Menschenrechte werden vielerorts eingeengt
Menschenrechte werden vielerorts eingeengt
Ulrich Delius
Ulrich Delius

21.08.2017

Gesellschaft für bedrohte Völker im Kampf für Menschenrechte Eine Stimme für Minderheiten

Ob Christen im Nahen Osten, Bewohner der Westsahara oder "Wolfskinder" in Ostpreußen - die Gesellschaft für bedrohte Völker setzt sich seit fast 50 Jahren für bedrängte Minderheiten ein. Mancher Konflikt schwelt dabei schon länger.

In Brasilien werden Indigene aus ihren Gebieten vertrieben, im Jemen tobt ein erbitterter Bürgerkrieg, und in Bosnien trauern immer noch zahlreiche Mütter um ihre in Srebrenica ermordeten Männer. In einer ruhigen Seitenstraße in der Göttinger Innenstadt ist von all dem nicht viel zu spüren - dennoch sind dort die weltweiten Konflikte so präsent wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland.

Ein unscheinbarer, zweistöckiger Bau beherbergt die Zentrale einer der bundesweit größten Menschenrechtsorganisationen, der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). 

Die Wände des ehemaligen Nebengebäudes der Universität sind mit bunten Plakaten gepflastert, "Yeziden im Irak beschützen" und "Völkermord im Südsudan stoppen", heißt es darauf. In einem der Büros basteln Praktikanten überdimensionale Zeitungen mit Schlagzeilen aus dem Südsudan für eine Protestaktion. Seit fast 50 Jahren setzt sich die GfbV für die Rechte religiöser und ethnischer Minderheiten ein.

Zusammenarbeit auch mit kirchlichen Hilfswerken

Die Organisation sucht das Gespräch mit Politikern und Konfliktparteien, veröffentlicht regelmäßig Pressemitteilungen und organisiert Kampagnen und Aktionen. 25 hauptamtliche Mitarbeiter und mehrere Praktikanten agieren hauptsächlich von Deutschland aus, hinzu kommen rund 6.000 ehrenamtliche Mitglieder. Um in den betroffenen Gebieten den Überblick zu behalten, arbeiten die Menschenrechtler vor Ort mit Organisationen, vielfach auch kirchlichen Hilfswerken, zusammen. 

Der Name "Gesellschaft für bedrohte Völker" stammt von 1968, als die Menschenrechtler Tilman Zülch und Klaus Guercke die Organisation in Hamburg gründeten. Seitdem macht die Gesellschaft, die sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert, unermüdlich auf Menschenrechtsverletzungen weltweit aufmerksam.

So ging es etwa um eine Beteiligung deutscher Firmen am Aufbau der Giftgasindustrie Saddam Husseins im Irak. Die Gesellschaft wirkte Anfang der 1980er Jahre darauf hin, dass die Bundesregierung den Holocaust an den Sinti und Roma anerkannte. Zülch leitete bis vor Kurzem die Geschicke als Generalsekretär. Im März trat er im Alter von 77 Jahren zurück, seitdem steht der langjährige Afrika- und Asien-Referent Ulrich Delius als Direktor an der Spitze der Gesellschaft. 

Breites Einsatzspektrum

Der Begriff der "bedrohten Völker", der von linken Gruppen gelegentlich als rechtsnational kritisiert wird, spielt laut Delius für die tägliche Arbeit nur eine untergeordnete Rolle: "Wir gucken vor allem nach der menschenrechtlichen Notwendigkeit, wo Betroffene unsere Hilfe brauchen."

Ob Christen im Nahen Osten, Bewohner der Westsahara oder die sogenannten Wolfskinder - also die wegen Kriegsverbrechen und Hungerkatastrophe verwaisten Nachkommen der Ostpreußen: Das Spektrum der Gruppen, für die sich die Menschenrechtler einsetzen, ist breit.

Eines der jüngsten Konfliktfelder liegt im Jemen, wo die rund eine Million dunkelhäutigen Al-Akhdam Opfer eines Bürgerkriegs werden. Die GfbV macht nicht nur auf das Schicksal dieser Minderheit, sondern auch auf die Ursache des Problems aufmerksam - den seit Jahren andauernden Machtkampf der schiitische Huthi-Rebellen mit der sunnitisch geprägten Zentralregierung. "Unser Engagement reicht hinein bis in die deutsche Innenpolitik, die regelmäßig Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien ermöglicht und so letztlich den Konflikt befeuert", so Delius. 

Konflikte drehen sich vielfach im Kreis

Sieht er in den vergangenen 50 Jahren Fortschritte im Kampf für die Menschenrechte? "Das ist schwer zu sagen", sagt Delius. "Positiv ist, dass es immer mehr Aktive gibt, die sich für Menschenrechte einsetzen." Darüber hinaus seien viele Volksgruppen mittlerweile sehr gut organisiert. "Auch Indianer kommen heute mit Laptop und Power-Point-Präsentation zu Konferenzen."

Negativ sei dagegen, dass sich viele Konflikte seit Jahrzehnten im Kreis drehten. Nach blutigen Auseinandersetzungen, denen die Bevölkerung wie im Südsudan über mehrere Generationen ausgesetzt sei,  seien die Menschen traumatisiert und würden sich nicht mehr vertrauen. "Wir brauchen mehr Ansätze, um solch verfahrene Situationen aufzuarbeiten."

Michael Althaus
(KNA)

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