Reinhard Kardinal Marx
Reinhard Kardinal Marx

03.03.2014

Kardinal Marx: Sozialpapier soll zu breiter Debatte anregen "Nicht das letzte Wort"

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat das am Freitag veröffentlichte Sozialpapier "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" der beiden großen Kirchen in Deutschland verteidigt. Im Interview erklärt er, warum.

KNA: Herr Kardinal, was sind die programmatischen Kern-Aussagen des Papiers? Beim ersten Lesen wirkt der Text profilloser als die früheren sogenannten kirchlichen "Sozialworte".

Marx: Wirtschaftlich geht es uns in Deutschland derzeit ganz gut. Deshalb steht der Text im Zwiespalt, unsere Situation nicht schlechtzureden, aber den Finger in die Wunden zu legen, die es ja tatsächlich auch gibt. Die Kirchen versuchen, den Blick über den Tag hinaus zu richten. Bei den Finanzmärkten heißt das: Es müssen weiterhin Konsequenzen aus der Krise gezogen werden, die Probleme haben sich ja nicht in Luft aufgelöst. Und bei den Staatsfinanzen bedeutet das: Man kann bei guter Konjunktur nicht immer höhere Ausgaben machen, sondern muss einen generationengerechten Haushalt aufstellen.

KNA: Warum hat es so lange gedauert, die gemeinsame Sozialinitiative zu formulieren? Und ist das Ergebnis nicht ein wenig mager für einen so langen Beratungsprozess?

Marx: Es wäre doch verwunderlich, wenn die Kirchen auf die komplizierten Fragen unserer Zeit schnelle und einfache Antworten hätten. Natürlich gibt es unterschiedliche Sichtweisen, die man unter einen Hut bringen muss. Sicher liest man deshalb an einigen Stellen auch den Kompromisscharakter des Textes heraus. Aber es ist gar nicht schlimm, dass wir zu vielen Fragen keine endgültigen Antworten geben. Denn der Text soll ja zu einer Diskussion anregen. Die Kirchen haben nicht das letzte Wort gesprochen. Wir wollen vielmehr, dass sich viele an unserem Ringen um eine gerechte Gesellschaft beteiligen. Die zivilgesellschaftliche Debatte ist ein wichtiger Faktor der Demokratie.

KNA: Wie muss man sich den Konsultationsprozess vorstellen, der zu diesem Text geführt hat? Gab es ein Ringen um bestimmte Passagen?

Marx: Es gab bislang gerade keinen Konsultationsprozess. Viele haben uns dafür auch kritisiert. Aber die EKD und die deutschen Bischöfe waren sich einig, dass sich ein Konsultationsprozess, wie wir ihn in den 90er Jahren hatten, nicht so einfach wiederholen lässt. Das Gemeinsame Wort von 1997 hat bis heute Gültigkeit, und das wollen wir nicht relativieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass es bislang keine Diskussion gegeben hätte. Bei den gesellschaftlichen Zielen gibt es in den Kirchen und zwischen den Kirchen eine hohe Übereinstimmung. Allerdings kann man über die Wege dorthin trefflich streiten. Deshalb müssen Sie sich die Entstehung des Textes als Diskussionsprozess vorstellen. Doch bei allen Unterschieden war uns in diesem Prozess wichtig, das Einende herauszustellen und als Christen unsere gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft wahrzunehmen.

KNA: In welche Debatte soll der Text nun einmünden?

Marx: Der Text ist ein Impuls, der zu Diskussion und Widerspruch auffordert. Wir hoffen auf viele Beiträge aus der Politik, von Gewerkschaften und Arbeitgebern und natürlich aus den kirchlichen Verbänden und Gruppierungen. So soll ein Dialog entstehen. Die Kirchen haben nicht die besseren politischen Lösungen, sondern wir wollen - ganz im Sinne des Gemeinsamen Wortes von 1997 - Politik möglich machen. Dabei setzen wir heute auch auf eine Diskussion im Internet. Auf einer Homepage kann die "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" diskutiert und kommentiert werden. Das alles soll dann in einen großen Kongress einfließen, auf dem wir im Sommer in Berlin die Thesen auch mit Politikern und Fachleuten erörtern. Aber es wäre auch gut, wenn etwa Verbände und Akademien Veranstaltungen dazu machen könnten.

KNA: Was folgt denn jetzt konkret aus der Initiative der Kirchen - etwa für die Euro-Rettung oder für die Debatte um den gesetzlichen Mindestlohn?

Marx: Der spezielle Blick der Kirchen richtet sich vor allem auf die an den Rand Gedrängten, deren Belange allzu schnell vergessen werden. Deshalb ist es uns wichtig, dass ein Mindestlohn zwar ein geeignetes Mittel sein kann, um den Auswüchsen unregulierter Arbeitsmärkte entgegenzutreten, aber der Mindestlohn löst nicht alle Probleme. Wir müssen Wege finden, wie wir möglichst viele am Erwerbsleben beteiligen und ihnen dadurch Chancen eröffnen. Die Kirchen wollen also vor allem ethische Richtweisungen geben, aber sie können und wollen nicht auf Heller und Pfennig die richtige Höhe eines Mindestlohnes beziffern. Das gilt ebenso für die hochkomplexe Gemengelage der Euro-Rettung: Wir betonen, dass Solidarität und Eigenverantwortung untrennbar zusammengehören. Für die Gestaltung einer europäischen Ordnung braucht es beides. Grundsätzlich gilt: Die europäische Einigung darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.

(KNA)

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