Mann mit Mundschutz in einer Kirche
Mann mit Mundschutz in einer Kirche

13.04.2020

Ostern eines deutschen Priesters in Tschechien Mit dem Glauben über die Schrecken der Zeit kommen

Seit 17 Jahren wirkt Philipp Irmer in einer nordböhmischen, einst von Deutschen bewohnten Wallfahrtsgemeinde. Der Priester aus dem Münsterland feiert Ostern in einer leeren Kirche und bleibt trotzdem optimistisch.

Dass etwas ins Stocken geraten kann, ist für Philipp Irmer eine Erfahrung, die er in den vergangenen 17 Jahren schon häufig erlebte. Sein Leben als katholischer Priester in der kleinen nordböhmischen Gemeinde Marianske Radcice (Maria Ratschitz) unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was der gebürtige Münsterländer vorher kannte.

"Es ist eine Vollbremsung"

"Das einzige, was gleich ist, sind die Gottesdienste", sagt der kräftige Mann, der 2003 mit einer großen Portion Optimismus und Tatendrang aufbrach, um wieder katholisches Leben in einen der ältesten böhmischen Wallfahrtsorte zu tragen. Die zum Zisterzienserkloster Osek gehörende Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Mutter Gottes liegt in einem Gebiet, das zu den säkularisiertesten in ganz Europas gehört.

Was Irmer in Corona-Zeiten erlebt, da ganz Tschechien quasi unter Quarantäne steht, ist mehr als ein bloßes Stocken. "Es ist eine Vollbremsung. Das öffentliche Leben ist im Ausnahmezustand. Nichts ist mehr wie vorher", so der Priester.

Das ist in den Kar- und Ostertagen besonders schmerzhaft für ihn. Die Gottesdienste sind normalerweise gerade zu dieser Zeit sehr viel besser besucht als sonst. In diesem Jahr wird es keine für die Gläubigen geben. "Ich bin da vergleichsweise privilegiert, kann die Tage in meiner Kirche begehen, wenn auch nur im kleinsten Kreis mit meinem Diakon", sagt Irmer.

Keine Mittel für Fernsehübertragung

Freilich sei es ihm immer egal gewesen, ob er vor 2 oder vor 200 Katholiken predigt. "Der Aufwand unterscheidet sich ja nicht. Und wenn man eine Messe in einer Kirche wie der meinen zelebriert, weht da immer auch ein Hauch der Geschichte. Ich denke dann daran, wie viele Tausende Gläubige hier über die Zeiten im Gebet vereint gewesen sind. Daraus ziehe ich Kraft." Er selbst wolle keine Gottesdienste über Soziale Medien übertragen. "Ich habe keine Mittel dafür. Und in Tschechien gibt es zudem die Möglichkeit, sich Heilige Messen im Fernsehen anzusehen."

Die Tschechen gingen sehr viel anders mit Corona um als die Deutschen, findet Irmer. "In Deutschland wird - schon wegen des Föderalismus - sehr viel mehr über die Art der Krisenbewältigung debattiert, sehr demokratisch. Die Tschechen schauen vergleichsweise gebannt zu ihrer Regierung auf, halten ihren Ministerpräsidenten für eine Art Propheten, der alles schon irgendwie für sie richten wird. Sie fragen kaum nach, ob Einschränkungen tatsächlich sinnvoll sind."

Spätestens an diesem Punkt wird ihm immer mal wieder seine Sozialisierung in Deutschland bewusst. Ansonsten fühlt er sich pudelwohl in seiner Wahlheimat. Er sei hier gut angenommen worden, nie als "Deutscher" stigmatisiert gewesen im früheren Sudetenland. Nur wenige seien ihm aus dem Weg gegangen, als er hierher kam.

Bier statt Messwein 

Damals gab es zwischen ihm und den Tschechen auch noch die Sprachbarriere. Heute spricht Irmer fließend Tschechisch, kann so auch die tschechische Seele erreichen. "Wenn man mit den Tschechen Bier statt Messwein trinkt, kommt man sich besonders nahe", lacht der Priester. Es helfe ihm in Tschechien, dass er auch weltlichen Dingen nicht abgeneigt sei. Bei vielen Festen habe er Handwerker für die Arbeiten an der Kirche gefunden, auch Förderer.

Die Zwangsaussiedlung der Deutschen nach dem Krieg, vor allem die vor genau 75 Jahren begonnene "wilde Vertreibung", sei in seiner Arbeit natürlich präsent. Doch im Alltag spiele das keine wirkliche Rolle - zumal die Generation von damals kaum mehr da sei. In der Nähe seiner Kirche gebe es eine Tafel, auf der den Sowjets für die Befreiung gedankt werde. "Bei Licht besehen sind die Tschechen damals aber vom Regen in die Traufe gekommen", fügt er mit Blick auf die jahrzehntelange Zugehörigkeit des Landes zum Moskauer Einflussgebiet hinzu.

Gibt Ostern eine Antwort darauf, wie man mit Corona umgehen kann? Auch wenn kirchliches Leben in Liturgie, in der Nächstenliebe und im gemeinsamen Bekenntnis diesmal hinter verschlossenen Türen stattfinde, meint Irmer: "Ostern bleibt das große Fest unseres Lebens, ist und bleibt Gottes Antwort auf Krankheit, Leiden und Tod. Im Leiden und Sterben Christi hat Er den Tod für uns besiegt. In der Auferstehung hat Er das Leben für uns neu geschaffen. Glauben wir das?" Seine Antwort auf Jesu Frage, so Pfarrer Irmer, sei seine Arbeit in Nordböhmen.

Hans-Jörg Schmidt
(KNA)

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