10.05.2013

Papst Franziskus im Dialog mit Abraham Skorka Mein Freund, der Rabbi

Papst Franziskus und Rabbi Abraham Skorka aus Buenos Aires verbindet eine lange Freundschaft. Ihre zunächst privaten Unterhaltungen mündeten in ein Buch, das nun auch auf Deutsch vorliegt.

Im Anfang war der Fußball. Ein Fan des argentinischen Erstligaclubs Atletico San Lorenzo de Almagro fragte sein Gegenüber nach dessen Lieblingsverein. Es war der Lokalrivale River Plate. Aus der Begegnung vor über 20 Jahren erwuchs eine wunderbare Freundschaft. Der Atletico-Anhänger ist inzwischen Papst, sein Gesprächspartner Abraham Skorka noch immer Rabbi und Hochschullehrer in Buenos Aires. Ihre zunächst privaten Unterhaltungen mündeten 2010 in ein Buch, das nun auch auf Deutsch vorliegt.

Bibliografisch wohl nicht ganz korrekt weist der im Münchner Riemann Verlag erschienene Titel "Über Himmel und Erde" den Papst als Autor aus. Zum Zeitpunkt der ersten Publikation auf Spanisch war Jorge Bergoglio noch Erzbischof der argentinischen Hauptstadt. Die mal kürzeren, mal längeren Dialoge geben Einblick in seine Ansichten zu Gott und Gebet und zu Tod und Teufel, an dessen Existenz er nicht zweifelt. "Vielleicht war es sein größter Erfolg in diesen Zeiten, uns glauben zu lassen, es gäbe ihn nicht".

Erste vorab veröffentlichte Auszüge lasen sich wie aktuelle Kommentare des katholischen Kirchenoberhaupts zur Steueraffäre von Uli Hoeneß. "Auch das Geld hat ein Vaterland", heißt es da. "Wer eine Industrie im Land betreibt und das Geld mitnimmt, um es außerhalb des Landes zu horten, der sündigt." Kein Zweifel, Papst Franziskus ist nicht nur Ehrenmitglied bei den Kickern von San Lorenzo, sondern auch im Verein für deutliche Aussprache.

Kein theologisches Traktat

Das Buch ist kein theologisches Traktat. Man merkt ihm an, dass beide Männer die mündliche Rede dem gedruckten Wort vorziehen. Bei einigen Themen will indes ein echtes Gespräch nicht zustande kommen. Es bleibt bei knappen Positionsbestimmungen, die nicht weiter vertieft werden. Bergoglio: "Abtreiben heißt, jemanden zu töten, der sich nicht wehren kann." Skorka: "Grundsätzlich verurteilt das Judentum die Abtreibung, aber in manchen Situationen ist sie erlaubt, zum Beispiel, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist."

Anekdoten würzen den Text. Im Kapitel über "Fundamentalismus" erzählt Bergoglio, wie er als Kind bei seiner Großmutter war, als zwei Frauen der Heilsarmee vorbeikamen. Wegen der merkwürdigen Häubchen fragte sie der Sechsjährige, ob das Nonnen seien, und erhielt von seiner Oma zur Antwort: "Nein, das sind Protestanten, aber sie sind gut." Dies, so Bergoglio heute, "war die Weisheit der wahren Religion".

Nicht zufällig handelt eines der längsten Kapitel von der Armut. Einem Benefiz-Dinner der Caritas mit dem argentinischen Präsidenten, bei dem eine goldene Rolex versteigert wurde, blieb Bergoglio fern. "Man suchte nach jemandem, der mit dieser Uhr eitel herumprotzen wollte, um die Armen zu speisen." Mit solchen "Karikaturen der Nächstenliebe" hat Franziskus nichts am Hut.

Wille zum interreligiösen Dialog

Die Zuwendung zu den Bedürftigen lässt sich seiner Ansicht nach nicht delegieren, sie bleibt eine Herausforderung für jeden Christen. "Man muss den Kranken pflegen - selbst wenn das Widerwillen, Ekel hervorruft." Und er gesteht, dass er es persönlich "schrecklich schwer" findet, ins Gefängnis zu gehen, "denn das, was man dort sieht, ist sehr hart". Vor diesem Hintergrund gewinnt seine Praxis der Fußwaschung am Gründonnerstag noch einmal an Gewicht.

Vor allem aber gibt das Buch Zeugnis vom Willen zum interreligiösen Dialog. Skorka sagt, 50 Jahre zuvor wäre dies noch nicht möglich gewesen. Als erstem Rabbiner überhaupt verlieh ihm Bergoglio im vergangenen Herbst die Ehrendoktorwürde der Päpstlichen Universität in Buenos Aires. Genau 50 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils. 

Kritischen Fragen seines jüdischen Freundes zur Rolle von Pius XII. und der katholischen Kirche in der Nazizeit weicht Bergoglio nicht aus. Aus seinen Antworten geht hervor, dass das Seligsprechungsverfahren für den Pacelli-Papst noch länger dauern könnte. Für die Forderung seines jüdischen Freundes nach Öffnung aller Archive im Vatikan zeigt er jedenfalls vollstes Verständnis.

 

Christoph Renzikowski
(KNA)

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