Ein Dokument aus dem Vatikanischen Geheimarchiv
Ein Dokument aus dem Vatikanischen Geheimarchiv
Papst Pius XII.
Papst Pius XII.

21.01.2014

Franziskus, Pius XII. und das Vatikanische Geheimarchiv Eine Öffnung noch in diesem Jahr?

Ein Freund des Papstes, Rabbiner Abraham Skorka, ist davon überzeugt, dass Franziskus die Vatikanischen Geheimarchive bald öffnet. Viele erhoffen sich dadurch eine Klärung der Frage, welche Haltung Papst Pius XII. zur NS-Judenvernichtung hatte.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann auch Franziskus mit dieser Forderung konfrontiert würde. Und die ist nun, zehn Monate nach seiner Wahl und vier Monate vor seinem Jerusalem-Besuch im Mai, gekommen: Die Freigabe der Akten zum Pontifikat von Pius XII. (1939-1958) im Vatikanischen Geheimarchiv.

Auslöser war eine Aussage seines jüdischen Freundes Abraham Skorka, einem Rabbiner aus Buenos Aires. Skorka hatte der britischen Zeitung "Sunday Times" am Wochenende gesagt, er sei überzeugt davon, dass Franziskus das Archiv öffnen werde. Vorher werde Franziskus den Seligsprechungsprozess für diesen Papst nicht weiterführen. Diese Äußerungen nährten Spekulationen über eine baldige Öffnung des Archivs.

Das sei keineswegs eine Neuigkeit, teilte der Vatikan daraufhin mit.

16 Millionen Papiere sortieren

In der Tat: Eine Freigabe der Akten zum Pontifikat von Pius XII. war bereits unter Benedikt XVI. für 2014 oder 2015 in Aussicht gestellt worden. In welchem Jahr es nun soweit ist, ließ der Vatikan in seiner jüngsten Stellungnahme freilich offen. Die Archivare müssten erst die rund 16 Millionen Papiere aus dieser Zeit sortieren und katalogisieren, hatte der Vatikan mehrfach erklärt. Erst dann seien die Bestände für die Wissenschaft überhaupt benutzbar. Allerdings ist das Archiv mit rund 50 Mitarbeitern personell vergleichsweise schlecht ausgestattet. Außerdem, so der Vatikan, befinden sich die Unterlagen der Nuntiaturen osteuropäischer Länder durch Kriegseinwirkungen oder die Zeit des Kalten Kriegs in extremer Unordnung.

Überzeugt hat der Vatikan damit nicht alle. Der Vorwurf, Rom wolle etwas verheimlichen und zögere die Freigabe der Akten deshalb unter Vorwänden hinaus, hielt sich hartnäckig. Vor allem das Seligsprechungsverfahren für Pius XII. befeuerte die Debatte. Im Dezember 2009 erkannte Benedikt XVI. seinem Vorgänger Pius XII. den heroischen Tugendgrad zu, eine entscheidende Etappe auf dem Weg zur Seligsprechung. Der Vatikan wies Kritik zurück, die vor allem von jüdischer Seite kam. Es gehe in dem Verfahren nicht um ein historisches Urteil, sondern darum, festzustellen, ob Pius XII. die christlichen Tugenden in für seine Zeit vorbildlicher Weise gelebt habe, so die Argumentation. 

Keine Angst vor der Öffnung des Archivs

In der Regel wurden die Aktenbestände im Vatikanischen Geheimarchiv 70 Jahre nach Pontifikatsende freigeben. Seit September 2006 können Forscher jedoch auch schon die Bestände des Pontifikats von Pius XI. einsehen, obwohl es erst im Februar 1939 endete. Eine Ausnahme gibt es zudem für die Zeit danach auch jetzt schon: Den Bestand des Vatikanischen Informationsbüros für Kriegsgefangene, der auch Dokumente aus der Zeit von 1939 bis 1947 enthält. Die übrigen Dokumente aus der Zeit von Pius XII. hat bislang nur eine päpstliche Historikerkommission einsehen dürfen, die eine Auswahl von mehreren Tausend Aktenstücken in elf Bänden zwischen 1965 und 1981 veröffentlichte.

Franziskus hatte schon als Erzbischof von Buenos Aires gesagt, die Kirche dürfe keine Angst vor einer weiteren Öffnung des Archivs haben. Zur Person Pius XII. selbst äußerte er sich bislang nur einmal: das war vergangenen Oktober anlässlich des 70. Jahrestages der Razzia im römischen Ghetto. In seiner Rede vor jüdischen Vertretern erinnerte er daran, dass Pius XII. vielen römischen Juden das Leben gerettet habe, indem er Klöster und Kirchengebäude für sie habe öffnen lassen.

Das letzte Wort hat der Papst

Auffällig ist, dass vom Seligsprechungsverfahren für Pius XII. seit der Zuerkennung des heroischen Tugendgrades Ende 2009 nur noch wenig zu hören war. Anfang 2010 gab es Medienberichte über die Untersuchung einer mutmaßlichen Wunderheilung, die 2005 im süditalienischen Sorrent auf Fürsprache des Papstes erfolgt sein soll. Dabei blieb es vorerst. Vieles spricht dafür, dass auch Benedikt XVI. vor einer Seligsprechung erst die Freigabe der Aktenbestände des Pontifikats abwarten wollte. Dem Vernehmen nach könnte der Prozess jedenfalls viel weiter sein, wenn der Wille dazu vorhanden gewesen wäre.

Das letzt Wort hat auch hier der Papst. Die Debatte über die Haltung Pius XII. zur nationalsozialistischen Judenvernichtung wird Franziskus allerdings auch durch eine Freigabe der Aktenbestände kaum endgültig beenden können.

(KNA)

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