Kriegsversehrte Soldaten trainieren in einer Sporthalle der afghanischen Armee
Kriegsversehrte Soldaten trainieren in einer Sporthalle der afghanischen Armee
Patienten stehen auf einem der Gänge im größten Militärkrankenhaus in Afghanistan in der Hauptstadt Kabul
Patienten stehen auf einem der Gänge im größten Militärkrankenhaus in Afghanistan in der Hauptstadt Kabul
Der afghanische Soldat Sefatullah in einem Krankenbett in der größten Militärklinik in Afghanistan
Der afghanische Soldat Sefatullah in einem Krankenbett in der größten Militärklinik in Afghanistan
Der afghanische Soldat Sabiuallah im größten Militärkrankenhaus in Afghanistan
Der afghanische Soldat Sabiuallah im größten Militärkrankenhaus in Afghanistan
Ehemaliger afghanischer Soldat Matiullah in einer Sporthalle der afghanischen Armee in Kabul
Ehemaliger afghanischer Soldat Matiullah in einer Sporthalle der afghanischen Armee in Kabul

04.08.2017

Afghanistan und seine Veteranenkrise Die Armee der Beinlosen

Abgerissene Arme, Beinstümpfe, Blindheit - 12.000 afghanische Soldaten und Polizisten wurden im vergangenen Jahr im Krieg mit den Taliban verletzt, viele sind heute behindert. Das Land ist überfordert mit so vielen Kriegsversehrten.

Eigentlich hätte Abdul Manan, jüngst ausgemusterter Veteran des afghanischen Krieges, zum Mittagessen kommen sollen. Auf dem Tisch in einem beliebten Restaurant in Kabul stehen Kebab, Kabuli-Reis und rote Bohnen. Aber Abdul Manan, der sich vorsichtig auf blaue Plastikpolster hat sinken lassen, das gelähmte Bein von sich gestreckt, schafft nur ein paar Löffel Hühnersuppe. Seitdem er verletzt wurde, isst er weniger und weniger. Die Haut spannt über spitzen Wangenknochen, die Kleidung schlottert.

Manan war seit 34 Jahren Soldat, als er im vergangenen Jahr in Baghlan, Nordafghanistan, einen Nachschubkonvoi in schwere Gefechte hineinfuhr. Dort trafen ihn Kugeln in den unteren Rücken und den rechten Oberschenkel. Vielleicht schrumpft der Appetit an diesem lähmenden Gefühl, das er so schlecht auszudrücken vermag - das Gefühl, dass es das war mit seinem Leben. Manan ist erst 55, aber er verbringt die meisten seiner Tage nur noch zu Hause. Mit dem Wort Depression kann er nichts anfangen, aber es mache ihn traurig, dass sich keiner der Kommandeure, die ihm früher ihr Leben anvertraut hätten, nach seiner Verletzung bei ihm gemeldet habe, sagt er.

Schockierendes Ausmaß

Der Krieg mit den radikalislamischen Taliban, der sich seit dem Ende der Nato-Kampfmission 2014 rasant verschärft, frisst afghanische Soldaten und Polizisten in einem Ausmaß, das westliche Militärs schockierend nennen. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden 2.531 Mitglieder der Sicherheitskräfte getötet und 4.238 verletzt, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Spezialinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan. Im ganzen Jahr 2016 waren es rund 7.000 Tote und rund 12.000 Verletzte.

Die USA, die Zehntausende Soldaten in Afghanistan hatten, betreiben großen Aufwand um die Rückkehrer aus diesem Krieg - vor allem um die Versehrten. Afghanistan hat dafür weder Kraft noch Kapazitäten. Schon die medizinische Versorgung ist dünn. Das Militär hat landesweit sechs Kliniken, zwei weitere werden wegen der vielen Opfer gerade gebaut. Alles, was danach kommt - das Überleben als an Körper und Seele versehrter Mensch - ist nur noch Privatsache. Pflegeheime gibt es nicht in Afghanistan, psychologische Betreuung für Traumata ist immer noch so gut wie unbekannt. Es sind die Familien, die wieder ran müssen in diesem abermaligen Krieg, ohne dafür ausgerüstet zu sein.

Rechte und Zuständigkeiten

"Das Problem ist, dass die Regierung das Geld nicht hat für all die neuen Veteranen", sagt Ali Dschafari, der für "Hilfe für Helden" arbeitet. Die NGO (Nichtregierungsorganisation) hilft den Militär- und Polizeiopfern des Krieges bei der Durchsetzung ihrer Rechte. Versehrte Veteranen bekommen weiter ihr volles Gehalt, das oft zwischen 150 und 220 Euro liegt, und sie und ihre Familien können in Militärkliniken gehen, wenn sie krank sind. Auf dem Papier gibt es auch Ausbildungsoptionen. Aber viele Veteranen wüssten all das nicht, sagt Dschafari. Viele könnten nicht lesen und schreiben, und das System biete Leistungen nicht aktiv an. Es verlange von den Opfern, sich selber zu bemühen.

Ein weiteres Problem ist, dass nach der Entlassung Verteidigungs- und Innenministerium nicht mehr zuständig sind. Sie geben alle Verantwortung ab an das Ministerium für Arbeit, Soziales, Märtyrer und Behinderte. Und das ist eines der schlechtesten im Land.

Kein Geld für notwendige Operationen

Bei Gesprächen mit Mitarbeitern der Direktorate für "Märtyrer" und "Behinderte" werden die Probleme im Detail deutlich. Die Ärzte in den Militärkrankenhäusern verschreiben zum Beispiel Operationen, die in Afghanistan nicht machbar sind - und im Sozialministerium müssen sie dem Versehrten dann sagen, dass für eine Behandlung im Ausland kein Geld da ist. Abdul Manan, der Soldat mit dem gelähmten Bein, musste sein Land verkaufen, um in Indien eine weitere Operation zu bekommen.

Das Ministerium ist auch zuständig für die Ausgabe der Gehälter der Ex-Kämpfer. Ihre Zahl sei seit dem vergangenen Jahr um 20 bis 25 Prozent gestiegen, sagt Direktoratsleiter Mohammed Din Kanai - aber eine Budgeterhöhung habe er nicht bekommen. Kanai deutet an, dass das Ministerium Leistungen für Zivilisten kürzen muss, um den Soldaten und Polizisten helfen zu können.

Selbst wieder ein Leben aufbauen

Die Kriegsversehrten, die es schaffen, sich wieder ein Leben aufzubauen, die warten nicht auf den Staat. Matiullah zum Beispiel. 2009, in der nordafghanischen Provinz Kundus, hatten ferngesteuerten Sprengsätze ihm beide Beine abgerissen. Heute arbeitet er bei Hilfe für Helden, die NGO (Nichtregierungsorganisation), die sich für die Veteranen einsetzt.

Nachdem die Beine ab waren, habe er sich umbringen wollen, erzählt er. Dann habe er sich YouTube-Clips angeschaut über Menschen mit Behinderungen in anderen Ländern und wie sie leben und Mut gefasst. Er hat angefangen, beim Roten Kreuz in Kabul Rollstuhlbasketball zu spielen, hat Englisch- und Computerkurse genommen.

Vielen fehlen die Mittel

Aber Matiullah ist auch bis zur 12. Klasse in die Schule gegangen. Er kann lesen und schreiben, und sein Vater war Regierungsbeamter in Kabul. Seine Familie hatte die Energie und die Mittel, in seine Genesung zu investieren. Es ist eine glückliche Kombination von Vorteilen. Die haben nicht viele der Kriegsversehrten in Afghanistan.

Christine-Felice Röhrs
(dpa)

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