Schulz beim Papst
Schulz beim Papst

20.11.2014

EU-Parlamentspräsident Schulz zum Papstbesuch in Straßburg "Gesellschaft funktioniert ohne die Kirche nicht"

Von den Reden von Papst Franziskus im EU-Parlament und im Europarat am kommenden Dienstag erhofft sich der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz starke Botschaften, auch für die Konflikte in der Ukraine und Russland.

KNA: Herr Schulz, warum war es Ihnen wichtig, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche vor dem Europaparlament spricht?

Schulz: Das Wort des Papstes hat eine enorme Bedeutung. Und im EU-Parlament hat er einen Resonanzboden, den es sonst nicht noch einmal gibt. Die 751 Abgeordneten repräsentieren 507 Millionen Menschen in 28 souveränen Staaten. Und auch weit über den Rahmen der katholischen Kirche hinaus ist Franziskus ein Mensch, der anderen Orientierung gibt. Auch die Nicht-Katholiken hier im Haus sind gespannt auf die Rede. Das Interesse am Wort dieses Mannes ist enorm.

KNA: Bei welchen Themen kann Franziskus Impulse setzen?

Schulz: Die Frage nach Krieg und Frieden hatte ein großer Teil der Europäer ja bereits abgehakt. Doch durch die aktuellen Konflikte steht dies nun plötzlich wieder auf der Tagesordnung in Europa. Der Papst wird sicher auch etwas zur ungleichen Verteilung von Reichtum sagen, zur Flüchtlingsproblematik und Migrationspolitik. Aber auch die Frage nach der Solidarität in der Gesellschaft ist ein wichtiges Thema, nicht nur für Christen. Der Besuch des Papstes 25 Jahre nach dem Mauerfall wird ein historisches Ereignis.

KNA: Wie hoch sehen Sie den Stellenwert der Kirche bei der Wertevermittlung in der EU?

Schulz: Der Zusammenhalt in der Gesellschaft funktioniert ohne die Kirche nicht. Das ist eine persönliche Erfahrung, die ich in meiner Zeit als Bürgermeister gemacht habe: Die größten zivilgesellschaftlichen Gruppen sind die katholischen und evangelischen Kirchengemeinden. Deren soziales und gesellschaftliches Engagement, deren Sinnstiftung nach innen sind enorm. Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinde kann ein identitätsstiftendes Element im Leben sein. Das wird oft von Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft unterschätzt.

KNA: Der Papst interveniert immer wieder mit wirtschaftsethischen Äußerungen. Für Sie als Politiker: Gehört das zum Aufgabenbereich der Kirche?

Schulz: Die Kirche soll sich einmischen und ihr Ziel verfolgen, den Menschen ein Leben in Würde zu verschaffen. Dazu gehört auch der gerechte Anteil am Vermögen der Gesellschaft. Damit meine ich nicht nur das Wirtschaftsgut, sondern das, was eine Gesellschaft zu tun vermag, damit das einzelne Mitglied in Würde leben kann. Mit Unterstützung der Kirchen kann das besser erreicht werden - wenn auch nicht unbedingt leichter. Wir haben an den offenen und kontrovers geführten Debatten bei der jüngsten Familiensynode gesehen, dass die Debatten innerhalb der katholischen Kirche so kontrovers sein können wie die Debatten in der Gesellschaft selbst. Kirchen sind ein Teil unserer Gesellschaft; deshalb wäre es verwunderlich, wenn die gesellschaftlichen Debatten nicht Einfluss auf die Kirche nähmen und umgekehrt.

KNA: Sie haben den Papst bereits bei seiner Amtseinführung und dann bei zwei Privataudienzen getroffen. Was bedeuten Ihnen diese Treffen?

Schulz: Papst Franziskus ist eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit. Die Gespräche waren für mich ein großer Gewinn, nicht nur persönlich, sondern auch inhaltlich. Ich selbst bin nicht religiös, habe jedoch in meiner unmittelbaren Nähe oft erlebt, dass der Glaube den Menschen hilft, ihr Leben zu bewältigen. Davor habe ich großen Respekt und werde die Glaubensfreiheit jederzeit mit all meinen Mitteln verteidigen. Doch der Glaube ist Privatsache und individuell; jeder kann das Recht auf Religiosität für sich reklamieren und muss es jedem anderen zugestehen.

KNA: Der Papst wird auch im Europarat sprechen. Kann er Einfluss auf den Konflikt in der Ukraine und Russland nehmen?

Schulz: Wir erleben derzeit, dass Russland ständig das internationale Völkerrecht bricht, obwohl es sich als Mitglied des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen darauf verpflichtet hat, das Völkerrecht zu schützen und zu verteidigen. Das bereitet uns große Sorgen. Die Botschaft von Franziskus, dass das Völkerrecht bindend ist, kann daher sehr wichtig sein. Schließlich sind ja auch die Katholiken und Orthodoxen in der Ukraine ganz unmittelbar von dem Konflikt betroffen.

Das Interview führte Kerstin Bücker.

(KNA)

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