Eine Favela in Rio de Janeiro
Eine Favela in Rio de Janeiro

06.07.2013

Eine Favela in Rio erwartet den Papst Der Papst auf dem Bolzplatz

Während des Weltjugendtags in Rio de Janeiro will Papst Franziskus auch die Favela Varginha besuchen. Hier will er die unter einfachsten Bedingungen lebenden Menschen treffen - und vom Dach eines Umkleidehäuschens zu ihnen sprechen.

Wirklich begreifen könne er das Ganze noch überhaupt nicht, meint Everaldo Oliveira, als er die Tür zur kleinen Kapelle aufschließt. Die Flügeltür klemmt; er hilft mit einem dezenten Tritt nach. "Mehr als 60 Leute gehen hier nicht rein", sagt er, der sich seit Jahren als Ehrenamtlicher um das seltsam quadratische Gotteshaus kümmert. Am 25. Juli wird Papst Franziskus die Kapelle betreten, den neuen Altar weihen und ein (noch geheimes) Geschenk von der Gemeinde erhalten.

Warum ausgerechnet die kleine Favela mit nicht mal 1.000 Bewohnern ausgesucht wurde, weiß er nicht. Acht hätten zur Auswahl gestanden, sie hatten sich wenig Chancen ausgerechnet. Anfang Mai die Nachricht: Der Papst kommt! "Die Politiker der Stadt haben uns direkt gefragt, was wir an Baumaterial brauchen, um alles schön herzurichten. Aber wir haben gesagt, alles soll so bleiben - ganz ehrlich halt." Löcher in der Straße, über die der Papst gut 300 Meter weit gehen soll, links und rechts bescheidene, unverputzte Häuser. In eines will er eintreten, um mit den Bewohnern zu reden. Welches? Auch das geheim.

Auch über die wirklich drückenden Probleme will Everaldo lieber nicht reden. Die 50 Meter neben der Kapelle verlaufende Straße heißt Leopoldo Bulhoes, in Rio besser bekannt als "Gazastreifen" - eine wenig schmeichelhafte Anlehnung an den blutigen Nahost-Konflikt. Zwischen acht Uhr abends und sechs Uhr morgens habe sich niemand getraut, die Straße zu überqueren, sagt Everaldo. Mehr will er nicht sagen. Die verfeindeten Drogenbanden der Manguinhos und der Mandela-Favela beschossen sich über Jahre quer über die Straße; Regelmäßig starben Passanten im Kreuzfeuer. Seit Januar ist die Region nun von der Polizei besetzt; eine der rund 30 städtischen UPP-Befriedungseinheiten ist hier stationiert. Mittlerweile zieht sich das Netz der UPPs über ganz Rio, was laut den offiziellen Statements der Regierung Frieden in die Nachbarschaften gebracht hat. Everaldo schweigt dazu.

Zwischen Vorfreude und Gleichgültigkeit

Nach fünf Minuten Fußmarsch gelangt man an einen von einer weißen Mauer umgebenen Bolzplatz, wo das Umkleidehäuschen steht. Kinder kicken in der unbarmherzigen Mittagssonne, manche lassen selbst gebastelte Drachen steigen. "Hier oben bauen wir eine Bühne auf." Everaldo, der dem Komitee aus Anwohnern angehört, das den Besuch organisiert, zeigt auf das Flachdach der Umkleide. Von dort oben soll der Papst sprechen, "ein paar tausend Leute könnten es werden", vielleicht sogar 20.000.

Die baufällige Begrenzungsmauer soll noch nachgebessert werden, damit sie nicht einstürzt. Aber keine Absperrungen; der Papst habe ausdrücklich um Kontakt zu den Bewohnern gebeten. So wie früher als Erzbischof von Buenos Aires. Am Rande des Bolzplatzes wäscht sich ein zahnloser Mann. Stolz sei er ob des hohen Besuchs; niemals werde man das hier vergessen.

Hinter dem grünen Zaun des Platzes ragen die oft dreistöckigen Favela-Häuser in den Himmel. Gegenüber steht das einzige in Schuss wirkende Gebäude. Hier ist die "Assembleia de Deus" (Vereinigung Gottes) untergebracht, die lokale Filiale der größten brasilianischen Pfingstkirche. 50:50 sei man in Varginha: gleich viele Katholiken wie Evangelikale. "Die haben sich genauso wie wir gefreut, dass der Papst kommt." Überhaupt, letztlich bete man ja sowieso meist gemeinsam.

Ob man mal die Leute auf der Straße nach ihrer Meinung fragen könne? "Lieber nicht," raunt der Führer, der plötzlich besorgt und eilig wirkt. "Lasst uns gehen." Junge Männer umringen ihn; was wir uns dabei dächten, einfach die Leute und die Häuser zu fotografieren? Das Klima verdüstert sich. Everaldo hastet Richtung Kapelle. Er erzählt von Sao Jeronimo Emiliani, der der Kapelle ihren Namen gab. Die Jungfrau Maria sei dem Hieronymus in Gefangenschaft erschienen und habe seine Ketten aufgeschlossen. Auf seinem Handy hat Everaldo zahlreiche Darstellungen des mittelalterlichen Ereignisses gespeichert. Bald kommt der Papst - und vielleicht kann er den Menschen von Varginha ein wenig helfen, ihre Fesseln abzulegen.

Thomas Milz
(KNA)

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