Günther B. Ginzel
Günther B. Ginzel

Günther B. Ginzel, jüdischer Autor, Filmemacher und Publizist, Mitglied im Arbeitskreis Christen-Juden beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. (ZdK).

15.03.2013

Franziskus will Verhältnis zum Judentum ausbauen Ein Dialog der Geschwister

Zu Beginn seines Pontifikates hat Papst Franziskus der jüdischen Gemeinde Roms seine Verbundenheit zugesichert. Für Günther B. Ginzel, Mitglied im Arbeitskreis Christen-Juden beim Zentralkomitee der Katholiken ist das ein gutes Zeichen.

domradio.de: Welche Entwicklungen im Dialog zwischen Franziskus und dem Judentum versprechen Sie sich denn?

Ginzel: Ich denke, dass es eine Weiterführung gibt. Wir sind ja Zeugen eines Epochenwandels, der eingesetzt hat mit Johannes XXIII., der sozusagen Bauernpapst war, der Papst, der zum ersten Mal die Menschen wirklich rührte und der von diesem caesaristischen Pomp endlich runtergekommen ist und insbesondere auf jüdische Menschen zugegangen ist. Er war während der Nazi-Zeit für die Rettung tausender Juden als damaliger Nuntius mitverantwortlich und leitete das zweite Vatikanische Konzil. Dann Johannes Paul II., der durch großartige Gesten dies fortsetzte und manifestierte. Seit dieser Zeit sind Begegnungen von Juden und Katholiken auf höchster Ebene inklusive Vatikan und Begegnungen mit dem Papst fast schon zur Routine geworden. Dann Benedikt XVI., der das fortsetzte und der als einer der ersten Taten die Kölner Synagoge besucht hat am Rande des Weltjugendtreffens. Das sind natürlich schon einmal Vorgaben, aber es fehlt noch etwas. Es sind großartige Taten, es sind Taten der Geschwisterlichkeit, es fehlt aber die theologische Reflektion. Was bedeutet es, wenn Synagoge und Iglesia heute so miteinander verbunden sind? Und dies ist nun natürlich denkbar mit Franziskus, der jetzt wieder in die Fußstapfen von Johannes XXIII. als Papst der Herzen treten könnte. Denn unser christlich-jüdischer Dialog ist ja in der großen, weiten Welt, insbesondere in der Dritten Welt, kaum angekommen. Hier wäre es natürlich ein wunderbares Zeichen. Und wenn ich sehe, dass eine der ersten Amtshandlungen des jetzigen Papstes am Donnerstag noch war, der jüdischen Gemeinde Rom - und Rom als Bischof von Rom steht jetzt hier symbolisch für das Judentum in der Welt - einen Brief zu schreiben, in dem er der Hoffnung Ausdruck verleiht, dass man das Gespräch, die Begegnung vertiefen könnte - dann muss ich ehrlich gesagt gestehen, ist man fast schon etwas ergriffen, was eben in unserer Zeit aus einer Feindschaft, einer Theologie des Anti-Judaismus geworden ist: ein Dialog der Geschwister.

domradio.de: Franziskus, das drückt schon sein Name aus, will wieder zurück zur Basis. Zurück zur Basis würde ja auch bedeuten, dass man sich auf die Grundlagen des Christentums, nämlich das Judentum besinnt. Glauben Sie, dass das soweit gehen kann?

Ginzel: Ich denke mir, das kann eine große Bereicherung sein. Sehen Sie, die Menschen stecken doch in einer Identitätskrise, weltweit und ganz besonders in Europa. Der große mystische Überbau ist doch das eine, aber wenn man, wie der jetzige Papst, auch die Sozialarbeit möchte, wenn man sich den Armen und Unterdrückten zuwenden möchte – ja wo kommt man denn dann an? Dann kommt man an in den Lehrhallen Israels, in denen einst der Knabe Jesus war, in denen eben nicht ein großer Pomp entwickelt wurde, sondern in denen ein Zimmermannsgeselle gehört wurde von den Gelehrten, in denen man mitdiskutierte. Das heißt, wir kämen wieder hin zu einer lernenden Basis. Einer Basis, die keine Unterscheidung zwischen Laien und Priestern kennt, mit einer urdemokratischen Form. Das stellt ja die Synagoge heute dar, indem wir sozusagen uns begegnen als Lernende, als Suchende, die sich in der Tat bewähren wollen, wo es nicht reicht, zu Gott zu beten, um Vergebung zu flehen, sondern wo sich Gott in uns manifestiert, indem wir uns den Anderen zuwenden. Und ich glaube, das ist eine sehr franziskanische Lehre. Das ist, wenn Sie so wollen, zugleich auch Urjudentum. Und wie ich höre aus Amerika, hat der Dialog, an dem eben auch Papst Franziskus beteiligt war als Erzbischof, damit zu tun gehabt, indem er gemeinsam eine katholisch-jüdische Initiative mitorganisiert hat, die sich ganz dezidiert den Armen und Ärmsten seiner Diözese zuwandte. Das, glaube ich, wäre eine Fortsetzung und Konkretisierung unseres doch sehr intellektuellen Dialogs. Das gemeinsame Handeln, das gemeinsame Werk. Über eine Milliarden Menschen zählt die katholischen Kirche und die Synagoge 16 Millionen Menschen weltweit – das sind natürlich Unterschiede. Und trotzdem können wir als die Kinder des Bundes hier gemeinsam ein Zeichen setzen. Ich bin ziemlich sicher, dass der jetzige Papst in diese Richtung früher oder später die Initiative ergreifen wird.

domradio.de: Was ist denn eigentlich das Ziel, was könnte das Ziel eines optimalen Dialogs zwischen Heiligem Stuhl und Judentum sein?

Ginzel: Eine Entkrampfung. Die konservativen Kräfte, die ja derzeit Machtstrukturen im Umfeld der Kurie bilden und im Grunde genommen ja einen Benedikt XVI. auch zur Resignation veranlasst haben, vertreten natürlich zu einem beträchtlichen Teil auch ein konservativ-reaktionäres Weltbild. Das heißt, an der Stellung zum Judentum manifestiert sich auch die Veränderung, die Reform der katholischen Kirche in Bezug auf das Innerkatholische, in Bezug auf mehr Offenheit, mehr Freiheit, indem wir nicht nur von Liebe reden, sondern Liebe auch in Bezug auf Andere, auf Andersgläubige, auf Homosexuelle, auf Geschiedene etc. ausdehnen. Und eine Theologie des Dialogs bedeutet Aufgabe dieses Gefühls, dass es ausnahmslos für alle Menschen auf dieser Welt nur einen Weg zum Heil gibt, nämlich den katholischen, sondern Anerkennung, dass ganz offensichtlich der liebe Gott verschiedene Heilswege vorgesehen hat: Den katholischen für die Katholiken, an dem sie festhalten sollen, den sie selbst inhaltlich bestimmen müssen, aber gleichzeitig eben Akzeptanz, dass auch die älteren Geschwister, die Juden, und die neueren Geschwister, die Muslime, von den anderen Religionen ganz zu schweigen, auch Gottessucher sind und bei Gott sind, geliebt wie die Kirche. Und ich glaube, da haben wir noch einen großen, gemeinsamen Weg vor uns.

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