Flüchtlinge im Mittelmeer
Flüchtlinge im Mittelmeer
Pater Claus Pfuff SJ
Pater Claus Pfuff SJ

07.01.2019

Warum Deutschland die Aufnahme von 49 Bootsflüchtlingen scheut "Angst vor einem Schritt nach vorne"

Im Mittelmeer warten zwei Rettungsschiffe weiter darauf, 49 Flüchtlinge nach Europa bringen zu können. 49 ist keine erschreckend große Zahl. Deutschland knüpft die Aufnahme dennoch an Bedingungen. Was könnte dahinter stecken?

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hat an die europäischen Staaten appelliert, die 49 Flüchtlinge aufzunehmen, die sich zurzeit auf zwei Rettungsschiffen im Mittelmeer befinden. Malta, Italien und Spanien haben abgelehnt. Deutschland und die Niederlande haben sich bereit erklärt, wenn andere Länder auch mitmachen. Warum dieses "wenn"? Könnte Deutschland die 49 Flüchtlinge nicht einfach aufnehmen oder wer hat da Angst - vielleicht vor Reaktionen der AfD?

Pater Claus Pfuff (Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland): 49 Flüchtlinge - das ist eine erschreckend geringe Zahl. Es geht ja hier nicht wirklich um Menschen, die 'hereinströmen', wo wirklich große Verantwortung auf uns zukommt, die nicht handhabbar wäre. Letztlich ist es aber wirklich so, dass das politische Klima in Deutschland mittlerweile so ist, dass man Angst hat, einen Schritt nach vorne zu machen, der noch einmal an die Willkommenskultur von 2015 erinnert. Und es ist schade, dass das, was Deutschland geprägt und letztlich auch Ansehen gebracht hat, immer mehr zurückgeschraubt wird und die Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren, ins Abseits gestellt werden. 

DOMRADIO.DE: Faktisch hat sich die Flüchtlingssituation in den europäischen Ländern beruhigt. Da könnte man doch jetzt ein gemeinsames europäisches Konzept im Umgang mit Flüchtlingen entwickeln, oder?

Pfuff: Letztendlich fehlt in bestimmten Staaten der Wille dazu, überhaupt etwas zu entwickeln. Und somit scheint es, dass dieses Problem bis auf den Sankt-Nimmerleins-Tag hinausgezögert wird und wahrscheinlich eine gesamteuropäische Lösung eher in weitere Ferne rückt als dass sie näher rückt.

DOMRADIO.DE: Können wir Europäer uns wirklich aus dieser globalen Krise, die es ja ist, davonstehlen?

Pfuff: Ehrlich gesagt können wir uns nicht davonstehlen, wenn wir unsere Werte, für die Europa steht, nach wie vor ernst nehmen und für sie einstehen. Wenn wir sagen, dass wir uns auf bestimmte christliche Werte berufen, dürfen wir nicht die Augen zumachen und uns immer weiter abschotten.

DOMRADIO.DE: Aktuelle Zahlen zeigen: Sieben von acht Flüchtlingen haben nicht etwa in Deutschland, Österreich oder Italien Zuflucht gefunden, sondern in Entwicklungsländern wie Bangladesch, Uganda oder Pakistan. So steht es im Bericht des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Was sagen uns in Europa diese Zahlen? Oder besser: was sollten sie uns sagen?

Pfuff: Wenn man sich anschaut, in welchen Ländern Flüchtlinge aufgenommen werden, ist es beschämend, dass die Hauptlast der Flüchtlingskrise die Staaten tragen, die nicht zu den reichen Ländern gehören. Letztlich muss man sagen, dass Länder wie Jordanien, Uganda, Libanon und Bangladesch sehr viele Menschen aufnehmen - unter sehr schwierigen Bedingungen. Bei uns fehlt oft der politische Wille, Menschen, die auf der Flucht sind, die in Not sind, eine neue Heimat zu gewähren.

DOMRADIO.DE: In Deutschland ist die Zahl der Asylanträge in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres um weitere 20 Prozent gesunken. Und doch schafft es die AfD, den Menschen Angst zu machen vor den Flüchtlingen. Woran liegt denn das?

Puff:: Die Panikmache besteht darin, dass die AfD es schafft, Menschen, die sich in ihrem sozialen Umfeld bedroht fühlen, noch mehr Angst einzujagen - Menschen die einkommensschwach sind oder in Gebieten leben, in denen es wenig Arbeit gibt. Da wird das Bild gemalt: Flüchtlinge kommen und nehmen diesen Menschen die Arbeit weg, nehmen ihnen die Lebensgrundlage weg und die Wohnungen in den großen Städten. Das erzeugt natürlich Ängste, was aber letztlich der sachlichen Grundlage entbehrt.

DOMRADIO.DE: Die Menschen in Bangladesch, die selber wenig haben, müssen ja eigentlich viel mehr Sorge haben, dass ihnen noch etwas weggenommen wird. Wenn man das mal mit Europa vergleicht - was geht einem da durch den Kopf?

Pfuff: Ich hatte vor Jahren eine Erfahrung in Namibia, dass eine Frau eine Aids-Kranke und deren Kinder von der Straße zu sich aufgenommen hat, obwohl sie selber nicht genügend zu essen hatte. Diese Solidarität, miteinander zu teilen, das Gut des Lebens höher anzusehen als den eigenen Reichtum, fand ich toll zu sehen und sehr beeindruckend. Hier in Deutschland geht es den Menschen so gut wie nie. Aber letztendlich ist die Angst, solidarisch zu sein oder mit anderen zu teilen und von unserem Überfluss etwas abzugeben, zu groß.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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