Altar in teilweise zerstörter syrischer Kirche
Verfolgung von Christen nimmt weltweit zu
Open Doors Geschäftsführer Markus Rode
Open Doors Geschäftsführer Markus Rode
Christin im indischen Balluga, Frau eines unschuldig inhaftierten Christen
Christin im indischen Balluga, Frau eines unschuldig inhaftierten Christen

10.01.2018

Open Doors stellt Weltverfolgungsindex 2018 vor Lage für Christen verdüstert sich

Die Farben auf der Weltkarte von "Open Doors" sind eindeutig: Vor allem im Mittleren Osten, aber auch im Norden und Osten Afrikas sowie in Südasien häufen sich rote Fähnchen, die auf starke Christenverfolgung hinweisen. Lichtblicke sind rar.

DOMRADIO:DE: Sie haben den diesjährigen Weltverfolgungsindex 2018 vorgestellt. Gibt es positive Aspekte? In welchen Ländern hat sich das Leben von Christen verbessert?

Markus Rode (Geschäftsführer von Open Doors): Da gibt es einige Länder. Tansania zum Beispiel war letztes Jahr im Index auf Platz 33. Es ist nun ganz aus dem Weltverfolgungsindex herausgefallen, ist allerdings immer noch mit Verfolgung belegt. Die gute Entwicklung war, dass der Ende 2015 neu gewählte Präsident gegen Islamisten vorging, die versucht hatten, Sansibar als autonome kleine Republik einzunehmen, dort die Scharia einzuführen und enorme Gewalt auf Christen ausübten. Die Vorgehensweise des Präsidenten nahm den Druck auf Christen raus; die Gewalt hat deutlich abgenommen. Das ist eines der positiven Beispiele.

Ein weiteres Beispiel ist Syrien, wo es weniger Berichte von gezielter Gewalt gegen Christen gibt. Letztes Jahr lag Syrien noch auf Platz sechs im Verfolgungsindex – zusammen mit den Staaten, in denen Christen am härtesten verfolgt werden – jetzt befindet es sich auf Platz 15. Die Befreiung vom IS hat letztlich eine Entspannung für Christen gebracht, auch wenn immer noch Gewalttaten gegenüber Christen verübt werden.

DOMRADIO:DE: Fakt ist, dass weltweit 600 Millionen Christen in Ländern mit Verfolgung leben. Wo hat sich die Situation von Christen besonders verschlimmert?

Rode: Wenn wir die zehn Plätze des Weltverfolgungsindex nehmen, dann steht an erster Stelle leider wieder Nordkorea. Die nächsten neun Länder sind islamisch dominiert. Betrachtet man die Länder mit einer sprunghaften Verschlechterung der Lage von Christen, muss man Indien, Nepal und Eritrea nennen. In Indien wie in Nepal herrscht ein religiöser Nationalismus. Die indische Regierung um Premierminister Modi geht knallhart gegen Christen vor. Der Slogan heißt: Jeder Inder muss ein Hindu sein. Da gibt es keinen Platz für andere Minderheiten. Das trifft nicht nur Christen, sondern auch Muslime. In Indien sind allein für letztes Jahr mehr als 600 gewaltsame Akte gegen Christen dokumentiert. Ähnlich ist es in Nepal.

Es gibt sogenannte "Rück-Konversions-Veranstaltungen", wo die Kastenlosen, die Dalits, zusammengeschlagen werden, bis sie öffentlich bekennen, dass sie zum Hinduismus zurückkehren. Pastoren werden auf Esel gesetzt, kahlgeschoren, mit Kuhdung eingerieben und überschüttet und müssen sich dann vor den Heiligtümern verbeugen; Kirchen werden zerstört – es ist eine sehr dramatische Entwicklung im Hinduismus, die wir da beobachten. 

DOMRADIO:DE: Open Doors zeigt ja nicht nur Ist-Zustände auf, sondern will auch Regierungen in Ländern, in denen Christen besonders verfolgt werden, dazu bewegen, Christen zu schützen. Wie machen Sie das und gibt es ein Beispiel, wo ihre Bemühungen fruchten?

Rode: Ja, wir haben tatsächlich erreicht, dass Menschen, die zum Tode verurteilt waren, über Petitionen nicht hingerichtet wurden. Wir haben von Gefangenen gehört, die Ermutigungsbriefe bekommen haben: Open Doors bietet an, direkt an verfolgte Christen im Gefängnis zu schreiben; die Briefe werden weitergeleitet. Wir haben gehört, dass Gefängnispersonal mit der Folter aufgehört hat, weil es sah, dass ein großes öffentliches Interesse für diese Christen da ist.

Im Bereich der stillen Diplomatie, hinter den Kulissen bei der UN oder der EU – Volker Kauder setzt sich zum Beispiel sehr aktiv ein, auch mit Informationen, die er von uns bekommt – sehen wir einige Bewegungen. Ganz offen gesprochen, können wir uns jedoch nicht nur auf die Politik verlassen. Wir sind als christliches Hilfswerk in 60 Ländern aktiv und müssen leider oft in den Untergrund abtauchen, weil sich auch die Christen nur im Untergrund bewegen dürfen.

DOMRADIO:DE: Zeichnet sich in den letzten Jahren ein Trend ab, in welche Richtung sich die Lage der Christen weltweit entwickelt?

Rode: Der Trend ist leider negativ. Auch wenn ich etwas Positives berichten konnte, nimmt der Druck insgesamt zu. Es ist weltweit wie ein Strangulieren der christlichen Gemeinschaften. Das, was wir sehen, ist eine weitere Radikalisierung von Menschen durch den Islam oder islamistischen Bewegungen, die nicht nur vom IS oder Boko Haram angetrieben werden, sondern auch vom Iran und Saudi-Arabien, die die Ausbreitung des radikalen Islams finanzieren.

Wir sehen auch am Beispiel Indien, dass es einen religiösen Nationalismus gibt; dass man nicht möchte, dass Christen ihren Glauben frei leben können; dass man in buddhistischen Ländern Christen keine Möglichkeit gibt, eine Kirche zu bauen, ihre Toten zu beerdigen und Gottesdienste zu feiern. All das – natürlich auch viele Vertreibungen von Christen, die immens zugenommen haben – sind Entwicklungen, die uns mit Sorge belegen.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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