Protestaktion von Indigenen in Brasilien
Protestaktion von Indigenen in Brasilien

09.08.2016

Wie staatliche Sozialprogramme indigenen Völkern schaden Zu viel des Guten

Immer mehr Indigene in Brasilien nehmen an staatlichen Sozialprogrammen teil. In abgelegenen Regionen richten die Programme jedoch viel Schaden an, denn sie reißen die Indigenen aus ihrer traditionellen Lebenswelt.

Drei Tage und Nächte haben die Frauen vor der alten Sporthalle im Zentrum von Sao Gabriel da Cachoeira angestanden. Nun sitzen sie auf den Tribünen und warten darauf, einen Stapel von Formularen auszufüllen. Danach erhalten sie ihr Geld an einer mit Urwaldmotiven bemalten Ausschanktheke. Vor dem Ausgang warten bereits ihre Ehemänner, einige sichtlich angetrunken.

Brasiliens "indigenste Stadt"

Sao Gabriel da Cachoeira ist Brasiliens "indigenste Stadt". Hier wurde der erste indigene Bürgermeister des Landes gewählt, es gibt drei indigene Amtssprachen. Die 850 Kilometer nördlich von Manaus gelegene Stadt ist das Zentrum des extremen nordwestlichen Zipfels Brasiliens. Über ein weit verästeltes Flusssystem versorgt die Stadt die indigenen Siedlungen in einem Radius von Hunderten von Kilometern.

Sao Gabriel ist zudem Auszahlungsstelle für die staatliche Sozialhilfe in der unzugänglichen Amazonasregion. "Bis zu einer Woche sind die Indigenen unterwegs, um sich hier 'Bolsa Familia' abzuholen", berichtet der Anthropologe Renato Martelli Soares von der Nichtregierungsorganisation Instituto Socioambiental (ISA). Ihr Leben habe sich mit der Ankunft der staatlichen Leistungen vor ein paar Jahren auf den Kopf gestellt, die Urwaldbewohner bräuchten nun Ausweisdokumente und Adressnachweise. Bürokratische Monster würden so geboren.

Sozialhilfe mit Nebenwirkungen

In den vergangenen 13 Jahren hat "Bolsa Familia" landesweit Millionen Familien aus der bittersten Armut befreit. Für jedes Kind, das nachweislich zur Schule und regelmäßig zum Arzt geht, erhält die Familie einen Betrag auf ein für sie eingerichtetes Konto. In Sao Gabriel, der einzigen Auszahlungsstelle in der riesigen Urwaldregion, wird noch per Hand ausbezahlt, ein langatmiger Prozess. Es fehlt an Übersetzern, an geschultem Personal. So sind die Schlangen wartender Frauen gigantisch.

 

"Jeden Monat kommen sie, um das Geld abzuholen, wodurch daheim die Felder brach liegen" sagt Soares. "Und hier geben sie das Geld dann für Dinge aus, die sie eigentlich nicht brauchen." Die für Sozialhilfe anstehenden Frauen sehen das nicht so. "Produkte für meine kleinen Kinder kann ich nur hier in der Stadt kaufen, und dafür brauche ich Geld", so eine junge Indigene. Mit ihren Feldern ein paar Tage den Fluss hinauf sei es nicht weit her, die Böden zu unfruchtbar. Zum Überleben reiche das nicht.

Problem Alkohol

"Bolsa Familia" wurde 2003 eingerichtet, um die Versorgung der armen Bevölkerung mit Lebensmitteln zu garantieren. Doch nicht allein für Nahrung geben die Indigenen das Geld aus. Die Läden der Stadt sind voll von Billigprodukten aus Asien. Dazwischen liegen Schnellrestaurants und Trinkstuben, in denen sich die Ehemänner der in der Schlange wartenden Frauen die Zeit vertreiben. Bereits in den frühen Stunden des Tages sind die Straßen mit stark alkoholisierten Männern gesäumt.

"Das Auftauchen von Salz, Zucker, Weizenmehl und Alkohol trifft die Indigenen, ihre Organismen sind nicht daran gewöhnt, sie werden krank", so der Anthropologe Soares. "Je größer die Distanz, die die Indigenen zur modernen Zivilisation halten können, desto gesünder sind sie."

Doch die Distanzen schrumpfen zusehends. Drei Flugstunden weiter östlich campiert eine Gruppe von Yanomami-Indigenen an der Autobahn BR 174 in einem Vorort der Stadt Boa Vista. Sie wirken verloren, ausgezehrt, einige sind alkoholisiert und betteln die vorbeikommenden Autofahrer an. Als eines der wenigen indigenen Völker Nordbrasiliens hätten es die Yanomami geschafft, sich fern von der westlichen Zivilisation zu halten, berichtet Ozelio Izidorio Messias, Landessekretär für indigene Angelegenheiten im Teilstaat Roraima.

Immer mehr Indigenen-Dörfer lösen sich auf

Doch die in der Nähe weißer Farmen und Städte liegenden Indigenen-Dörfer zeigten zusehends Auflösungserscheinungen.

In den Amtsstuben der Stadtverwaltung werben Plakate für "Bolsa Familia", abgefasst in 18 Sprachen. Man sieht lächelnde indigene Jugendliche darauf. Die Realität sieht anders aus. "Statt selber wie seit Jahrtausenden ihre Felder zu bestellen, beantragen sie Sozialhilfe und kaufen in den Supermärkten der Weißen ein", so Messias. Sinnvoller wäre seiner Ansicht nach ein staatliches Schulungsprogramm, in dem die Indigenen lernen könnten, ihre selbst produzierten Lebensmittel auf die Märkte zu bringen: "Sie sollten sich selbst finanzieren, statt einfach nur die Hand aufzuhalten."

Thomas Milz
(KNA)

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