Ingo Brüggenjürgen
Ingo Brüggenjürgen

27.11.2013

Ein Kommentar zu Papst Franziskus von Ingo Brüggenjürgen Ein radikaler Revolutionär

Das erste offizielle Schreiben, das Papst Franziskus ganz alleine verantwortet, dürfe mit Recht als seine Regierungserklärung angesehen werden, meint domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen. Eine Erklärung, die es in sich habe. Ein Kommentar.

Donnerwetter, dieser Mann hält, was er verspricht. Er sagt, was er meint und meint, was er sagt. Schon seine Sprache ist revolutionär, weil sie klar, einfach und für jedermann verständlich ist. Das kann man wahrlich nicht von vielen Dokumenten sagen, die in den letzten Jahrzehnten im Vatikan zu Papier gebracht worden sind … Das erste offizielle Schreiben, das der Papst jetzt ganz alleine verantwortet, darf mit Recht als seine Regierungserklärung angesehen werden. Hier spricht Bergoglio im Original – O-Ton Franziskus! Diesmal ist es nicht mehr nur eine kleine Morgenpredigt in Sanctae Martae, sondern der Papst redet über einer Milliarde Christen, ja allen Menschen weltweit eindringlich ins Gewissen. Seine Worte sind eine Zumutung, gerade für jeden einzelnen Christen! Für Priester und Ordensleute, für Bischöfe und auch für Kardinäle.

Wenn ein altgedienter Kardinal erklärt, das Konklave sei gut gewesen, weil es vom Heiligen Geist geführt wurde, jetzt aber müssten die Kardinäle dem neuen Papst mal dringend erklären, wo es lang geht, wird diese Zumutung deutlich. Doch dem "Kardinal der Armen" aus Buenos Aires, der sich jetzt ganz kollegial "Bischof von Rom" nennt, braucht niemand mehr zu erklären, wie und wo es lang gehe. Auch nicht, wie er seinem Amt und seiner Verantwortung gerecht werden könne. Denn Franziskus orientiert sich, wie schon sein heiliger Namenspatron, ganz an Jesus Christus und am Evangelium.

Das von ihm jetzt vorgelegte Schreiben "Evangelii gaudium" wird nicht alle erfreuen, denn es ist revolutionär und radikal: Die Christen sollen raus aus ihrer Selbstgefälligkeit, aus ihrer trügerischen Sicherheit. Sie sollen sich die Finger ruhig schmutzig machen, wenn sie sich ohne Wenn und Aber der Welt, den Armen und Geringen zuwenden. Wenn sie das Evangelium frohgemut verkünden. Lieber aktiv in der Welt wirken und auch Fehler machen, als ängstlich hinter verschlossenen Kirchentüren und hohen Klostermauern in trügerischer Sicherheit mit sich selber im Reinen sein.

Der 76-jährige alte Mann im Vatikan macht seinen Glaubensbrüdern und -schwestern Beine, und er nimmt sich selber nicht aus. Aussagen des päpstlichen Lehramtes zu allen Fragen von Welt und Kirche (!) könne man von ihm nicht erwarten. Franziskus stellt seine eigenen Worte also zur Diskussion. Die Bischöfe in aller Welt sollten wo immer es geht ihre Sache selber regeln und mehr Verantwortung für die Weltkirche mittragen. Die Kirche solle nicht länger ein Wirtschaftssystem hinnehmen, in dem der Markt vergöttert wird und der Konsum längst der alleinige Maßstab geworden ist. Neue Formen der Sklaverei, wie z.B. die Prostitution, gehörten abgeschafft, die bedrohten Flüchtlinge aufgenommen. Frauen sollten in wichtigen Dingen mitentscheiden – auch wenn das Frauenpriestertum ein Tabu bleibe. Die Kommunion sei "nicht Belohnung für die Vollkommenen, sondern großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen". Wem darf man dann überhaupt noch diese Nahrung verweigern?

Weiß Franziskus, welchen Geist er da aus der Flasche lässt? Bestimmt, denn er ist seit seiner Amtseinführung konsequent – in seinem Reden und Handeln. Wer bis dato noch unterstellt hatte, dieser Papst sei ein freundlicher, tapsiger, lieber und altvertrauter Teddypapst zum Kuscheln und Anfassen, mit netten Gesten für die Medien, der darf sich verwundert die Augen reiben: Dieser Mann meint es wirklich ernst mit der Nachfolge Christi und seiner Frohen Botschaft. Aggiornamento ganz konkret – Türen und Fenster auf und dann raus mit Euch ihr Christen! Jetzt darf, nein, jetzt muss eigentlich jeder Christ aufbrechen und selber seinen Hintern hochkriegen. Bequem und schön einfach war wirkliche Christusnachfolge nie. Aber der Mann vom anderen Ende der Welt macht uns nicht nur Beine, sondern auch viel Mut. Wenn er im hohen Alter in einer über 2000 Jahre alten Kirche mutig neue Wege beschreitet, warum sollten wir es dann nicht wenigstens versuchen? Los, aufstehen und anfangen! Es gibt bekanntlich nichts Gutes, außer man tut es. Der alte Mann im Vatikan, der sagt, was er meint und tut, was er sagt, tut seiner Kirche in dieser Zeit richtig gut: Ein radikaler Revolutionär auf dem Stuhl Petri - Gott sei Dank!

(DR)

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