künstler zu einem Treffen in die Sixtinische Kapelle eingeladen. 

Auch das Gespräch mit dem Judentum und den ökumenischen Dialog hat er maßgeblich vorangetrieben. Nicht vergessen darf man auch, dass er der erste Papst war, der seit 150 Jahren Reisen außerhalb Italiens unternommen und dazu als erstes Kirchenoberhaupt ein Flugzeug bestiegen hat. Und schließlich hat er die römische Kurie grundlegend reformiert, indem er erstmals Ortsbischöfe als Mitglieder in die vatikanischen Ministerien berief.

KNA: Welches Detail hat Sie im Rahmen Ihrer Recherchen besonders beeindruckt?

Ernesti: Während meiner Recherchen bin ich auf ein bislang wenig beachtetes Telegramm gestoßen, das Paul VI. 1977 an den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner, geschickt hat. Darin bietet der Papst sich als Geisel an, um die Freilassung der Passagiere der von palästinensischen Terroristen entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu zu erwirken. Er wollte damit offenbar ein Zeichen gegen den Terrorismus setzen. Aus heutiger Sicht erweist er sich als ein prophetischer Mahner gegen den Terrorismus.

KNA: Wie kam es dazu, dass Paul VI. in der Enzyklika "Humanae Vitae" ein Verbot künstlicher Empfängnisverhütung aussprach?

Ernesti: Für Paul VI. war das eine Gewissensentscheidung, die endgültigen Charakter hatte. Vieles spricht aus meiner Sicht dafür, dass er schon 1965 - also drei Jahre vor der Veröffentlichung der Enzyklika - die Entscheidung getroffen hatte, ein absolutes Verbot künstlicher Empfängnisverhütung auszusprechen. Auch das Votum einer noch von Johannes XXIII. eingesetzten und von ihm erweiterten Studienkommission, die sich gegen ein solches absolutes Verbot aussprach, konnte ihn nicht davon abbringen. Paul VI. fühlte sich nicht zuletzt seinen Vorgängern Pius XI. und Pius XII. verpflichtet, die sich bereits ablehnend gegenüber künstlicher Empfängnisverhütung geäußert hatten. 

Das Tragische war so gesehen, dass Paul VI. in dieser Frage eigentlich schon festgelegt war und dennoch eine Kommission darüber beraten ließ. Tragisch war diese Entscheidung auch, weil sie eine endgültige Antwort auf vorläufige Fragen gab. Paul VI. war sich jedoch bewusst, dass seine Entscheidung auf Widerstand stoßen würde. Überrascht hat ihn allenfalls die Vehemenz der Reaktionen. Bemerkenswert ist jedoch, dass er auch mit prominenten Kritikern des Verbots, wie etwa dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Julius Döpfner oder den Wiener Kardinal Franz König, weiterhin enge Kontakte pflegte und ihnen ihre Opposition nicht persönlich übelnahm oder sie gar ahndete.

(KNA)

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