Msgr. Robert Kleine
Msgr. Robert Kleine

14.03.2013

Kölner Stadtdechant Monsignore Kleine zu Papst Franziskus „Die Herzen gewonnen“

Als „ein Zeichen für eine Kirche, die sich in Solidarität den Armen zuwendet“, wertet Kölns Stadtdechant Monsignore Kleine die Wahl von Papst Franziskus im domradio.de-Interview.

domradio.de: Herr Monsignore Kleine, wie haben Sie diese anderthalb Stunden vom weißen Rauch bis zur Ansprache vom Balkon des Apostolischen Palastes erlebt?
Monsignore Kleine: Sehr wechselhaft, weil ich zuerst dachte, es kommt schwarzer Rauch. Ich erwartete die Wahl erst für den nächsten Tag, dann läutete plötzlich während einer Sitzung des Katholikenausschusses der Dicke Pitter hier neben dem domradio und dem Domforum. Dann das verhältnismäßig lange Warten auf die Bekanntgabe des Namens, und dann ein Erstaunen, denn ich muss sagen, dass ich von diesem neuen Papst noch nicht viel gehört hatte.

domradio.de: Das ging vielen so, er stand auch nicht unter den Namen, die in den letzten Tagen so sehr gehandelt wurden. Was meinen Sie?
Monsignore Kleine: Das ist ja vielleicht auch ein ganz gutes Zeichen. Es wurde ja ziemlich viel diskutiert, und manchmal konnte man auch nur etwas amüsiert beobachten, wie Wetten abgeschlossen wurden. Ich glaube, die Kardinäle haben sich im Vorfeld des Konklave genügend Zeit genommen, um zu schauen, wo geht es hin in und mit der Kirche, und dass dann nach einer doch relativ kurzen Wahlzeit mindestens eine Zweidrittel-Mehrheit für Franziskus gestimmt hat, ist ein sehr positives Zeichen.

domradio.de: Was sagt Ihnen der Name Franziskus?
Monsignore Kleine: Nach Benedikt, der sich nach Benedikt XV. benannte, aber auch sicherlich nach dem großen Benediktinergründer, dem Mönchsvater des Abendlandes, nun ein anderer Heiliger, der uns dafür bekannt ist, dass er Gott und Christus selbst in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat und von vielem anderen gelassen hat, der bescheiden und arm gelebt hat. Ich denke, von seiner lateinamerikanischen Herkunft her ist die Wahl Franziskus‘ ein Zeichen für eine Kirche, die sich in Solidarität den Armen zuwendet. Wie ich glaube, ein sehr gutes Zeichen. Und etwas ganz Neues: Heute Morgen waren die Zeitungen voll davon, dass der neue Papst einen Namen wählte, den es bisher noch nicht gab – und schon haben wir einen Franziskus.

domradio.de: Franziskus hat dann nach relativ langer Zeit, bis wir mal wussten, wer es sein und wie er sich nennen würde, seine erste Ansprache gehalten, die von großer Bescheidenheit zeugte. Haben Sie das auch so empfunden?
Monsignore Kleine: Ja. Das war eine Bescheidenheit wie bei Benedikt, aber eine andere Bescheidenheit. Ich glaube, dass auch Joseph Ratzinger – gerade auch durch die Gottesdienste, die er vorher schon in Rom gefeiert hatte, z.B. beim Begräbnis von Johannes Paul II. ‑ das Gefühl kannte, vor einer solchen Menge zu stehen, dass er natürlich auch ergriffen war, weil es auch eine Bürde ist, die in diesem Moment erstmalig auf jemandem lastet, der gerade Papst geworden ist. Das kann wohl niemand ganz nachempfinden. Benedikt hat den Massen zugewinkt, Franziskus kam eben sehr dezent auf den Balkon, aber ich glaube, er hat sich in der Zeit seiner Ansprache gefasst und auch sein sympathisches Lächeln – so habe ich es erlebt – gezeigt. Er hat ja mit einem Buona Sera begonnen, hat am Ende eine ‚Gute Nacht‘ gewünscht, auch der Hinweis auf seinen Vorgänger in Castel Gandolfo – ich denke, damit hat er die Herzen gewonnen. Ich fand, dass er sehr sympathisch und bescheiden herüberkam, und das ist ja eigentlich zunächst einmal ein gutes Zeichen. Die erste Papstwahl, die ich bewusst miterlebt habe, ich bin 1967 geboren, war die Johannes Paul I. – und ich habe immer sein Lächeln in Erinnerung behalten; dann ist er gestorben und seitdem, seit 1978, ist ja eine ganze Menge passiert: Der erste Nicht-Italiener nach langer Zeit, dann ein Deutscher und jetzt der erste Nicht-Europäer, ein Lateinamerikaner – also das ist schon eine Kirche, die auf einem Weg ist, der manchen überrascht, aber auch positiv überrascht.

domradio.de: Wenn Sie sich noch einmal an die Papstwahl vor acht Jahren erinnern – Benedikt kam heraus, man hat ihm die Anspannung angemerkt, aber irgendwie hatte man das Gefühl, beim Heraustreten auf den Balkon hat er für sich entscheiden: Ja, ich kann das! Er begrüßte die Menschen, man hat immer diese berühmte Handbewegung vor Augen. Heute kam Franziskus heraus, und stand während der Hymnen erst einmal ganz bescheiden mit den Händen quasi an der Hosennaht – man hatte das Gefühl, er wusste nicht so recht, was er nun tun sollte.
Monsignore Kleine: Da war ich ganz bei ihm, weil das ja wirklich eine Situation ist, in die man sich nicht hineindenken kann. Ich weiß ja nicht, und wir werden es auch nicht erfahren, wie das Konklave verlaufen ist, aber ich kann mir vorstellen, wenn man merkt, da kommt etwas auf mich zu, und wenn man dann die Mehrheit der Stimmen erhalten hat, und weiß, man ist Papst, dann muss man überlegen, wie nenne ich mich, und dann wird man in den Vorbereitungsraum geschickt, man muss sich umkleiden, und dann steht man vor diesem vollen Petersplatz – da stockt wohl jedem der Atem! Und da kann man auch nicht auf große Gesten setzen, sondern man ist in diesem Moment so, wie man ist, und das drückt auch die Bescheidenheit aus, die Franziskus bisher ja auch in Artikeln und Berichten bescheinigt wurde.

domradio.de: Und er bringt einen gewissen Humor mit: Nach dem Buona Notte hat er gesagt: Jetzt ruht Euch alle mal gut aus! Er hat direkt gezeigt, er ist jemand der den Weg gemeinsam mit den Menschen geht.
Monsignore Kleine: Das hat sich auch durch den Jubel gezeigt. Zuerst hat mich das an die damalige Wahl von Johannes Paul II. erinnert, bei dem der Name auch zuerst etwas Erstaunen hervorrief: Wer ist das genau? Aber als Franziskus dann auf den Balkon trat, hat er auch bei den Italienern gepunktet, er hat ja neben der argentinischen auch die italienische Staatsbürgerschaft, er ist ja auch Bischof von Rom, die haben ihn gestern Abend schon in ihr Herz geschlossen.

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