Thomas Sternberg
Thomas Sternberg

12.04.2017

ZdK-Präsident Sternberg zu den Kar- und Ostertagen "Da rieselt es heiß und kalt den Rücken runter"

Die hohen Osterfeiertage stehen vor der Tür. Doch welche Bedeutung hat der Glaube noch für diejenigen, die zwar katholisch sind, aber weitgehend säkular leben? ZdK-Präsident Thomas Sternberg stellt sich im Interview dieser Frage.

domradio.de: Was meinen Sie, warum gehen so viele Menschen an Ostern und Weihnachten in die Kirche? Ist da Sehnsucht im Spiel?

Prof. Thomas Sternberg (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken/ZdK): Ich denke schon. Es sind die mit Abstand wichtigsten Festtage im Kirchenjahr. Beim Osterfest läuft alles zusammen, woran wir Christen glauben. Das ist der zentrale Feiertag. Jemand, der sich als gläubiger Mensch, als Christ, begreift, der wird die Tage von Gründonnerstagabend bis zur Osternacht mit besonderer Intensität begehen.

domradio.de: Im gesellschaftlichen Mainstream ist Ostern heute oft ein nettes Frühlingsfest mit schönen bunten Eiern und niedlichen Osterküken und -hasen, die den Kindern Geschenke bringen. Aber davor steht der Karfreitag, der Tod am Kreuz. Das blenden viele aus. Es ist ja auch nicht unbedingt leicht zu verstehen. Gott opfert seinen Sohn, lässt zu, dass dieser ans Kreuz geschlagen wird. Das ist grausam. Wie lässt sich das den Menschen von heute vermitteln?

Sternberg: Das ist tatsächlich sehr schwer zu verstehen. Wenn man sich einmal die Frömmigkeit der Kreuzwege ansieht, dann sehen wir heute vor allem die Möglichkeit, eigenes Leid und das Leid der Menschen im Leiden des Gottessohnes gespiegelt zu sehen. Man sieht, der Gottessohn hat gelitten. Auch da hat das Leiden eine ganz eigene Würde erfahren, ein Leiden, das es hier auf der Erde auch gibt und das auch Menschen tragen müssen. Ein anderer Gedanke ist uns vielleicht fremder geworden: Wenn wir jetzt zu Karfreitag wieder das Lied "O Haupt voll Blut und Wunden" singen, dann heißt es dort in der vierten Strophe: "Was du Herr hast erduldet, ist alles meine Last. Ich hab' es verschuldet, was du getragen hast." Das ist auch das, was in den Passionen von Johann Sebastian Bach immer vorkommt. Der Gedanke ist, dass der Gottessohn wegen unserer Sünden leiden muss. Da frage ich mich schon, ob das ein Thema ist, mit dem wir uns ganz besonders beschäftigen sollten, nicht zuletzt auch in diesem Jahr des 500. Reformationsjubiläums.

domradio.de: Das Thema Schuld spielt in der Zeit vor Ostern eine große Rolle. Früher war es selbstverständlich, dass die Leute vor Ostern zur Beichte gingen und sich fragten, wo sie selbst schuldig geworden sind. Das gibt es heute so nicht mehr, oder?

Sternberg: Nicht mehr, würde ich nicht sagen. Es gibt natürlich immer noch die Beichte, aber es gibt die Beichte nicht mehr ansatzweise in dem Umfang und der Menge, wie man das in anderen Ländern erlebt und dort völlig üblich ist. In Deutschland ist das schon vor vielen Jahrzehnten ein wenig weggebrochen, und ich weiß nicht, wie man das wiederbeleben kann. Ich glaube, einfach mit dem Appell, man solle doch beichten gehen, wird das nicht zu machen sein. Man wird fragen müssen, wie das eigentlich mit unserem eigenen Bewusstsein von Schuld und Sünde aussieht. Das meine ich ganz persönlich und ganz privat. Wie ist das eigentlich mit der Vorstellung, dass man selber etwas falsch gemacht hat? Schuld kennt jeder. Meistens sind aber die anderen schuld. Wie sieht es aber mit der eigenen Schuld aus? Ich meine damit nicht - was es früher viel zu viel gab -, den Leuten ein Sündenbewusstsein einzureden und mit einem düsteren, strafenden und strengen Richter aller Sünder den Menschen zu drohen. Das ist nicht gemeint. Aber auch in der frohen Botschaft gibt es die Frage nach dem eigenen Fehlerhaften.

domradio.de: Gehen Sie denn selbst vor Ostern zur Beichte?

Sternberg: Ich würde Ihnen ungern diese Frage beantworten. Das ist eine sehr persönliche  Frage. Allerdings kann man eins sagen, nämlich dass es die Osterbeichte, die früher einmal geradezu zum Regelrepertoire katholischer Christen generell gehörte, seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

domradio.de: Die Kar- und Ostertage haben eine großartige Liturgie. Da hat sich über die Jahrhunderte ein großer Schatz an Bildern und Ritualen entwickelt. Dieser ist erlebbar an den kommenden Tagen. Empfinden Sie das auch so?

Sternberg: Selbstverständlich. Wer katholischer Christ ist und in dieser Kirche großgeworden ist, den wird es nicht unberührt lassen, wenn man die Osternacht erlebt und mitbekommt, wie das Licht in die Kirche einzieht und wie die Kerzen langsam den Raum erleuchten und das Ganze dann in das Exultet, das Lob des Lichtes und der Kerze, einmündet. Da rieselt es einem schon heiß und kalt den Rücken runter. Das ist Beheimatung. Ich glaube, dass ist tatsächlich eine Liturgie, bei der sich zeigt, dass hier etwas - immer wieder aufgefrischt - aus uralten Beständen erhalten ist. Es war ja lange Zeit im katholischen Bereich fast verschüttet, aber dann im Jahr 1958 durch Pius XII. wieder aktualisiert worden. Eine solche Osternacht geht schon sehr, sehr tief.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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